
(ju+KiS+jm) (vo) Dann schreib ich die Einleitung zu unserem zehnten Freak Valley Festival und zum zehnten Freak Valley Festivalbericht in unserem Blog: Gäste und Freaks aus vielen Winkeln dieser Erde besuchten das Festivalgelände auf dem AWo Gelände in Netphen-Deuz und zum campen die Wiesen ober- und auch unterhalb von Beienbach. Zwischendurch erwanderten sie Pfade, Felder und Wälder rundrum zum durchlüften und Landschaft geniessen. Nicht zu vergessen die diversen Gasthöflichen- und Hotelstätten, die bis zum Rand gefüllt mit unseren Besuchern beschäftigt wurden. 26 Bands aus zehn Ländern und drei Kontinenten: knapp 2800 Musiktrunkene ließen sich von ihnen musikalisch verwöhnen und konnten sich an diversen Durstlöschinseln und kulinarischen Orten auf Rädern oder direkt auf dem Boden auch verwöhnen lassen. Und nun die Aufforderung zum Tanz durch drei Tage und Nächte voller Bluesrock-, Elektrika-, Grunge-, Punk-, Psychedelic-, Rock- und Stonerpoesie…..

(ju) Mit Tuskar aus Großbritannien haben die Veranstalter den perfekten Opener für die Jubiläumsausgabe des Freak Valley Festivals gewählt: Nicht zu lahm, nicht zu bombastisch, nicht zu brav und nicht zu exzentrisch. Obwohl die Briten aus Milton Keynes sich die große Bühne bloß zu zweit teilen und ihre Plätze darauf nicht für einen Schritt verlassen (dass ein Drummer samt Set dazu durchaus in der Lage ist, beweist zwei Tage später The Great Machine recht eindrucksvoll), schleudern Tom Dimmok an der Gitarre und Tyler Hodges am Schlagzeug und Mikro ab 16 Uhr auch ohne Bass ein wummsiges Doom-Brett mit Sludge-Kanten dem wolkenlosen Himmel und der sich langsam füllenden Wiese vor der Bühne entgegen. Die beiden verstehen sich sprichwörtlich blind und sind ein hervorragendes Beispiel für Verbundenheit und Kommunikation durch Musik: Hier und da erfolgt ein kurzer Blickwechsel, sofern Tom Dimmoks Haare das Gesicht freigeben und Tyler Hodges seinen Hals nicht gerade weit nach links zum seitlich stehenden Mikro dreht oder vielmehr verrenkt. (Ich überlege ernsthaft, ihm nach dem Gig eine Nackenmassage anzubieten, doch die Jungs spülen Anspannung und Steifheit letztlich gut gelaunt mit Bier hinunter.) Dass die kaum sichtbare Kommunikation prima funktioniert, beweisen die gelungenen Tempiwechsel sowie der Über-Song „Halcyon Gilt“, in dem sich frickelige Strophen und Voll-auf-die Zwölf-Refrains die Klinke in die Faust geben. Opener haben es bekanntlich schwer? Nicht, wenn sie Tuskar heißen (im Übrigen benannt nach einem Charakter aus „World of Warcraft“).
Astroqueen (S)

(KiS) Eine wunderbare Überraschung aus Schweden. Fotostrecke hier. Live und in Farbe (!) und noch so “ früh“ um 17 Uhr. Die Herren und Damen sehen aus , als seien sie eher dunklen Nebel gewöhnt. Die Dame am Bass (Ellinor Andersson/ Electric Hydra) setzt schon mal klare Regeln für die Frauenquote des Tages. Musikalisch versiert UND gutaussehend. Der Herr am Gesang, kein geringerer als Daniel Änghede (Ex Crippled Black Phoenix – auch hier ne Platte -z.B. von Stickman Records), bearbeitet die Gitarre und legt mit der Truppe ein nordländisch gemäßen Fuzzysound über die noch warme Wiese des Freak-Tales. Sehr schlau, die restlichen Tage des Festivals danach dabei sein, die Erfahrung bringt es mit sich, das 10jährige Jubiläum des Festes ausgiebig zu feiern!
Besvärjelsen (S)
(ju) Bes-vär-jel-sen, mit Betonung auf der zweiten Silbe, bedeutet soviel wie Bann, Zauberspruch, Beschwörung. Ein Zungenbrecher von Bandnamen, dessen korrekte Aussprache Sängerin Lea auf Instagram extra in einem Video anleitet (Beitrag vom 14. März 2022, für diejenigen, die üben wollen). Ansager Volker erhält vor dem Gig sogar Privatunterricht von der charmanten Frontdame – er spricht den Namen aus als wär‘s sein eigener. Lea Amling Alazam bannt, verzaubert und beschwört das Publikum anschließend neben ihrem optischem Charme (im saucoolen „Shaft“-Shirt) vor allem mit ihrer dunklen, soulig-warmen Stimmfarbe. Die vier Instrumentalisten harmonieren und brillieren, Andreas Baier und Staffan Winroth liefern an den Gitarren sogar ein Doppel-Solo. Besvärjelsen präsentiert dem stetig wachsenden Publikum eine schmackhafte Mischung aus schleppenden Doom-Perlen („Return To No Return“), Stoner-Rockern wie „House Of The Burning Light“, balladesken Ohrenschmeichlern („Clouds“, „All Things Break“) und dem extrem groovigen „The Cardinal Ride“, bei dem die in der Sonne zerfließenden Körper vor der Bühne ekstatisch mitzappeln, ob‘s dem Kreislauf passt oder nicht. Beschwörung at its best.
Komodor (F)
(KiS) Aaaaah, haha, es gibt immer eine Band des Festivals die haben: “ Time of my live“ wie man so schön sagt. Vor wie hinter der Bühne. Und schön ist ein weiteres nicht wokes Thema: Alle französischen Herren auf der Bühne machen bella figura und bringen im 70er Dress dementsprechend gute funky Laune zum Besten! Eine Band die richtig Spaß macht und hoffentlich bald wieder auf den Bühnen Europas zu sehen ist! (Spätestens nächstes Jahr in unseren Kreisen zwinker, zwinker!) Auch unbedingt im Rockpalast nochmal nachschauen! Der junge Mann mit dem „Vote for Pedro“ Shirt erinnert mich übrigens sehr an den jungen Douwe Truijens (Ex Death Alley) jetzt Splinter, die ich mir auch wunderbar auf dieser Bühne vorstellen kann !
El Perro (USA)
(KiS) So, ziemlich viel los auf der Bühne. Quasi eine Supergroup aus Bestandteilen wohlbekannter Bands! Parker Griggs von Radio Moscow, Dorian Sorriaux, Ex Blues Pills, Juaco Escudero (Prisma Circus) + Mr. Ivor Davy. Mein „Facebook Freund“, Mucho Drums, der Great Electric Quest Drummer eigentlich unübersehbar mit Sonnenbrille, kennt das Festival genauso wie seine Kollegen. Hat er doch 2019 erst eine Platte mit unter anderem seinem Konterfei auf dem Cover herausgebracht: Live at Freak Valley. Die Jungs sind alle irgendwie langhaarig, und alle gut gelaunt wie auch die Freaks vor der Bühne. Pünktlich 21 Uhr zur besten Sendezeit, danach wird es kühl mit Urlaub in Polen. Der Livestream des Rockpalast informierte euch auch auf dem Sofa über alles visuellen und klanglichen Qualitäten, der äußerst tanzbaren Kapelle. Hier geht’s zu den weiteren Übertragungsdaten. Und hier zur Fotostrecke: Kirstenrockt.
Urlaub in Polen (Köln)
(jm) Um 22 Uhr erscheint das bereits 1999 in Köln gegründete Musikprojekt „Urlaub in Polen“ auf der Bühne. Schon allein der Bandname irritiert im Line Up. Die Inspiration dazu soll wohl aus der Begegnung mit einem Bekannten herrühren, den der Musikstil an seine dramatischen Erlebnisse während seines Urlaubs in Polen erinnerte. Nun ja… tatsächlich fällt die Einordnung in eine Genre-Schublade schwer. Irgendwas zwischen Elektro, Noise, sphärischen Klangteppichen, brachialem Industrial und merkwürdigem Gefrickel bricht da über uns herein. Vielleicht ist das auch Krautrock 2.0? Und da stehen nur zwei auf der Bühne! Georg Brenner und Jan Philipp Janzen bearbeiten neben Gitarre und Schlagzeug noch allerlei weiteres Effektgedöns. Trotz allem bleibt wohl am Schlagzeug noch die Zeit für eine genüssliche Zigarette. So eine Auszeit soll ja entspannen. Zugegebenermaßen habe auch ich mir den Urlaub in Polen etwas anders vorgestellt. Vergessen werde ich ihn jedoch nie. Und das ist es doch was zählt. Aber noch ist der Abend nicht gelaufen…
Clutch (USA)
(ju) Zeit: 23:35 Uhr. Himmel: schwarz mit Sternchen. Temperatur: angenehm kühl. Atmosphäre: angenehm warm. Publikum: erwartungsvoll und aufgeregt. Während heute Nachmittag ein Bier noch sofortigen Durchschlagcharakter aufwies, schießt die Drehzahl jetzt etwas langsamer nach oben. Clutch betritt die Bühne und bringt die Masse direkt mit einem ganz alten Schätzchen zum Ausflippen: Jean-Paul Gaster treibt mit seinem Schlagzeug voran, Tim Sult und Dan Maines schrubbeln die Saiten und Neil Fallon brüllt mit Inbrunst „Impetus“ in den sternenklaren Nachthimmel, einen Titel von „Passive Reatraints“, der zweiten EP aus dem Jahre 1992 (das erste Studioalbum erschien ein Jahr später). Die US-Kombo aus Germantown, einem Stadtteil in Philadelphia, Pennsylvania, nimmt uns mit auf eine temporeiche Zeitreise durch knapp dreißig Jahre Bandgeschichte und ballert in dieser friedlichen Nacht 13 geladene Songs aus sage und schreibe neun verschiedenen Alben ins Tal der Freaks. Front-Charmebolzen Fallon überzeugt mit seiner Stimmkraft, die man von den Aufnahmen kennt: röhrend und betörend, markant und sonor, alles unter intensiver Verwendung beschwörender Fingerzeige, als deute er gezielt auf diejenigen vor der Bühne, die besonders textsicher sind. Und derer gibt es unzählige. Tanzperlen wie „The Mob Goes Wild“, Groove-Perlen wie „D.C. Sound Attack!“, Moshpit-Perlen wie „Noble Savage“ und Hitparaden-Perlen wie „Electric Worry“ oder „The Regulator“ sorgen für eine permanent hopsende, tanzende, mitgröhlende Menge, die Tim Sult, völlig vertieft in sein versiertes Gitarrenspiel, vermutlich gar nicht mitbekommt. „Bang, bang, bang, bang! Vámonos, vámonos!“
00:55 Uhr. Atmosphäre: aufs höchste positiv aufgeladen. Publikum: torkelnd vor Glück (eventuell auch Bier). Was für ein absolut gelungener erster Festival-Tag!
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