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A/LPACA – Laughter

(jul) Es gibt Alben, die einem ins Gesicht springen – und dann gibt es Laughter, das in den Schädel kriecht, sich in die Hirnwindungen einfräst und dort wie eine seltsam vibrierende Erinnerung verweilt. A/LPACA aus Mantua präsentieren mit ihrem zweiten Langspieler eine halbstündige Expedition ins Grenzgebiet von Noise, Neurose und Nirwana – und machen dabei deutlich, dass Lachen keine einfache Regung ist, sondern ein komplexer, kulturell überfrachteter Akt: reflexhaft, subversiv, tröstlich – oder einfach Ausdruck des Wahns.

Laughter ist kein Album, das man sofort mag. Es ist ein Album, das einem zunächst passiert und mit dem man sich nach und nach anfreundet. In seinen besten Momenten erinnert es an den Soundtrack eines Tarkowski-Films: Wie eine Szene aus „Stalker“, in der minutenlang Wasser auf rostige Metallplatten tropft – hypnotisch, erschöpfend, bedeutungsoffen. Und gerade darin liegt seine – Schönheit?
„I laugh when I’m falling apart
Not because it’s funny
But because it’s all I’ve got.“
A/LPACA sind keine Newcomer im eigentlichen Sinne, aber auch keine Veteranen mit ritualisierter Pose. Seit 2017 agieren sie an der Schnittstelle zwischen Psychedelia, Post-Punk, Krautrock und Noise – ohne dabei je einem Stil zu verfallen. Ihr Debüt Make It Better (2021) war ein schlanker Bastard aus repetitiver Manie und Gitarrenrausch. Laughter ist nun die Folgeplatte, die sich nicht mit der bloßen Wiederholung zufriedengibt, sondern sich durch die Schleife hindurchbewegt: rhythmisch, formal und thematisch.
Die vier Bandmitglieder – Christian Bindelli, Andrea Verrastro, Andrea Fantuzzi und Andrea Sordi – wirken fast wie ein geschlossenes System, das sich in ständiger Rotation selbst hinterfragt. Ihre Rollen auf der Bühne und im Studio sind nicht starr: Gesänge überlagern sich, Tasten übernehmen Melodieführung, Bassläufe argumentieren gegen das Schlagwerk – ein dialektisches Kollektiv.

Lachen wird im Album zur Chiffre für eine ganze Spannungsbreite: Eskapismus, Katharsis, Kontrollverlust. Der Moment, in dem ein Mensch lacht, ist der Moment, in dem etwas in ihm bricht – oder heilt. Diese Ambivalenz durchzieht das gesamte Werk: formal wie inhaltlich, melodisch wie textlich
Die Produktion von Laughter ist bewusst roh, fast schroff. Der Raum wird nicht geglättet, sondern hörbar gelassen. Synths flirren wie Fieber, Gitarren heulen kurz auf, nur um dann im Drone zu verglühen. Die Rhythmen sind keine metrischen Stützen, sondern Nervensysteme – mit Zittern, Ruckeln und unkontrollierten Reflexen.
Auffällig ist die elektronische Verdichtung im Vergleich zum Vorgänger. Während Make It Better noch stärker auf krautige Live-Dynamik setzte, ist Laughter vielschichtiger: Drumcomputer schieben sich unter analoge Grooves, modulierte Samples explodieren zwischen Versen. Alles wirkt wie ein Organismus unter Stress – nicht destruktiv, aber hochsensibel.
„Evil Pawn“ eröffnet das Album wie eine geöffnete Wunde. Die Bassline ist manisch, die Stimme kehlig wie eine innere Warnung. Hier beginnt das Lachen nicht als Freude, sondern als Reflex auf das Unkontrollierbare – ein hysterisches Zucken angesichts der Welt als Schachbrett, auf dem man selbst nur Figur ist.
„The Confident Laughter“ tarnt sich als Uptempo-Stück, ist aber in Wahrheit ein nihilistisches Statement: rhythmisch packend, aber emotional leergezogen. Man hört: ein Lachen kann auch hohl sein. Und gerade das macht es gefährlich.
„Laughter, Us Us“ ist das Zentrum der Platte – ein Titel wie ein Mantra. Der Song entfaltet sich in Spiralen, einem immer wieder aufgewärmten Motiv, das sich nicht klärt, sondern zersetzt. Synths schaben am Frequenzband wie rostige Nägel, die Stimme verflüchtigt sich zum robotischen Sprechgesang, nur um dann plötzlich wieder einzufallen wie ein innerer Schrei.
„Empty Chairs“ (mein Favorit!) ist ein fast ambienthafter Song, der die Melancholie jener Orte spiegelt, an denen einst Gespräche, Gemeinschaft, vielleicht sogar Lachen war. Jetzt: Leere. Hall. Ein Echo auf das, was nicht mehr ist.
„Kyrie“ ist eine liturgische Verfremdung. Der Song nimmt Bezug auf das klassische Bittgebet – „Kyrie eleison“ – und konfrontiert es mit maschinellen Beats und dystopischen Harmonien. Ein Ruf nach Erbarmen im posthumanen Zeitalter? Oder einfach das letzte, müde Lachen vor dem Systemabsturz?
„Don’t Talk“ schließt das Album mit einem Widerspruch. Sag nichts. Und doch ist es der vielleicht gesprächigste Track. Man nennt das ja manchmal „Anti-Klimax“. Und genau das ist es auch. Der letzte Track will keine Applaus-Explosion. Er will kein Finale. Er will Ruhe. Aber auch die ist nicht friedlich. Es ist diese Art von Schweigen, die nur entsteht, wenn vorher zu viel gesagt wurde – oder gar nichts. Der Song ist ein Zucken. Ein Stottern. Er lässt dich allein, aber nicht leer. Eher wie jemand, der einfach geht, ohne sich umzudrehen. Kein „Goodbye“. Kein „Danke fürs Zuhören“. Nur: Cut. Ende.
Fazit: keine Pointe, nur Wirkung.

A/LPACA kommen aus Italien, dennoch ist Laughter keine mediterrane Platte. Sie klingt urban, kühl, fremd. In ihrer Ästhetik liegt mehr Berlin als Bologna, mehr Manchester als Mailand.
A/LPACA haben mit Laughter nicht nur ein musikalisches Statement geliefert, sondern auch ein soziokulturelles Dokument. In einer Welt, die ständig nach Sinn schreit, aber selten einen bietet, ist dieses Album eine Reaktion, die sich nicht entschuldigt. Es lacht – und das ganz ohne Spaß.


VÖ: 16.05.2025
Label: Sulatron Records
Tracklist:
1. Evil Pawn 1:32
2. The Confident Laughter 2:23
3. An Encounter 4:21
4. Laughter, Us Us 3:13
5. Bianca’s Videotape 0:27
6. Balance 3:03
7. Brano Fantuzzi 3:45
8. Empty Chairs 4:27
9. Kyrie 2:26
10. Who’s In Love Daddy 1:51
11. Don’t Talk 3:44
Spieldauer: 31:12
http://www.sulatron.com
http://www.alpacaband-mn.bandcamp.com
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Filed under: Album Reviews, Krautrock, Post Punk, Psychedelic, ,

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