(JensM) 1993 erscheint „Undertow“ – das Debütalbum von TOOL, was mich neben dem ein Jahr später erscheinenden „The Downward Spiral“ von Nine Inch Nails in meiner musikalischen Leidenschaft beeinflusst, wie kaum eine andere Band der Neunziger. Die wirklich einzigartige Kombination aus Fragilität und Aggression, Wärme und Dunkelheit bei den Reisen in die Abgründe der menschlichen Seele sucht bis heute seinesgleichen und beeinflusste unzählige Bands. In den nächsten Jahren erscheinen mit Ænima (1996), Lateralus (2001), 10.000 Days (2006) und Fear Inoculum (2019) nur vier weitere Alben, die bis heute wie Monolithen zu Meilensteinen des Genres zählen und in meinem Musikregal über all die Jahre niemals in die zweite Reihe verdrängt wurden.
Wenn es eine Band gibt, an der ich mich niemals satthöre, dann ist es zweifellos TOOL. Entdeckt man doch in diesem musikalischen Universum auch nach dem ungezähltem Male des Hörens immer wieder neue, gänsehautbeschwerende Details. Und im Juni 2024 – gute dreißig Jahre (ich habe zweimal nachgerechnet: es sind tatsächlich 30!) nach dem Erscheinen von „Undertow“ besuche ich TOOL, mit tausenden Menschen, denen es offensichtlich ähnlich geht wie mir, in der Kölner Lanxess Arena…
Zunächst entdecken wir mit dem Support NIGHT VERSES aus Fullerton/ Kalifornien eine wirklich interessante Postrock Band aus dem Sunshine State. Ich frage mich des Öfteren, wie man in dieser sonnigen Region eine derart albtraumhafte, verstörend schöne und teilweise brachiale Musik schreiben kann. Funktioniert wahrscheinlich weitestgehend in der Nacht, deshalb wohl auch der mehr als treffende Name „Nachtverse“. Diese ziehen uns auf jeden Fall schon mal von der ersten Minute an in ihren Bann, was zur Folge hat, dass es schon innerhalb unseres RockBlog-Teams zu spontanen Albumkäufen des neuesten Outputs kommt „EVERY SOUND HAS A COLOR IN THE VALLEY OF NIGHT“ Was ein Titel! Und genau so sollte es tatsächlich weitergehen, mit vielen Farben für Augen und Ohren…
(Peter) Und dann endlich: TOOL! Die dickste Überraschung gleich zu Beginn: MAYNARD SPRICHT!!! Direkt in seiner Einleitungsrede, und zwar mehr, als in den letzten drei Konzerten, die ich gesehen habe, zusammen! „Cologne! Louder, before I call you Berlin!!!!“ Zweite Überraschung, Danny Carry hat einen neuen Jogginganzug! Bunt und mit leuchtenden Kugeln hinten auf dem Rücken, um auch bei Nachtläufen gesehen zu werden.
Dritte Überraschung: keine! Denn alles, was sonst gestern in den etwas mehr als 2,5 Stunden ablief war wie immer State of the Art: musikalisch sowieso über alles erhaben und, wie Blog-Kollege Jens S. Hoff treffend bemerkte: allen anderen evolutionär mindestens eine Stufe voraus.
Und visuell bedeuten Tool heute für mich das, was Pink Floyd einst waren: Spektakel-Pioniere, die klotzen statt zu kleckern: Eine LED-Leinwand, irgendwas zwischen 40 und 50 Metern breit und 10 bis 15 Meter hoch, Laser in einer Intensität und Anzahl, dass ich ernsthafte Befürchtungen hatte, die Lanxess-Arena könnte sich entzünden und eine auf die Musik hundertprozentig perfekt abgestimmte, schier unglaubliche Videoinstallation. Eine echte Herausforderung für mich, der ich doch gerne mal bei Konzerten die Augen schließe, um die Musik zu spüren – bei Tool ist das fast sträflich, weil im Sekundentakt neue Eindrücke auf den Zuhörer/Zuschauer losgelassen werden, die Ohrmuscheln und Augäpfel zum Qualmen bringen.
(Volker) Der Tag danach: ich bin krank, ich hab ganz schwer Tool, mit allen erdenklichen Nebenwirkungen wie: heftiges Pneuma mit Intolerance, eine Schism vom allerfeinsten mit Lost Keys, nicht zu vergessen eine Fear Inoculum auf dem Chocalate Chip Trip in der Flood! Und The Grudge to Stinkfist! Und auch noch Rosetta Stoned Descending, aber nichtsdestotrotz Invincible.
Diese Band erschug mich mal wieder, musikalisch und visuell, was für ein intensiv anmutiges Spektakulum! Ich war wie von Sinnen, von allen schlechten Geistern verlassen während und danach. Im Minutentakt wechselte sich bei mir Gänsehaut mit Boah! ab, die innere Einkehr mit einem Vulkanausbruch, Nackenorthopädie mit Yoga, manche Augenüberflutung als Wohlfühloase! Und ich leide auch heute, wo ich diesen Text schreibe, noch immer ganz schwer an Pneuma: was für ein Monument an Inhalt, 11:53 Minuten vollkommendster Prog Metal Heavy Rock! Adam, Danny, Justin und Maynard, ihr seid der helle Wahnsinn!
Und auch ich möchte explizit die Vorgruppe auszeichnen: NIGHT VERSES stimmten uns eine gute halbe Stunde aber sowas von großartig ein: das war ein Brett in Sachen Post-Metal. Ps. Und ein paar Tage später orderte auch ich ihre neueste Platte, eine Doppel LP, in Dänemark bei iMusic.
(Jens M.) Selten haben wir ein derart einzigartiges und berauschendes Konzerterlebnis besucht, bei dem man sich Tage später ertappt, die restlichen Europatermine in Oslo und Stockholm zu prüfen, um diese vielleicht spontan mit einem Städtetrip zu verbinden, um es noch einmal zu erleben. TOOL machen wahrhaft süchtig und es gibt nur noch wenige Rockbands auf diesem Planeten, die es schaffen, qualitativ derartig abzuliefern. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass Maynard zu Beginn der Show alle Fans auffordert: „Leave your smartphone in your pocket and stay connected with us.“ Er ist davon überzeugt, dass es sich lohnt. Und wir auch.
Tracklist:
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