
(jul) Prog-log der Torheit
„Ich liebe es von jeher, alles das zu sagen, was mir Dummer just auf die Zunge kommt. Nur erwartet nicht, dass ich mich nach der Schablone der gewöhnlichen Redner definiere oder gar disponiere.“
— Erasmus von Rotterdam, Lob der Torheit (Moriae Encomium, 1509)
Erasmus lässt die Torheit ohne Schuldbewusstsein sprechen. Und in Zeiten, in denen Texte gern abgeschrieben, geglättet, neu etikettiert und als eigene Erkenntnis ausgegeben werden, hat dieser Ansatz etwas Tröstliches. Wer nichts nach Schablone sagt, kann auch schwerlich kopiert werden. Torheit als Schutzmaßnahme, sozusagen. Alles, was sauber formatiert ist, lässt sich weiterreichen. Alles, was aneckt, bleibt an einen Ursprung gebunden.
The Praise of Folly ist das fünfte Studioalbum von L’IRA DEL BACCANO und erscheint am 20.02.2026 bei Subsound Records. Es bewegt sich genau in diesem Zwischenraum. Der Titel verweist auf eine Idee, nicht auf ein Programm. Es geht hier nicht um Bildung, nicht um Philosophie, nicht um Bedeutungsschwere. Es geht um eine Arbeitsweise: Dinge entstehen zu lassen, ohne sie sofort zu glätten. Entscheidungen zuzulassen, die nicht rückgängig gemacht werden. Musik nicht so lange zu korrigieren, bis sie austauschbar wird.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser Platte. Nicht die Torheit als Thema, sondern die Weigerung, sich so auszudrücken, dass alles problemlos wiederholbar wäre.
Wie sich das musikalisch äußert
Was L’IRA DEL BACCANO daraus machen, ist keine Sammlung von Stücken, sondern ein zusammenhängender Bewegungsablauf. Drei lange Tracks, live eingespielt, kaum auseinandergezogen, ohne das Bedürfnis, einzelne Momente hervorzuheben oder zu optimieren. Klang entsteht hier aus Dauer, aus Reibung, aus kleinen Verschiebungen – nicht aus Pointen.
Man hört der Platte an, dass Entscheidungen nicht nachträglich legitimiert wurden. Was bleibt, bleibt. Was wackelt, wackelt. Genau dadurch gewinnt die Musik eine Eigenart, die sich nicht nachbauen lässt.
L’IRA DEL BACCANO kommen aus Rom und bewegen sich seit Jahren souverän zwischen Doom, Stoner, Psychedelic und Prog. Wer frühere Longtracks wie Paradox Hourglass Part 1 & 2 kennt, wird hier vertraute Elemente wiedererkennen – aber auch einen deutlichen Perspektivwechsel hören.

Während Paradox Hourglass noch stark über Struktur, Wiederkehr und formale Bögen funktionierte, wirkt The Praise of Folly freier, offener, weniger kontrolliert. Nicht, weil es unfertiger wäre, sondern weil es sich bewusst gegen Überformung entscheidet. Die Musik darf atmen. Und manchmal auch stolpern.
Dieser Perspektivwechsel ist kein Bruch, sondern eine Verschiebung. L’IRA DEL BACCANO haben sich nicht neu erfunden, sondern ihre Prioritäten verlagert. Weg von der Frage, wie ein Stück aufgebaut ist, hin zu der Frage, wie lange man in einem Zustand bleiben kann, ohne ihn erklären oder absichern zu müssen. Das Longtrack-Format dient hier weniger der Dramaturgie als der Erfahrung von Dauer.
Dass diese Haltung kein Zufall ist, hört man auch daran, wie dieses Album entstanden ist. Die drei Stücke wurden über einen Zeitraum von rund zwei Jahren ausgearbeitet – nicht im Sinne von Ausdifferenzierung, sondern von Verdichtung. Nichts wirkt beiläufig, nichts wie eine Idee, die man schnell noch mitgenommen hätte. Stattdessen wurde entschieden, ganze Takes als Einheit zu bewerten. Nicht der technisch sauberste Durchlauf war ausschlaggebend, sondern derjenige, der als Ganzes getragen hat.
Diese Arbeitsweise prägt den Charakter der Platte. Die Stücke wirken nicht montiert oder nachträglich optimiert, sondern durchlaufen. Kleine Ungenauigkeiten bleiben hörbar, weil sie Teil eines funktionierenden Moments sind. Was hier konserviert wurde, ist keine ideale Version, sondern eine Situation – mit all ihrer Spannung, Reibung und Offenheit.
Auch das Zusammenspiel der Band folgt diesem Prinzip. Zwei Gitarren, die weniger führen als reagieren. Ein Bass, der nicht nur stützt, sondern Druck verschiebt. Ein Schlagzeug, das nicht antreibt, sondern lenkt. Rollen sind nicht festgeschrieben, sie entstehen situativ. Genau deshalb bleiben die Stücke trotz ihrer Länge beweglich.
Vielleicht erklärt das auch, warum L’IRA DEL BACCANO in so unterschiedlichen Kontexten funktionieren – von Doom- und Stoner-Zusammenhängen bis hin zu progressiveren, experimentelleren Umfeldern. Diese Musik adressiert keine Szene. Sie adressiert eine bestimmte Art zu hören.
The Praise of Folly steht genau an diesem Punkt: als Zuspitzung einer Entwicklung, die sich über Jahre angebahnt hat. Weniger Absicherung, weniger Kontrolle, mehr Vertrauen in den Moment. Und genau daraus bezieht dieses Album seine Spannung.
Side A – The Praise of Folly (Part 1 & 2) (21:00)
Die komplette A-Seite gehört einer einzigen, zweiteiligen Komposition. Wobei „Teilung“ hier eher eine Orientierungshilfe ist als eine tatsächliche Zäsur. Was passiert, geschieht fließend, manchmal so unmerklich, dass man erst im Rückblick merkt, dass sich etwas verschoben hat.
Der Beginn ist zurückhaltend. Kein Auftakt, der ein Thema ausstellt oder eine Richtung vorgibt. Stattdessen entsteht langsam ein Spannungsfeld, in dem sich Motive etablieren, ohne sich festzuschreiben. Riffs werden angedeutet, nicht ausgespielt. Wiederholung dient hier nicht der Steigerung, sondern der Verfestigung eines Zustands. Man bleibt länger in einer Bewegung, als es die klassische Dramaturgie erlauben würde.
Gerade darin unterscheidet sich diese A-Seite deutlich von früheren Longtracks der Band. Wo früher Struktur Orientierung bot, wird sie hier bewusst relativiert. Übergänge sind nicht markiert, Entwicklungen nicht angekündigt. Die Musik bewegt sich vorwärts, aber ohne Zielmarken. Man weiß selten, was als Nächstes kommt – nicht aus Willkür, sondern weil die Stücke sich nicht erklären wollen, während sie entstehen.
Mit zunehmender Dauer verdichtet sich das Geschehen. Die Gitarren schichten sich, ohne sich gegenseitig zu verdrängen. Der Bass verschiebt Gewicht, zieht Spannung in andere Richtungen. Das Schlagzeug bleibt beweglich, lenkt eher, als dass es antreibt. Nichts drängt nach vorn, und gerade dadurch entsteht ein stetiger innerer Druck.
Der Übergang zu Part 2 ist kein Bruch, sondern ein Kippen. Die Musik wird dunkler, kompakter, gespannter – ohne lauter zu werden. Was hier auftaucht, ist keine Explosion, sondern eine innere Reibung. Wut äußert sich nicht als Ausbruch, sondern als Widerstand gegen Auflösung. Motive werden kürzer, insistierender, weniger offen. Die Musik bleibt in Bewegung, aber sie zieht enger um sich selbst.
Dass diese A-Seite live und ohne Comping aufgenommen wurde, ist an dieser Stelle mehr als eine Produktionsentscheidung. Kleine rhythmische Verschiebungen, minimale Ungenauigkeiten, dieses leichte „Nicht-ganz-Deckungsgleich-Sein“ erzeugen eine Spannung, die kein nachträglich optimierter Take liefern könnte. Man hört nicht das ideale Ergebnis, sondern einen funktionierenden Moment. Und dieser Moment trägt über die gesamte Länge.
Die A-Seite endet nicht mit einer Auflösung im klassischen Sinn. Es gibt keinen Schlussakkord, der etwas festschreibt oder abschließt. Stattdessen bleibt ein Nachhall – als hätte sich etwas gesetzt, ohne benannt zu werden. Genau darin liegt die Stärke dieses Stücks: Es verlangt keine Deutung, sondern hinterlässt Wirkung.
Side B – Nachhall, Bewegung, Randperspektive (21:44)
Die B-Seite fühlt sich an wie das, was nach der langen A-Seite im Raum bleibt. Kein zweiter Akt, kein Epilog im klassischen Sinn, sondern eine Verschiebung der Aufmerksamkeit. Der große zusammenhängende Gedankenraum wird verlassen, die Musik rückt näher an einzelne Bewegungen, einzelne Texturen.
Stigma arbeitet dabei nicht mit Schwere im klassischen Sinn, sondern mit Spannung durch Zurückhaltung. Die Gitarren legen offene, lang gehaltene Figuren an, die sich nur minimal verändern. Nichts drängt nach vorne, nichts bricht aus. Verzerrung dient eher der Färbung als der Verdichtung. Der Bass hält das Stück zusammen, ruhig, verbindend, ohne sich in den Vordergrund zu schieben. Das Schlagzeug bleibt kontrolliert, präzise, fast stoisch – ein konstanter Puls, der die Spannung trägt, ohne sie zuzuspitzen.
Gerade diese Zurückgenommenheit macht Stigma so wirkungsvoll. Es gibt keine klassischen Höhepunkte, keine dramatischen Wendungen. Stattdessen entsteht ein schwebender, leicht entrückter Zustand, der sich langsam festsetzt. Ein Stück, das weniger drückt als nach innen zieht.
Mit Rosencrantz and Guildenstern are dead verschiebt sich die Perspektive erneut. Schon der Titel markiert bewusst einen Abstand zum Erasmus-Gedanken der A-Seite und verweist auf eine Randperspektive. Musikalisch zeigt sich das in einer klareren, beweglicheren Struktur. Gitarren und Bass arbeiten rhythmischer, die Linien sind deutlicher konturiert, das Schlagzeug gibt einen präzisen, verlässlichen Puls vor. Effekte sind vorhanden, aber sparsam eingesetzt – sie rahmen die Bewegung, statt sie aufzulösen.
Nach der konzentrierten Spannung von Stigma wirkt dieser Track zielgerichteter, fast unterwegs. Motive tauchen auf, werden kurz etabliert und wieder verlassen, ohne Anspruch auf Ausformulierung. Dass Rosencrantz and Guildenstern are dead als Single veröffentlicht wurde, passt dazu: Der Track funktioniert eigenständig, ohne das Album erklären zu müssen. Im Gesamtzusammenhang wirkt er wie ein bewusster Seitenblick – ein Schritt weg vom Zentrum, ohne Bruch, ohne Ironie.
In dieser Kombination erfüllt die B-Seite eine klare Funktion. Sie erklärt nichts nach, sie setzt keinen Schlusspunkt. Sie lässt ausklingen und öffnet gleichzeitig. Genau dadurch bekommt The Praise of Folly seine innere Balance.
Am Ende bleibt vor allem eines hängen: meine Begeisterung für diese Platte – und ganz besonders für die A-Seite. Als jemand, der Paradox Hourglass Part 1 & 2 bis heute liebt, fühlt sich The Praise of Folly wie eine konsequente Weiterentwicklung an. Weniger Form, mehr Zustand. Weniger Absicherung, mehr Vertrauen. Und dieser Jam-Charakter, der L’IRA DEL BACCANO seit jeher auszeichnet, kommt hier vielleicht klarer zum Tragen als je zuvor.
Was auf Platte funktioniert, entfaltet live erfahrungsgemäß noch einmal eine ganz eigene Dynamik. Umso größer ist die Vorfreude, die Band am 5. März im Backyard Club in Recklinghausen wiederzutreffen und diese Stücke im Raum, in Bewegung, im Zusammenspiel zu erleben.
Abseits aller Analysen bleibt auch das: L’IRA DEL BACCANO sind nicht nur musikalisch überzeugend, sondern schlicht wahnsinnig sympathisch. Nette Jungs, offene Gespräche, gute Abende. Eine Band, mit der man nicht nur gern hört, sondern auch gern Zeit verbringt. Und vielleicht ist genau das der beste Kontext für ein Album wie dieses. Wer diese Platte wirklich greifen will, sollte sie live erleben – und sie dann gleich mitnehmen, am Merch-Stand, nach dem Konzert, wenn der Jam noch nachwirkt. The Praise of Folly ist Musik, die nicht stehen bleiben will. Sie gehört in den Moment.
L’IRA DEL BACCANO sind:
Alessandro Santori- Guitars, Loops, Synths
Roberto Maldera- Guitars, Fx, Slide Guit, Synths
Gabriele Montemara‘- Bass
Gianluca Giannasso – Drums
Production & Mix: Alessandro Santori
Main Instruments recorded LIVE in one take
Music by: A. Santori & R. Malerba
Arrangements: Santori with Malerba, Giannasso & Montemara‘
Mastering by Claudio Gruer at Pisistudio
Artwork by Michele Carnielli
The road to Folly 2026 part 1:
25/02 Salzburg – Rockhouse
26/02 Wien – Venster 99
27/02 Bayreuth – Glashaus
28/02 Berlin – Neue Zukunft – Blues Bumps Fest
01/03 Dresden – Chemiefabrik
03/03 Weimar – C. keller
04/03 Nuremberg – Kunstverein
05/03 Recklinghausen – Backyard Club
06/03 Würzburg – Immerhin
07/03 Erlangen – Transfer
27/03 Rome – Defrag
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L’IRA DEL BACCANO on the web: Facebook https://www.facebook.com/LiraDelBaccano42
Bandcamp https://liradelbaccanoofficial.bandcamp.com/
Instagram https://www.instagram.com/liradelbaccano/
Official site liradelbaccano.com
Filed under: Album Reviews, Prog, Psychedelic, Stoner



