rockblog.bluesspot

musikalisches schreibkollektiv

Jerry Harrison & Adrian Belew bringen Talking Heads’ „Remain in Light“ zurück ins Carlswerk Victoria, Köln 23.05.2025

(pe) Von der Nostalgie in den Tanzmodus – ein Abend zwischen Kunstrock, Nostalgie und Ekstase.

Köln, 23. Mai 2025 – Es ist 21:00 Uhr im gut gefüllten Carlswerk Victoria, als Steve Reichs minimalistische Klanglandschaft „Music for 18 Musicians: Pulses“ die Halle in hypnotische Schwingung versetzt. Ein ungewöhnlicher, fast sakraler Auftakt. Wer jetzt noch nicht ahnt, dass dieser Abend mehr als bloße Retromanie werden wird, erkennt es spätestens, als Jerry Harrison die Bühne betritt und die ersten Akkorde von „Psycho Killer“ anschlägt – unterstützt von Adrian Belew, dessen Gitarrenspiel wie gewohnt zwischen Funk, Wahnsinn und Genie oszilliert.

Was folgt, ist eine berauschende Feier eines der wichtigsten Alben der Popgeschichte: „Remain in Light“ – 1980 von den Talking Heads veröffentlicht, heute ein Referenzwerk für musikalische Grenzüberschreitungen. Doch Harrison und Belew sind keine Nostalgiker, sondern Architekten eines Sounds, der auch 45 Jahre nach seiner Entstehung schmerzlich modern klingt. Unterstützt werden sie dabei von der überragenden Band Cool Cool Cool, die sowohl das Vorprogramm als auch die rhythmische Grundlage für den Hauptact liefert – mit sattem Bläsersatz, tightem Percussion-Feuerwerk und souligem Gesang.

Belew, mittlerweile 75, wirkt auf der Bühne wie ein quirliger Erfinder, der seinen eigenen musikalischen Maschinenpark nicht nur bedient, sondern geradezu auf ihm surft. Seine Version von David Byrnes Gesangspart in „Psycho Killer“ ist weniger neurotisch, dafür lebensfreudiger, wärmer – fast als hätte sich der Wahnsinn der 80er-Jahre in ein altersweises Funk-Feuerwerk verwandelt. Wenn er später „Drugs“ singt, verliert der Song zwar seine albtraumhafte Tiefe, gewinnt aber einen ironischen Glanz, den man nicht missen möchte.

Jerry Harrison dagegen bleibt nach seinen Gitarreneinsätzen in den ersten Songs in der Folge gewohnt stoisch hinter seinen Synthesizern – doch wenn er seinen eigenen 80s-Hit „Rev It Up“ anstimmt, funkeln die Augen der Zuschauer vor Überraschung. Spätestens da wird klar: Dies ist kein Denkmal-Konzert, sondern eine lebendige, groovende Reanimation eines musikalischen Gesamtkunstwerks.

Von „Crosseyed and Painless“ über „Born Under Punches“ bis „The Great Curve“ entfaltet sich ein Set voller rhythmischer Wucht. Das Publikum tanzt, schreit, schwitzt – kein Wunder, denn die neun Musiker:innen auf der Bühne sind ein eingespielter Groove-Organismus. Besonders hervorzuheben: die Sängerinnen Shira Elias und Sammi Garett, die mit glühender Soulpower glänzen, sowie Josh Schwartz, der Byrnes Sprechgesang auf dem Baritonsaxofon durch pure Präsenz ersetzt.

„Once in a Lifetime“ wird zum kathartischen Gemeinschaftsritual. Der gesamte Saal singt mit, die Bassline pulsiert durch Wände und Wirbelsäulen. „Life During Wartime“ treibt die Ekstase noch weiter. Man tanzt nicht mehr zur Musik – man ist die Musik.

King Crimson trifft Talking Heads:

Ein überraschendes Highlight ist die Einbindung von „Thela Hun Ginjeet“, einem Stück aus Belews King-Crimson-Zeit. So verschmilzt das verschlungene Art-Rock-Erbe mit dem straighteren Funk von „Remain in Light“. Es wirkt kein bisschen deplatziert, im Gegenteil: Es macht klar, wie sehr Harrison und Belew stilistische Grenzen nie interessiert haben.

Fazit: Keine Kopie, sondern eine Huldigung mit Eigenleben

Nein, das war kein Talking-Heads-Konzert. Und nein, David Byrne stand nicht auf der Bühne. Aber es war trotzdem ein Abend, der etwas von der Magie dieser Ära heraufbeschwören konnte – nicht durch Imitation, sondern durch Neuinterpretation. Jerry Harrison und Adrian Belew beweisen, dass man Geschichte nicht nur bewahren, sondern auch beleben kann.

Mit der finalen Zugabe „The Great Curve“ flimmert ein letztes Mal jener elektrische Wahnsinn durch den Raum, der einst die Musikgeschichte verändert hat. Und für einen Moment fühlt sich Köln an wie New York 1980.

Ein herzlicher Dank geht an den Sparkassenpark Mönchengladbach für die Akkreditierung sowie Lara Gehrmann & Elke vom Dahl für die hervorragende Betreuung vor Ort

(peter)

Setlist:

Psycho Killer / Crosseyed and Painless / Houses in Motion / I Zimbra / Born Under Punches / Cities / Rev It Up / Slippery People / Thela Hun Ginjeet / Life During Wartime / Once in a Lifetime / Take Me to the River / Drugs / The Great Curve

Filed under: Konzertphotos, Live Reviews, ,

Archiv

international – choose your language

Gavial - Broken von ihrem neuen Album "Thanks, I Hate It", das am 23.01.26 erscheint

Mai 2025
M D M D F S S
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031  

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten. Informationen zum Umgang mit Deinen Daten findest Du in der Datenschutzerklärung.

Diese Artikel werden gerade gelesen:

RockBlogBluesSpot Highlights 2025 - physisch, psychisch und überhaupt!
My Sleeping Karma und Daily Thompson im Colos Saal in Aschaffenburg am 30.12.2025
Festivals, Konzerte, Tourneen + Veranstaltungen
In Memoriam: William Rory Gallagher, geboren am 02.03.1948