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AEON TEMPLE – Resurfaced

Manchmal reicht ein erster Blick, um die Stimmung eines Albums zu erfassen. Resurfaced von AEON TEMPLE funktioniert genau so. Das Cover zeigt eine aufgewühlte Meereslandschaft kurz vor dem Umschlag – kein dramatischer Untergang, sondern gespannte Bewegung. Ein Moment zwischen Stabilität und Veränderung. Genau dieses Gefühl zieht sich durch das gesamte Album.
Dazu – und zum Entstehungsprozess von Resurfaced – haben AEON TEMPLE mir für den RockBlogBluesSpot einige spannende Fragen beantwortet.


AEON TEMPLE Claus (Gesang/Gitarre), Filzi (Bass) und Ruhrbert (Drums), stammen aus dem Ruhrgebiet, und man hört das weniger als geografischen Ort denn als Haltung. Die Basis aus Stoner Rock, Psychedelic Rock und Heavy Metal ist erdig und stabil, gleichzeitig offen für Abzweigungen. Post-, Doom- und Prog-Elemente schleichen sich ganz selbstverständlich ein, ohne je zum Selbstzweck zu werden. Hier geht es nicht um Genre-Gymnastik, sondern um Atmosphäre, Groove und Dynamik.

Zehn Jahre liegen zwischen der selbstbetitelten Debüt-EP und Resurfaced. Diese Zeitspanne fühlt sich nicht wie Funkstille an, sondern wie Reifezeit. Das Album klingt nicht nach einem Comeback, sondern nach einem bewussten nächsten Schritt. Nichts wirkt überstürzt, nichts anbiedernd. Resurfaced nimmt sich Raum – und erlaubt sich, genau das auch auszukosten.

Im Interview mit der Band war für mich die Frage spannend, wie sich dieser Moment angefühlt haben mag, an dem klar war: Jetzt ist die Zeit reif für dieses Album.

Claus: Vor einigen Jahren hatten wir schon einmal angefangen, ein Album aufzunehmen, das jedoch unter anderem aufgrund von Veränderungen in der Bandbesetzung nie fertiggestellt wurde. Das war erstmal frustrierend. Und dann folgten Corona, mehrere Proberaumraumwechsel, ein Versuch der Neubesetzung und eine fette Sehnenscheidenentzündung. Wie das immer so ist – das Leben! Für einen nahenden Gig bei der RuhrDÿne haben wir uns damals schließlich entschieden, als Trio weiterzumachen. Das war die Geburt der neuen Temple-Ära.

Die Zeit war mehr als reif. Den neuen Drive haben wir auch genutzt, um uns selbst ans Recording zu wagen. Besonders Ruhrbert ist aktuell Feuer und Flamme für das Thema und so haben wir die Instrumente für Resurfaced selbst aufgenommen, den Gesang jedoch bei Antiklang Studio. So ein Brauner VM1 Röhrenmikrofon ist schon sexy… Und Sven von Antiklang Studio hat die Vocal-Sessions wirklich hervorragend begleitet. Wir haben quasi jeden Ton und jedes Atemgeräusch unter die Lupe genommen.

Inhaltlich bewegt sich das Album entlang der Symbolik der vier Elemente. Erde, Feuer, Wasser und Sturm dienen dabei weniger als festes Konzept, sondern eher als Koordinatensystem. Erde steht für Verwurzelung und Schwere, Feuer für Antrieb und Rastlosigkeit. Wasser wird zum Umweg, zur Bewegung ohne klaren Kurs. Und irgendwo am Ende wartet das Auge des Sturms – ein Zustand zwischen Spannung und Ruhe, ohne klare Auflösung. Gerade weil dieses Konzept nicht durchdekliniert wird, entfaltet es seine Wirkung: Es ordnet, ohne einzuengen.

Jules: War dieses Konzept von Anfang an ein Leitfaden für das Songwriting – oder hat es sich erst im Rückblick als roter Faden gezeigt?

Claus: Das hat sich tatsächlich erst im Nachgang beim Schreiben des Promo-Textes ergeben. Beim Blick auf die Inhalte der Songs wurde uns klar: Hey, da sind ja alle vier Elemente vertreten! Alles macht irgendwie Sinn. Grundsätzlich lassen wir uns gerne von der Natur inspirieren: eindrucksvolle Landschaften, die Kontraste, die wir auch im Songwriting sehr lieben, diese ursprüngliche Kraft, aber auch die fragilen Facetten!

Auch die Struktur des Albums folgt dieser Logik. Resurfaced besteht aus fünf Tracks, die sich nach hinten heraus zunehmend öffnen. Grapes and Wine (6:20) und Children of Dirt (5:21) starten vergleichsweise kompakt, direkt, greifbar. Beide Songs legen das Fundament: geerdet, fokussiert, ohne große Umwege.
Mit Tireless Machine (9:56) beginnt das Album, sich zu strecken. Der Track fühlt sich an wie ein stetiger Antrieb – ein Motor, der nicht abschaltet, sondern einfach weiterläuft.
Blumulu (7:44) bringt anschließend eine andere Farbe ins Spiel. Verspielter, freier, leicht psychedelisch – ein bewusster Perspektivwechsel, der die Linie kurz verlässt, ohne sie zu verlieren. Der Abschluss gehört Golden Veils (11:26), das sich Zeit nimmt und das Album nicht abrupt beendet, sondern ausklingen lässt. Für mich fühlt sich das weniger wie ein Finale an als wie ein Loslassen.
Clauss Stimme fügt sich dabei nahtlos ins Gesamtbild ein. Sie drängt sich nie in den Vordergrund, sondern funktioniert als weiteres Instrument – rau genug, um Gewicht zu haben, zurückgenommen genug, um Raum zu lassen. Genau diese Balance hält die Songs offen. Alles greift ineinander, baut Spannung auf und löst sie nicht sofort wieder auf – ganz ähnlich wie das Covermotiv, ein Werk von Frederick Judd Waugh.

Jules: Was hat euch an genau diesem Bild gereizt, und wie stark beeinflusst visuelle Kunst euren Zugang zu Musik generell?

Filzi: „Eine Meereslandschaft kurz vor dem Umschlag in den Sturm“ – genau das hat uns gereizt. Das Gemälde ist, wie auch das Album, weder zu friedlich noch zu dramatisch. Es zeigt Spannung und wirkt kraftvoll. Die Farben und starken Kontraste haben uns sofort angesprochen. Uns war außerdem wichtig, auf handgemachte Kunst aus vergangener Zeit zu setzen – bewusst ohne den Einfluss von KI.
Es gibt definitiv Verbindungen zwischen unserer Musik und dem Visuellen, jedoch eher andersherum: Unsere Musik soll Bilder auslösen! Wobei visuelle Reize durchaus auch als Inspiration dienen.

Als Synästhetikerin erlebt Claus eine starke Verknüpfung zwischen Klängen und Bildern und hat meist eine sehr konkrete Szene für die Songs vor Augen.


Beim Hören verändert sich das Zeitgefühl. Anfangs klar strukturiert, später weiter und offener. Resurfaced arbeitet weniger mit klassischen Spannungsbögen als mit Bewegung. Es geht nicht um Höhepunkte, sondern um Zustände. Wer schnelle Reize sucht, wird hier nicht fündig. Wer bereit ist, sich treiben zu lassen, umso mehr.

Jules: Wie wichtig ist euch Zeit in eurer Musik? Dürfen Songs bei euch einfach atmen, auch wenn sie sich dem schnellen Konsum entziehen?

Ruhrbert:Unsere Songs sind tendenziell eher lang. Wir achten dabei gar nicht darauf, wie viele Minuten sie dauern. Wichtig ist für uns, dass sie sich „tempelig“ anfühlen und eine Geschichte erzählen. Der Song ist fertig, wenn alles Wichtige ausgedrückt wurde. Klassische Songstrukturen spielen für uns keine wichtige Rolle. Im Mittelpunkt steht die Reise. Und wenn diese fünf Minuten Intro braucht und keine Refrains als Zwischenstopps hat, dann ist das eben so.

Trotz aller Tiefe bleibt das Album angenehm unprätentiös. AEON TEMPLE sind hörbar eine Live-Band. Diese Songs sind dafür gemacht, gemeinsam erlebt zu werden – in Clubs, in Bewegung, im Austausch mit dem Publikum. Die Musik bleibt schwer, aber nie verkopft. Ernsthaft, aber nicht humorlos. Dass sich das Trio selbst als bierfreudige Quatschköppe bezeichnet, passt erstaunlich gut zu dieser Mischung.

Jules: Ihr beschreibt euch selbst als leidenschaftliche Live-Band, trotz aller düsteren Klangfarben. Was muss ein Song von AEON TEMPLE leisten, damit er sich auf der Bühne „richtig“ anfühlt?

Claus:Ein Song fühlt sich auf der Bühne richtig an, wenn er uns in den Moment holt und uns im Zusammenspiel verbindet. Der Song muss berühren und mit uns und den Zuhörern etwas machen – das vermitteln, was wir uns als Gefühl, als Bild, beim Schreiben vorgenommen haben.
Kurzgefasst könnte man sagen, das Motto ist: Sei JETZT da!
Viele unserer Songs folgen einem Konzept, das am Ende aufgehen soll. Quasi wie bei einer guten Geschichte. Zudem lassen wir gerne Raum für Improvisation und nicht zu vergessen einer der wichtigsten Indikatoren: Filzi muss grinsen.

Resurfaced ist kein Album für nebenbei – will es auch nicht sein  – drängt sich aber auch nicht in den Vordergrund. Es wartet. Und genau darin liegt seine Stärke. Wer sich darauf einlässt, entdeckt ein Werk, das wächst – je länger man sich darin aufhält.
Und live zeigt sich dann noch eine weitere Facette von AEON TEMPLE, die auf dem Album nur zwischen den Zeilen mitschwingt. Bei aller musikalischen Tiefe nehmen sie sich selbst nicht allzu ernst, überzeichnen auf der Bühne bewusst – und haben dabei sichtlich Spaß an dem, was sie tun. Dieser Humor ist kein Teil der Songs, aber ein Teil der Band. Vielleicht ist genau das der Grund, warum AEON TEMPLE vor allem live so gut funktionieren: weil Spielfreude, Nähe und musikalische Wucht hier ganz selbstverständlich zusammenfinden.

AEON TEMPLE stellen Resurfaced am 31. Januar in Essen live vor. Wer wissen will, warum diese Band vor allem auf der Bühne so gut funktioniert, sollte sich das nicht entgehen lassen.

Registrieren unter: https://gstoo.de/RESURFACED

http://aeontemple.bandcamp.com

Antiklang Studio https://www.facebook.com/share/1GSC2DkkQW/

Filed under: Album Reviews, Postrock, Psychedelic, Stoner, ,

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