(pe) „Highest Primzahl On Mars“ – schon der Bandname elektrisiert beim Lesen. Gäbe es ein Grimme-Preis-Pendant für Bandnamen, hier wäre es fällig gewesen!
Nach Rücksprache mit der Band zur Namensfindung und Bedeutung ranken sich mittlerweile Mythen um Bedeutung, Sinn, Entdeckung und Mystik: behaupten einige Eingeweihte, der Name „bringe eine groteske Reflexion auf unhinterfragte Fortschrittsgläubigkeit zum Ausdruck“, sind andere eher der Auffassung, der Name sei vielmehr Folge einer Schnapsidee nach einer Bandprobe und ohne jeglichen tieferen Sinn…
Aber halten wir uns nicht mit Begriffs-Klaubereien auf, sondern begeben uns direkt in medias res: nämlich in die Musik, die sich hinter dem Neologismus verbirgt – denn die hat es wahrlich in sich!
Highest Primzahl on Mars sind ein im Mai 2023 gegründetes Viergestirn aus Frankfurt am Main, das sich auf eine spannende Mischung aus Space Rock, Psychedelic, Shoegaze und Krautrock spezialisiert hat. Die Band besteht aus den Musikern Frank Diedrich an Bass und FX, Gerd Böhme an den Drums und Arun Kumar sowie Uli „Hank“ Wagner an diversen Gitarren.
Erst Ende November 2023 erblickte ihr Debut „Escape From Moronia“ das Licht der Welt (hier das zugehörige Review des werten Schreibkollektiv-Kollegen Volker: https://rockblogbluesspot.com/2024/02/26/highest-primzahl-on-mars-escape-from-moronia/#more-54868) und nur ein unglaubliches halbes Jahr später schießt nun mit „Error Not Found“ der fulminante Nachfolger in den Äther – Produktivität scheint auf dem Mars eine beachtliche Tugend zu sein! Denn auch „Error Not Found“ ist mit seinen 82 Minuten Spielzeit ein echter hessischer Monolith geworden, der die Grenzen von Spacerock und Krautrock verwischt, aber auch komplett neu auslotet.
Was allen 7 Songs des Albums gemein ist, ist eine rhythmische Grundidee, ein atomarer Kern aus Schlagwerk und Basslinie, der sich meist stabil, hier und da nuanciert verändert, durch den gesamten Track quasi als erdende Basis bewegt und um den herum sich Gitarren und Effekte ver- und entwickeln. Die Rhythmusgruppe ist vergleichbar mit einem Baumstamm, der jedem Sturm standhält und um den herum sich ästelnde Verzweigungen in unvorhersehbaren Mustern entwickeln, Blätter und manchmal auch Blüten hervorbringen und trotz aller Komplexität immer als ein einziger Organismus musikalisch Wirkung entfaltet. Repetitive Muster sind dabei unabdingbar, sind der Puls, der Herzschlag des Ganzen und setzen den krautigen Aspekt der Musik außergewöhnlich in Szene.
Eingängige, wiederkehrende melodische Themen sind hier nicht zu erwarten, vielmehr entstehen aus vielen kleinen tonalen Mosaiksteinchen komplexe psychedelische Landschaften, die mittels hypnotisch-treibender Rhythmen, komplexester Gitarrenverfrickelungen, dem Einsatz oszillierender Effekte und originaler Sprach-Soundfetzen aus Science-Fiction-Streifen der 50er Jahre etwas für die Ohren bisher nicht dagewesenes Neues kreieren und dabei fast eine cineastische Auswirkung entfalten: denn das Gehörte versetzt den Hörer in die Lage, Bilder vor seinem geistigen Auge zu entwerfen und während des Songs weiter zu entwickeln und sich auf diese Weise audiell und (imaginiert) visuell mit der Band auf irre soundtechnische Exkursionen durch Zeit und Raum zu begeben…
Die zentrale Frage, die ich mir bei jedem Hördurchgang immer stellte, war: wie können derart komplexe Songs überhaupt entstehen – und wie um alles in der Welt schaffen die Jungs es bloß jemals, diese Komplexitiät live zu reproduzieren, einen Song des Albums also wiedererkennbar „nach“zuspielen???
Beim Verständnis half mir dankenswerterweise Bassist Frank Diedrich im Ferninterview aus und gibt exklusiv für den RBBS einen kleinen Einblick in den Schaffensprozess der Band:
„Du möchtest wissen, wie unsere Songs entstehen … sie entstehen spontan improvisiert ohne Vorgaben. Wir nehmen immer sofort auf. Wenn ein Song uns gefällt und den Anschein hat, als ob man was daraus machen könnte, mische ich ihn erstmal grob ab. Wir entscheiden uns dann, ob er veröffentlichbar ist. Dann setze ich mich dran und nehme mir beim Mischen die Feinheiten vor – suche z. B. einen Anfang/Einstieg und ein Ende. Dann spiele ich manchmal noch dezent ein paar Synthi-Sounds ein. Oder auch kleine Einspieler, wie beim Song „Yeast From Outer Space“. Dafür nehme ich gerne Stimmen aus alten Science-Fiction-Filmen der 1950er- oder 60er-Jahre um noch ein bisschen mehr Atmosphäre zu erzeugen, wie z.B. bei Yeast From Outer Space (übrigens im 6/8-Takt gespielt) …
Atmosphäre ist uns wichtig und wir haben es gerne, wenn beim Hören Bilder im Kopf entstehen, dementsprechend könnte man unsere Musik teilweise fast als cineastisch beschreiben.
Wir spielen die Songs teilweise auch live, die klingen allerdings immer anders, da wir ja keine strikten Arrangements haben.“
Was wir also auf „Error Not Found“ (und hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft auch einmal live) hören und genießen dürfen sind Unikate, durch lange Jam-Parts entstandene, frei assoziierte und nicht wiederholbare Ohrenschmuckstücke.
„Error Not Found“ – Nomen ist hier sicherlich auch Omen, denn egal wie lange man sucht, ein Fehler lässt sich auf der Scheibe nicht finden – außer vielleicht der schon fast skandalösen Tatsache, dass der Titeltrack mit seinen 7 Minuten 54 Sekunden Laufzeit der einzige Track mit einer Laufzeit von unter 10 Minuten ist (den Finalen Track „To Be Continued“ einmal ausgenommen, der für mich so etwas wie ein „Vorgucker“ auf Album Nummer 3 ist und mit einem dicken Knutscher für´s Publikum das Album abschließt)!
Und wer sich auf diese 82 Minuten intensiven Space-Trippings einlässt, dem ist Eines am Ende ganz sicher bewusst:
Auf dem Mars wächst ein äußerst geiles Space-Kraut!
(peter)
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Tracklisting:
- Filamental Decay 11:25
- In The Void 10:05
- Error Not Found 07:54
- Black Holes In A Tin Can 13:17
- Yeast From Outer Space 18:25
- Un autre monde 17:48
- To Be Continued 02:43
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