(ro) Es gibt Jubiläumsalben, die zurückblicken. „Rouse & Raise Your Voice – 20 Years of Broom Bezzums“ blickt nach vorn, mitten hinein ins Leben. Nein, dieses Album ist kein Denkmal, sondern ein offenes Fenster: Man hört Lachen, Schritte auf Holzfußböden, das Aufziehen eines Bogens, das Anreißen einer Saite – und plötzlich ist man Teil von etwas, das seit zwanzig Jahren unterwegs ist und kein bisschen müde klingt. Folk und Weltmusik gibt es hier nicht als museale Pflege, sondern als gelebte, atmende Gegenwart.
„Broom Bezzums“ sind ein englisches Duo mit deutschem Zuhause, entstanden aus Sessions, Zufällen und der einfachen Freude am gemeinsamen Spiel. 2005 fanden Andrew Cadie und Mark Bloomer zusammen – und zogen seitdem Seite an Seite durch die Lande.
Man hört dieser Musik an, dass sie auf Bühnen, in Pubs, bei Winterfeuern und langen Nächten gewachsen ist. Sie trägt den Schmutz der Straße ebenso in sich wie die Klarheit alter Melodien.
Andrew Cadie bringt den Norden Englands mit: Northumberland, eine Landschaft aus Wind, Stein und Geschichte. Geige und Dudelsack sind für ihn keine Folklore-Requisiten, sondern Muttersprache.
Sein Spiel ist erdig und zugleich luftig, tief verwurzelt in der Tradition, aber nie darin gefangen. Manchmal klingt es, als würde der Wind selbst die Melodie führen, manchmal wie eine Stimme, die Geschichten aus einer anderen Zeit herüberträgt.
Mark Bloomer bildet dazu den unverwechselbaren Gegenpol. Einst Schlagzeuger, fand er in Irland zur Folkmusik – und schließlich zur Gitarre und Mandola.
Seine Saiten reißt er mit einem schmiedeeisernen Backbeat aus dem Black Country an: rau, treibend, voller Groove. Das ist Rhythmusarbeit mit Haltung.
Wo andere streicheln, hämmert Bloomer – nicht grob, sondern entschlossen. Zusammen ergeben die beiden einen Sound, der zugleich archaisch und überraschend modern wirkt.
„Rouse & Raise Your Voice“ ist eine Reise durch diese zwanzig Jahre. Sie beginnt mit „Crooked Jack“, jenem Arbeiterlied, das Andrew und Mark 2005 bei ihrem ersten gemeinsamen Konzert in einer Brennerei an der Mosel vortrugen – spontan arrangiert und zum Maßstab ihres Sounds geworden.
Kontrastierende Gesangsharmonien, Geige und Gitarre im ständigen Dialog, irgendwo zwischen traditionellem Folk und freier Improvisation. Von hier aus entfaltet sich das Album wie ein gut erzählter Abend.

Es gibt erweiterte Arrangements wie bei „Beg, Blag & Steal“, unterstützt von Schlagzeug und Kontrabass.
Dazu kommen vertraute Stimmen aus dem größeren Klangkosmos der Band – etwa Katie Doherty, die auf diesem Album bei drei Songs, z.B. „Wine From A Mug“ zu hören ist und deren zurückgelehnter, soulvoller Gesang seit Jahren zu den prägenden Wegbegleitern der „Broom Bezzums“ gehört.
Ergänzt wird die CD durch Songs aus jüngeren Phasen, etwa aus dem preisgekrönten „Standing Strong“, mit Bottlenecks, Loops und nachdenklicherer Klangfarbe.
Und dann gibt es immer wieder diese mitreißenden Fiddle Reels, bei denen man unweigerlich den Fuß bewegt, ob man will oder nicht.
Was all das zusammenhält, ist die Unmittelbarkeit. Diese Musik tut nicht so, als wäre sie live – sie ist es.
Selbst auf Platte spürt man das Publikum, das Atmen zwischen den Tönen, den Moment, in dem ein Refrain gemeinsam getragen wird.
Textlich erzählen „Broom Bezzums“ kleine Geschichten: von Zusammenhalt, Solidarität, Liebe und Hoffnung. Unaufdringlich, mit Humor, mit einem wachen Blick für das Menschliche.
Songs wie „Cold Winds Blow“ oder „Keep Hauling“ – letzterer längst Teil der britischen Popkultur durch „Fisherman’s Friends“ – stehen hier nicht als Hits, sondern als Kapitel einer größeren Erzählung.
Dass dieses Duo zweimal mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde, überrascht nicht. Dass sie dennoch bodenständig geblieben sind, auch nicht.
Ja, manchmal ist Musik genau das, was sie sein soll: herzlich, verbindend, nah am Menschen.
„Rouse & Raise Your Voice – 20 Years of Broom Bezzums“ ist genau das. Eine Einladung zum Mitsingen, zum Zusammensitzen, zum Lachen, zum Wiederkommen.
Nein, das ist kein Album, das mit irgendetwas beeindrucken will. Sondern eines, das die Tür öffnet, ein Glas einschenkt und sagt: Komm rein, setz dich zu uns, hör zu. Und heb die Stimme – sing mit!
..(..Rosie..)..
Songliste:
1. Crooked Jack
2. Bag, Blag, & Steal
3. Reincarnation
4. Trish’s Reel/The Mildew
5. A Soulin‘
6. Keep Hauling (Anniversary Version)
7. Cold Winds Blow
8. Stanhope In Weardale/New Christmas Day
9. Winter Is The Coldest Time
10. Wine From A Mug
Band:
Mark Bloomer (vocals, guitar, mandola, bouzouki, bass drum)
Andrew Cadie (vocals, fiddle, guitar, slide guitar, Northumbrian pipes, piano, organ, bass, trumpets, viola)
Gäste:
Katie Doherty (vocals ), Keike Faltins (vocals), Ian Stephenson (double bass), Andy May (Northumbrian pipes), Jürgen Treyz (Dobro)
Bandfoto: Eva Giovannini
www.broombezzums.com/
www.bangupbullet.com
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