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Burning Spear – JunkYard Dortmund Open Air am 11. August 2023

Roots-Reggae Legende bringt Jamaika in den Ruhrpott

(pe) Und wieder einmal überraschte der Dortmunder JunkYard mit einer faustdicken Booking-Überraschung: Winston Rodney alias Burning Spear, Roots-Reggae-Legende aus Jamaika gab sich am Freitagabend die Ehre und verwandelte an diesem herrlich sommerlichen Open-Air-Abend mit pünktlich zum Gig klimatischer Änderung nach wochenlangem Regen zurück zum karibischen Sommer den JunkYard in ein kleines Stückchen Ruhrpott-Jamaika – und die Fans folgten ihm bei mit 1500 Besuchern proppevollem und natürlich ausverkauftem Haus.

Winston Rodney zählt seit Anfang der 70er Jahre zu den wichtigsten Vertretern des sogenannten „Roots-Reggae“, einer Musikrichtung, die in den späten 1960er Jahren in Jamaika entstanden ist. Sie ist eng mit der Rastafari-Bewegung verbunden und drückt oft soziale und spirituelle Botschaften aus. Diese Stilrichtung wird meist als „Roots“ bezeichnet, da sie zurück zu den Wurzeln der jamaikanischen Musik geht und Elemente von traditionellem Reggae, afrikanischen Rhythmen und spirituellen Texten kombiniert. Roots-Reggae legt großen Wert auf Texte, die soziale Gerechtigkeit, Liebe, Frieden, spirituelle Erweckung und die Kritik an gesellschaftlichen Missständen ansprechen.

Die wichtigsten Merkmale von Roots-Reggae sind der markante Offbeat-Rhythmus, der durch die Betonung der zweiten und vierten Schläge in einem 4/4-Takt entsteht, sowie die Verwendung von Blasinstrumenten, Gitarren, Schlagzeug und Bass. Die Basslinie hat eine besondere Bedeutung und verleiht dem Genre seine charakteristische Tiefe und Kraft.

Zu den bekanntesten Vertretern des Roots-Reggae zählen:

Bob Marley & The Wailers: Bob Marley ist wohl der bekannteste und einflussreichste Vertreter des Roots-Reggae. Seine Musik und Texte, die oft politische und spirituelle Botschaften enthielten, machten ihn zu einem globalen Symbol für Liebe, Frieden und soziale Gerechtigkeit. Bekannte Songs von ihm sind „No Woman, No Cry“, „Redemption Song“ und „One Love“.

Peter Tosh: Ein weiteres Mitglied der Wailers, Peter Tosh, war ebenfalls ein bedeutender Künstler des Roots-Reggae. Seine Musik war oft politisch und kritisch gegenüber der sozialen Ungerechtigkeit. Songs wie „Legalize It“ und „Equal Rights“ sind exemplarisch für seinen Stil.

Und wie eingangs erwähnt eben Burning Spear, der für seine tief spirituelle Musik und Texte bekannt ist und mit Hits wie „Marcus Garvey“ und „Jah Nuh Dead“ (beide Songs wurden interessanterweise auch von Sinéad O´Connor gecovert) Platz in der Roots-Reggae-Geschichte gefunden hat. Immer wiederkehrende politische und soziale Themen sind bei Burning Spear Unterdrückung, Armut und Gleichberechtigung von People of Colour.

Diese Künstler haben den Roots-Reggae zu einer einflussreichen und bleibenden Musikrichtung gemacht, die auch heute noch weltweit geschätzt wird, und auch an diesem Abend bringt Burning Spear den Reggae wie kaum ein anderer beeindruckend auf den Punkt:

Um 20.15 Uhr betritt zunächst seine achtköpfige (!) Band die beidseitig von bunten Frachtcontainern eingerahmte Bühne des JunkYard: drei Bläser, ein Keyboarder, ein Bassist und zwei Gitarristen sorgen für Burning Spears musikalischen Background, und in der Mitte des Bühnenaufbaus stehen zwei feuerrote Congas, die erahnen lassen, wo der Meister selbst seinen Platz im Bandgefüge finden wird.

1948 geboren und damit schlappe 75 Lenze alt betritt ein beneidenswert agiler Winston Rodney einige Minuten später die Bühne und wird mit kleinen wehenden Jamaika-Flaggen lautstark willkommen geheißen – eine große, eindeutige Rauchwolke über dem Publikum gibt dem Szenario das erwartete Flair, und vereinzelt kann man einige Rastafari im Publikum beobachten, die sich beim Anblick des Sängers bekreuzigen. Trotz wohlig warmen 27 Grad Außentemperatur erscheint Rodney in einem schwarzgrauen Trenchcoat, den er den ganzen Abend nicht mehr ablegen wird, und man selbst fragt sich in seinem dünnen T-Shirt schon im Stehen schwerstens transpirierend, wo der Mann seine Energie für die folgenden 105 Minuten herholt.

Eigentlich wirkt der Auftritt über seine gesamte Länge wie ein einziger langer Song, denn der Rhythmus bleibt dem klassischen Beat über die komplette Zeit treu. Bläsersoli, Keyboardsoli und Gitarrensoli der hervorragenden Liveband geben der manches mal einer fröhlichen, ausgelassenen Messfeier gleichenden Musik immer wieder feine nuancierte Anstriche. Dabei ist es unmöglich, den Körper nicht zu bewegen – fast automatisch scheint das Stammhirn die hypnotischen Rhythmen mit der Muskelstruktur zu verbinden und alle Anwesenden in den typischen entspannten Wiegemodus vom rechten auf das linke Bein oder in sich von vorne nach hinten beugende Oberkörper zu versetzen.
Ein Hauch von Ekstase weht durch das Publikum.

Und Rodney Winston beeindruckt nicht nur stimmlich, sondern sein differenziertes Conga-Spiel und insbesondere seine charismatischen Tanzeinlagen rufen nicht nur einmal den Gedanken hervor „Wenn ich mich mit 75 Jahren noch so bewegen kann, dann muss ich im Leben einiges richtig gemacht haben!“


Der religiöse Aspekt von Burning Spears Musik wird mehrfach deutlich: zum einen rein optisch mit Burning Spears Erscheinungsbild, denn Dreadlocks und Bärte haben in der Rastafarikultur ebenfalls eine religiöse und politische Bedeutung: sie stehen für die Verbundenheit mit Gott und für den Widerstand gegen die Unterdrückung. Aber auch akustisch taucht in seinen Texten wiederholt der Begriff „Jah“ auf, wie die Rastafari ihren Gott in Kurzform des hebräischen Gottesbegriffes Jahwe nennen. „Jah“ symbolisiert das Streben der Rastafari nach einer geistigen Rückkehr in die afrikanische Heimat. Es geht hierbei darum, den kulturellen Bruch, der durch die Versklavung ihrer Vorfahren entstand, zu überwinden, und sich positiv mit ihrer afrikanischen Identität zu identifizieren.
Und jedes „Jah“ und „Rastafari“ aus Burning Spears Mund wird entsprechend lautstark vom Publikum gefeiert.
 Bei einem Song überwindet ein anwesender Rastafari den Fotograben, springt auf die Bühne, nur um Winston Rodney kurz zu berühren und nach einer schnellen Bekreuzigung dann schnell wieder in die feiernde Menge abzutauchen – Burning Spear lässt dies mit der gesamten Gelassenheit, die seine Person intensivst ausstrahlt, geschehen und spielt danach weiter auf seinen Congas, als wäre der Vorfall das Normalste auf Erden.

Burning Spears meistgesprochene Worte dieses denkwürdigen Abends sind jedoch vermutlich „Do you want some more? Talk to me, people! Do you want some more orrrriginal Rrrrrraggae-Music? Are you sure?“ – denn hiermit heizt er die Masse immer wieder an, die natürlich jedesmal frenetisch und unmissverständlich klar macht, dass sie im besten Falle die ganze Nacht mehr originale Reggae-Music hören möchte … und die bekommen sie, denn Winston Rodney reizt mit seiner Band den 22 Uhr – Curfew bis auf die letzte Sekunde aus, bevor er sich mit einem unter die Haut gehenden „One Love – Peace!!!“ in die Dunkelheit des Abends verabschiedet.

 

Und jedem einzelnen der Anwesenden ist nach diesem Gig klar, dass er Zeuge eines ganz besonderen Reggae-Konzerts hier im wunderbaren JunkYard im Norden Dortmunds geworden ist, denn Winston Rodney alias Burning Spear ist eine lebende Reggae-Legende, für viele Anhänger ein Idol vergangener Zeiten, das das Erbe seiner vielen schon verstorbenen Mitstreiter aufs Eindrucksvollste lebendig hält.

Mein besonderer Dank geht an Joe Schmidt für die Einladung sowie meine Schwester Sybille, mit der ich schönerweise all die vielen unvergesslichen musikalischen Erlebnisse teilen darf.

(peter)

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