(texte jul+pe, photos vo) (pe) Dass Rom eine wunderschöne Stadt ist, wissen wir auch im Ruhrpott.
Dass aber Rom auch eine schon 2006 gegründete und über die Jahre in Italien bedeutsam gewordene instrumentale Stoner-, Doom-, Psychedelic-, Spacerock-Band hervorgebracht hat, wissen hierzulande vermutlich die wenigsten…
Die beiden Gitarristen Alessandro Santori und Roberto Maldera spielen seit mittlerweile mehr als 20 Jahren miteinander (und diese enge Bindung hört und spürt man deutlich), Gianluca Giannasso an den Drums und Gabriele Montemara am Bass vervollständigen das musikalische Quartett.
Mit intensivster kosmisch-psychedelischer Atmosphäre und progressiven Songstrukturen gastierten L’Ira Del Baccano nun schon zum zweiten Mal innerhalb nur eines Jahres im Wohnzimmer des Ruhrgebiets, dem immer herrlich familiären Backyard Club, und nahmen das Publikum mit auf ihre ureigenste 90-minütige Reise in sämtliche Gefilde eingangs genannter Stilrichtungen.
Mit im Gepäck hatten sie ihr nagelneu erschienenes (mittlerweile fünftes) Album „The Praise of Folly“, dem wir an diesem Abend bis auf den Song „Stigma“ in Gänze verfallen durften.
Extensive Songs mit gerne auch mal einer Länge von bis zu 20 Minuten veranlassten zum Augenschließen und genussvollen inneren Abheben vom grauen Donnerstags-Alltag.
Gleich zu Beginn setzten die Vier mit einer Doppelpack- Kombination der beiden Songs „The Electric Resolution“ und „Cosmic Evoked Potentials“ vom 2023er Album gleichen Namens „Cosmic Evoked Potentials“ den Kompass mit Vollgas in Richtung variabler und virtuoser Jams mit sphärischen Elektronik-Sounds und -Loops und gerne auch mal fett-dröhnenden Gitarrenriffs und zogen die Hörer und Hörerinnen von Minute 1 an komplett in ihren Kosmos.
Wie ein Monolith braust „Rosencrantz and Guildenstern Are Dead“ dann in das Gewölbe des Backyard Clubs mit seinen brachialen Riffs und den flirrenden Gitarrensoli, immer wundervoll unterstützt von Robertos sphärischen Synth-Klängen, die er mal per Keyboard, mal per Loops aus seiner durch die Elektronik geschleiften Gitarre hervorzaubert.
Mit „The Praise of Folly Pt.1+2“ folgten dann die Kern-Tracks ihres aktuellen Albums:
Wie im namensgebenden satirischen Renaissance-Text „Lob der Torheit“ von Erasmus aus dem Jahre 1509 selbst sind diese beiden Stücke eine ironische Verbeugung vor der produktiven Kraft des Irrsinns – und L’Ira Del Baccano übersetzen die Idee musikalisch: schwere, kreisende Riffs und hypnotische Wiederholungen treiben den Hörer in einen Zustand zwischen Ekstase und Kontrollverlust – als würde die Torheit persönlich das Zepter übernehmen.
Pt. 1 wirkt wie die Verkündung ebendieser Torheit: langsam anschwellend, selbstbewusst, beinahe majestätisch. Die Musik baut einen monumentalen Klangraum auf, in dem sich Stoner-Riffs und psychedelische Weite gegenseitig verstärken – ein Triumphzug der Unvernunft.
Pt. 2 geht einen Schritt weiter und kippt tiefer in den Rausch. Die Strukturen bleiben monumental, doch die Dynamik wirkt unberechenbarer, fast delirierend. Hier offenbart sich schließlich, was Erasmus andeutet: Dass Torheit nicht nur Schwäche ist, sondern Motor von Leidenschaft, Kreativität und menschlicher Bewegung.
Zusammen bilden beide Teile eine musikalische Parabel über die süße aber gefährliche Kraft der Torheit – musikalisch vertont schwer, hypnotisch und mit einem Augenzwinkern gegenüber allzu ernsthafter Vernunft.
Ein atemberaubender Höhepunkt des Abends, der für mich nach dem folgenden „The Strange Dream of My Old Sun“ tatsächlich noch einmal getoppt wird mit „Doom Dance“ von L´Ira Del Baccanos erstem Album. Dieses Stück hat etwas Ritualhaftes – ein gleichmäßiger, dunkler Groove, über dem sich Gitarrenlinien und Klangflächen entfalten. Die Doom-typische Schwere bleibt stets präsent, wird aber durch psychedelische Elemente aufgelockert, sodass sich eine Art tranceartige Bewegung ergibt. Kein Tanz im wörtlichen Sinn, sondern ein langsames Kreisen um ein zentrales, ultraschweres Riff, das mich im Verlauf immer tiefer in seine dunkle Atmosphäre hineinzieht.
Sie wollen den Abend „on a heavy note“ ausklingen lassen, sagt Alessandro vor dem letzten Stück – an Ausklang denkt das Publikum aber danach so ganz und gar nicht und fordert unnachgiebig und lautstark eine Zugabe, zu der sich die Band dann sichtlich erfreut und zum Entzücken der gerade erst aus der Doom-Dance-Trance erwachten Hörerschaft hinreißen lässt: „It’s a short one …. no, it’s not!“ sagt Hauptkomponist und Leadgitarrist Alessandro Santori augenzwinkernd – und haut dann mit seinen Kollegen mit „Paradox Hourglass Part 2“ noch mal einen meisterhaften 12-Minüter raus, der in seiner virtuosen Komplexität die gesamte DNA der Band noch einmal final zusammenfasst und leuchten lässt.
Die Begeisterung des Publikums schlägt sich direkt im Anschluss an den Gig in einer förmlichen Belagerung des Merch-Standes nieder (Blogkollegin Jules wurde dabei beobachtet, sich sogar gleich zweimal zum Merch-Shopping hinreißen zu lassen!)
Und ich glaube, so manch einer hat direkt nach diesem kongenialen Abend noch einen Direktflug in die italienische Hauptstadt gebucht …
Ein herzliches Dankeschön geht raus an die Band, das gesamte Team vom Backyard Club und an Sándor für den wunderbaren Sound und an die Lightshow von Dietmar! (peter)
(jul) Der Backyard Club zeigte sich einmal mehr als genau der richtige Ort für diese Art von Musik – auch wenn der Raum an diesem Donnerstag nicht bis auf den letzten Platz gefüllt war. Wer sich noch an den Auftritt der Band im vergangenen Jahr erinnert, weiß allerdings: Damals war es sogar noch deutlich leerer gewesen. Diesmal hatten immerhin spürbar mehr Menschen den Weg in das kleine Recklinghäuser Wohnzimmer gefunden – und vor allem die richtigen.
Denn das Publikum erwies sich als genau die Art von Zuhörerschaft, die diese Musik verdient: aufmerksam, begeistert und offensichtlich tief in den Klangkosmos der Band eingetaucht. Direkt nach dem letzten Ton bildete sich am Merch-Stand eine Schlange, wie man sie in Clubs dieser Größe nicht alle Tage sieht. Platten, Shirts und Gespräche gingen im Minutentakt über den Tisch – und obwohl die Italiener sichtbar schon einige Tourkilometer in den Knochen hatten, nahmen sie sich für jeden Einzelnen Zeit – und ja, Peter, ich habe mich zweimal angestellt. Obwohl ich das letzte Jahr über immer mal wieder Kontakt zur Band hatte und die Ehre, „The Praise of Folly“ vorab zu hören.
Die Jungs erzählten auch ganz offen von den kleinen Tücken des Tourlebens: Die frisch gepressten Vinylplatten ihres neuen Albums waren erst beim Gig in Berlin eingetroffen, sodass der Merch-Stand zu Beginn der Tour nicht immer so bestückt war, wie sie es sich gewünscht hätten. Umso schöner war es zu sehen, wie herzlich und nahbar Alessandro, Roberto, Gabriele und Gianluca trotz aller Reisestrapazen mit den Fans ins Gespräch kamen – und wie viele Besucher noch lange nach dem Konzert im Club blieben, um diesen familiären Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Vielen Dank auch nochmal für die Stärkung mit fantastischem, selbstgebautem Kartoffelsalat. (Jules)
Setlist:
- The Electric Resolution / Cosmic Evoked Potentials
- Rosencrantz and Guildenstern Are Dead
- The Praise of Folly Pt.1+2
- The Strange Dream of My Old Sun
- Doom Dance
- Encore: Paradox Hourglass Pt. 2
L’Ira del Baccano sind:
Alessandro Santori- Guitars, Loops, Synths
Roberto Maldera- Guitars, Fx, Slide Guit, Synths
Gabriele Montemara – Bass
Gianluca Giannasso – Drums
L’IRA DEL BACCANO on the web:
Facebook https://www.facebook.com/LiraDelBaccano42
Bandcamp https://liradelbaccanoofficial.bandcamp.com/
Instagram https://www.instagram.com/liradelbaccano/
Official site liradelbaccano.com
Alle Photos Volker
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