(ju) Die europäischen Rap-Metal-Pioniere CLAWFINGER sind zurück – mit ihrem ersten Album nach 18 langen Jahren! Die schwedisch-norwegische Band, die bekannt ist für riffgetriebenen Crossover, deutlich artikulierten Rap-Gesang und klaren politischen und gesellschaftskritischen Botschaften, präsentiert mit „Before We All Die“ ihr achtes Studioalben. Das große Comeback nach ihrer Blütezeit in den Neunzigern? Wir schauen, beziehungsweise hören mal.
Das Cover: Ein Blick aus dem Weltall auf unsere Erde, dargestellt als eine in Kette gelegte Granate mit Funken sprühender Zündschnur, die Detonation steht unmittelbar bevor. Süd- und Nordamerika bersten bereits lodernd aus dem Globus hervor. Man muss nicht Politikwissenschaften studiert haben, um zu erkennen: Jou, passt!
Und so überrascht auch der Opener keineswegs, wenn Frontmann Zak Tell in gewohnt deutlicher Aussprache seine Wortakrobatik in die Welt speit, die simpel, aber eben auch entsprechend unmissverständlich ist: „Ruthless and scheming, pretentious and vain / narcissistic and greedy, simple and plain / selfish and sexist, shallow and lame / You’re scum!!“ Spätestens wenn am Ende Trumps O-Ton eingeblendet wird („Nobody loves the Bible more than I do, nobody knows…“) und mit einem Schuss zum Schweigen gebracht wird, müsste auch dem letzten medienverachtenden Hinterwäldler klar sein, worum es auf diesem Album geht: Um eine Welt – unsere Welt – deren Frieden und Freiheit von narzisstischen, cholerischen und unberechenbaren Autokraten bestimmt ist.
Clawfingers Alben sind eine Reise durch die politische Weltgeschichte und würden im Sozialkunde- und Geschichtsunterricht vermutlich für deutlich aufmerksamere und motiviertere Schüler sorgen als die handelsüblichen Werke der Schulbuchverlage. Viel hat sich in den letzten 18 Jahren leider nicht geändert: In den Neunzigern kritisierten CLAWFINGER mit Hits wie „Nigger“ Ausländerfeindlichkeit und Apartheid, heute werden Schwarze und Migranten in den USA auf offener Straße von Polizisten und Hobbysoldaten getötet.
Prinzipiell bleiben CLAWFINGER auch auf dem achten Studioalbum ihrem schnörkellosen und direkten Stil treu: Unmissverständliche Botschaften und Anklagen in verständlich gerappten Texten zu härteren Gitarrenriffs mit vielen textlichen Wiederholungen in den Refrains. Letztere fallen in einigen Songs leider arg repetitiv und entsprechend einfallslos aus, etwa in „Going Down (Like Titanic)“ oder „A Fucking Disgrace“. Merkmal des Rap hin oder her – hier wirkt es oftmals ein wenig lahm und deutet zudem auf zwei weitere Schwachstellen des Albums hin: Zum einen wirkt Zak Tells Stimme insgesamt etwas kraftlos und „hinter der Luft“; zum anderen fehlen auf „Before We All Die“ die wahrlich fetten, oft stakkato-artigen Riffs, die CLAWFINGER in den Neunzigern mit „Deaf Dumb Blind“ (1993) und „Use Your Brain“ (1995) katapultartig zu den Rap-Metal-Pionieren des alten Jahrtausends erhoben. Die Kombination aus Tells Stimmkraft und catchenden Gitarrenriffs sorgte 1995 sogar dafür, dass ein Lied, dessen Chorus aus nur einem einzelnen Wort besteht, zum politischen Überhit wurde („Nigger“).
Nun ist die Palette an musikalischen und gesanglichen Gestaltungselementen im Rap(-Metal) genrebedingt begrenzter als etwa im Progressive Rock. Entweder wissen die Beats bzw. Riffs zu überzeugen oder der Rap und die damit automatisch eng verwobenen Lyrics. Oder aber – im Idealfall – beide Elemente. Eine nette Variation können, klug eingesetzt, cleane Gesangspassagen bieten, wirklich gut gelungen etwa in „Ball & Chain“. Das bereits erwähnte „Scum“ erinnert mit seinem aggressiven Drive an die frühen Krallenfinger, ebenso wie der Chorus von „Linked Together“ und der treibende Titeltrack. Mit „A Perfect Day“, „Environmental Patients“ und „Kill the Dream“ enthält das neue Album drei Titel in süffig-seichtem Rap, die den ursprünglichen Stil der Skandinavier etwas verwässern.
Dennoch überzeugt „Before We All Die“ wieder deutlich stärker als die beiden Vorgänger „Life Will Kill You“ (2007) und „Hate Yourself With Style“ (2005). An das Material der Neunziger reichen die zwölf Songs allerdings nicht ran. Die Frage ist jedoch, ob das überhaupt das Ziel einer Band sein kann (und sollte), die seit fünfunddreißig (in Zahlen: 35) Jahren aktiv ist und nach fast 19 Jahren nochmal ein Album raushaut?
Die Band selbst verkündet: „Wir sind zurück – nicht um die Welt zu retten, sondern um kompromisslos zu schreien, während sie brennt. Unser neues Album ist ein lauter, wütender und schwarzhumoriger Kommentar zu dem Chaos, das wir aus uns selbst, einander und dem Planeten gemacht haben. Es zeigt uns von unserer brutalsten Ehrlichkeit aus, teils Protest, teils Therapiesitzung und teils Mittelfinger an Apathie und Verleugnung.“
Judith
Veröffentlichung: 20.02.2026
Label: Perception
Tracklist:
1 Scum
2 Ball & Chain
3 Tear You Down
4 Big Brother
5 Linked Together
6 A Perfect Day
7 Going Down (Like Titanic)
8 You Call Yourself A Teacher
9 A Fucking Disgrace
10 Kill The Dream
11 Environmental Patients
12 Before We All Die
CLAWFINGER sind:
Zak Tell | Gesang
Jocke Skog | Gitarre, Keyboards
Bård Torstensen | Gitarre
André Skaug | Bass
Micke Dahlén | Schlagzeug
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