(jul) Jack Townley (Gitarre) und Sam Hart (Schlagzeug) wollten 2013 ihre Ideen verwirklichen und haben in einem schäbigen Hinterhof Londons einen musikalischen Elefanten geboren. Peter Holland (Bass, Gesang) stieß als Geburtshelfer dazu, nachdem er sich bereits mit Trippy Wicked & The Cosmic Children of the Knight in der Londoner Underground-Szene einen Namen gemacht hatte. Kurz darauf erblickte Elephant Tree das Licht der Welt. Die Ergänzung des Line-Ups durch den kanadischen Sitar-Spieler und Sänger Riley MacIntyre verlieh der Band eine einzigartige Note, die sie von vielen ihrer Zeitgenossen abhob.
Ihr Debütalbum „Theia“ erschien vor genau 10 Jahren im September 2014 bei Magnetic Eye Records, einem Label, das sich jetzt gerade als treuer Wegbegleiter von Elephant Tree beweist.
„Theia“ brachte ihnen damals sofortige Aufmerksamkeit in der Szene und ihr zweites, selbstbetiteltes Album „Elephant Tree“ (2015) setzte den Kurs der Band fort. John Slattery (Gitarre, Synthesizer) wurde in dieser Zeit festes Mitglied von Elephant Tree und mit ihm gelang es ihnen, ihren Sound noch weiter zu verfeinern, während Riley MacIntyre sich mehr auf Produktionsaufgaben konzentrierte und die Band schließlich verließ.
Ab 2020 riss der Erfolgskurs von Elephant Tree plötzlich ab. Obwohl ihr drittes Album „Habits“ künstlerisch amtlich ablieferte, litt die Veröffentlichung unter Problemen. Ärger mit dem damaligen Label, unzureichende Promotion und die Herausforderungen der globalen Pandemie bremsten die Bandaktivitäten massiv aus. 2023 erlitt Jack Townley noch dazu einen schweren Unfall und alle Tourtermine mussten abgesagt werden. Aber einen wahren Elefanten haut so schnell nichts um, und so nahmen Elephant Tree die Dinge selbst in die Hand und beschlossen, einige ihrer Werke in Eigenregie zu re-releasen, unterstützt von ihren alten Freunden bei Magnetic Eye Records.
Mit „Handful of Ten“ präsentieren Elephant Tree nun eine retrospektive, aber dennoch frische Sammlung, die sowohl neue als auch langjährige Fans ansprechen dürfte. Diese Compilation, die rechtzeitig zum zehnjährigen Jubiläum ihres Debüts „Theia“ erscheint, ist eine Hommage an die Reise der Band durch die letzten zehn Jahre.
Der Opener „Attack of the Altaica“ erinnert daran, wie 2013 alles begann. Die raue Energie und das rohe Potenzial dieser ursprünglichen Demo-Version des Tracks lassen erkennen, warum Elephant Tree schon früh auf sich aufmerksam machte. Auch wenn ich ein begeisterter Fan der Sitar bin, die fuzzigen Gitarrenklänge und die sehr markanten, mehrstimmigen Gesangsharmonien wirkten damals wie heute ohne weiteren Firlefanz klarer und eindeutiger.
Der Track „Visions (Planet of Doom)“, bei dem Ryan Gledhill als Gastsänger mitwirkt, zeigt eine andere Seite von Elephant Tree. Was wie Kirtan-Singen beginnt, geht schnell in eine hypnotische Welt aus sattem Fuzz und psychedelischen Klängen über. Die Zusammenarbeit mit Gledhill fügt eine zusätzliche Dimension hinzu, die an die großen Momente des Psychedelic Rock erinnert. Die üppigen, vielschichtigen Gitarrenwände und die melancholischen Vocals verschmelzen zu einer fast epischen Qualität. Spoiler alert: Ab Minute 5:30 wendet sich das Blatt unerwartet…
Mit „Try“ gelingt es der Band, einen der neuen Tracks zu präsentieren, der den Hörer sofort in seinen Bann zieht. Schwere Riffs, die wie ein Dampfhammer durch die Lautsprecher donnern, kombiniert mit melodischen Gesangspassagen, die eine warme, fast tröstliche Atmosphäre schaffen. Hier zeigt sich die Fähigkeit der Band, erdrückende Schwere mit erhabener Schönheit zu verbinden, ohne dabei in Klischees zu verfallen.
Der Demo-Track „Bird“ aus dem Jahr 2017 ist ein weiteres Highlight der Compilation. Er wirkt wie eine musikalische Momentaufnahme, die die Entwicklung der Band zwischen ihren Alben einfängt. Der Song ist roh und ungeschliffen, doch gerade diese Unmittelbarkeit macht seinen Reiz im Vergleich zur Variante vom Album „Habits“ aus. Man spürt die Experimentierfreude der Band, die hier ihre Komfortzone verlässt und neue Klangwelten erkundet.
„Faceless“ gefällt mir persönlich in der knapp eine Minute längeren Albumvariante von „Habits“ deutlich besser als in der 2017er Hurin Version. Die raffinierte, fast progressive Herangehensweise, rückt das Original in ein neues Licht. Die stärkere Präsenz der Leadgitarre gab dem Song eine andere Idee. Aber das ist reine Geschmackssache.
Abgeschlossen wird die „Handful of Ten“ mit dem Track „Sunday“, der eine beinahe meditative Qualität besitzt. Die Band zeigt hier eine sanftere, introspektive Seite, die dennoch kraftvoll und intensiv daherkommt. Die Glocke von Big Ben läutet am Ende quasi die Wiedergeburt von Elephant Tree ein und schließt damit den Kreis.
„Handful of Ten“ ist mehr als nur eine Zusammenstellung von B-Seiten und Demos; es ist eine Reise durch die Geschichte von Elephant Tree, die sowohl die Höhen als auch die Tiefen ihrer Karriere einfängt. Magnetic Eye Records hat hier erneut bewiesen, dass sie ein tiefes Verständnis für die Kunst dieser Band haben. Die sorgfältige Zusammenstellung der Tracks, die exzellente Produktion von Karl Daniel Lidén (Ex-Drummer von Demon Cleaner, Dozer und Greenleaf) und das beeindruckende Artwork von Ieva Misiukonytė machen diese Veröffentlichung zu einem Muss für jeden Fan von Elephant Tree. Klare Kaufempfehlung!
VÖ: 06.09.2024
Label: Magnetic Eye Records
Dauer: 37 Minuten
Tracklist:
1. Attack of the Altaica (2013 Demo) 7:25
2. Visions (The Planet of Doom) 6:54
3. Try 3:49
4. Bird (2017 Demo) 6:47
5. Faceless (2017 Hurin Version) 5:47
6. Sunday 6:18
Aktuelle Bandmitglieder:
Jack Townley (Gitarre, Synthesizer, Gesang)
Peter Holland (Bass, Gesang)
John Slattery (Gitarre, Synthesizer, Gesang)
Sam Hart (Schlagzeug)
Gastmusiker: Ryan Gledhill (Gesang ‚Visions‘)
Weitere Informationen: https://elephanttree.band
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