(jul) Mit drei herausragenden Bands aus dem Pelagic-Records-Label Line-up – Bipolar Architecture, A Swarm of the Sun und The Ocean – stand der Abend des 05. September in Oberhausen ganz im Zeichen von atmosphärischer Dichte und emotionaler Wucht. Der Kulttempel in Oberhausen, bekannt für seine eindrucksvolle Atmosphäre, bot den perfekten Rahmen für den Tourauftakt der drei Bands. Die kathedralige Industriehalle, mit ihren rauen Ziegelwänden und ihrer historischen Bedeutung für die Re(li)gion, setzte den stuckverzierten Rahmen aus Melancholie und Härte.
Bipolar Architecture eröffneten den Abend mit einem Set, das geschickt zwischen düsteren, atmosphärischen Klanglandschaften und harten, post-metallischen Ausbrüchen balancierte. Die deutsch-türkische Band, die stark von der post-apokalyptischen Ästhetik des modernen Post-Metal geprägt ist, zeigte mit komplexen Gitarrenriffs und schrecklich wütendem Gegröhl, warum sie zu den aufstrebenden Acts der Szene gehört. Ihre Musik zeichnet sich durch einen dynamischen Wechsel von ruhigen, vom Shoegaze beeinflussten Passagen in plötzliches Djent Geballer mit Black Metal Nachhall aus. Sarp Keski (Vocals und Gitarre) und Niklas Arnet (Bass) mussten sich mit dem Galopp, den Fatih Kanik an den Drums beim Titeltrack des gleichnamigen Albums “Metaphysicize” vorlegte, erstmal arrangieren. Aber das Ganze fing sich dann in einem schönen und klaren Prog-Piece, dessen Ansage “get up, pick up the fight you were destined for” den gut gefüllten Saal in eine aufgeladene Grundstimmung versetzte. Die dichten Arrangements und die melancholische Stimmung der Songs von Bipolar Architecture erinnerten an Größen wie Cult of Luna und Isis, ohne jedoch an Eigenständigkeit einzubüßen. Insgesamt ein gelungenes Opening mit drei Titeln vom erst jüngst bei Pelagic erschienenen Album “Metaphysicize”, gefolgt von den beiden Tracks “If Words Were Swords” und “Depressionland” vom gleichnamigen Album aus 2022.

Als nächstes traten A Swarm Of The Sun auf die Bühne und ich war kurz verwirrt. Erwartet hatte ich die als Duo angekündigten Schweden, Erik Nilsson und Jakob Berglund, aber im Halbdunkel erahnte ich sechs Menschen. Zunächst dachte ich an den Soundcheck von The Ocean. Nachdem aber der Titel “The Stand” schon fortgeschritten war und die vier anderen im blassen Scheinwerferlicht kaum zu identifizierenden Herren die Bühne nicht verließen, wurde mir klar – das soll so bleiben und das sind A Swarm Of The Sun! Die Musik war der von The Ocean auch gar nicht ähnlich. Eine Mischung aus Post-Rock und Post-Metal, geprägt von langsamen, hypnotischen Strukturen und einer intensiven, fast schmerzhaften Emotionalität. Als zentrales Element das Synth-Gebilde und die Vocals von Erik Nilsson – drumherum arrangiert Keys, zwei Gitarren, Bass und Drums – zauberten eine Komplexität und Dichte in den Saal, die das Publikum umgehend in einer Spirale aus Schwermut einfing. Der beinahe fragile Gesang begleitete die sich langsam und behutsam entwickelnden Stücke von zarten, minimalistischen Anfangsmotiven hin zu epischen Crescendos, bei denen Gitarren, Drums und Synthesizer in einem beeindruckenden Klangstrudel miteinander verschmolzen. Dabei standen die Arrangements immer im Dienst der Stimmung – sie waren weniger zum Mitwippen oder Kopfnicken geeignet, sondern vielmehr dazu gedacht, die Zuhörer tief in die emotionalen Abgründe ihrer Kompositionen zu ziehen. Abyssopelagial! Eine bedrückende, dunkle, aber zugleich faszinierende Atmosphäre, die A Swarm Of The Sun über die gesamte Strecke der sechs performten Songs hinweg hervorragend halten konnten, bis die letzte Atemnote im Kulttempel verhallte und ein tosender Applaus die Spannung auflöste. Vom neuen Release “An Empire” wurde nur der Track “The Burning Wall” präsentiert, was einige der eingefleischten Fans etwas enttäuscht hat, die wohl angesichts des Veröffentlichungsdatums 06.09.2024 etwas mehr “Release Party” erwartet hatten. Das war es definitiv nicht – aber ein perfekter zweiter Akt im Pelagic Spektakel. 

Als dritter Akt und Headliner des Abends nahmen The Ocean, auch bekannt als The Ocean Collective, das Publikum mit auf eine Reise durch geologische Epochen und ozeanische Ebenen. Zwischenfazit: Episch!
Die Berliner Band um Robin Staps und gleichzeitig auch das Zugpferd des Labels, die für ihre Mischung aus Post-Metal, Progressive Metal und tiefgehende Konzeptalben bekannt ist, präsentierte über 90 Minuten hinweg eine energetisch fesselnde Show, die sowohl musikalisch als auch visuell überzeugte.
Die Setlist des Abends fokussierte sich stark auf ihr neuestes Werk „Holocene“ (2023/Pelagic) das als abschließender Teil einer vierteiligen Albenreihe gilt. Dramaturgisch war der ausgewogene Wechsel zwischen synth-lastigen Stücken wie „Preborial“, „Subborial“ oder „Parabiosis“ und den riffigeren „Cambrian II: Eternal Recurrence“, „Bathyalpelagic III: Disequillibrated“ und melodischen Parts wie „Hedopelagic II: Let Them Believe“ hervorragend gewählt. „Atlantic“ und „Oligocene“ wirkten auf der Reise durch die Gezeiten wie Insel der Erholung, auf denen die ansonsten sehr aufgeheizte Meute kurz Luft holen konnte. The Ocean hat eben auch live ein außergewöhnliches Gespür für die Abstimmung von Lautstärke und Tempo.
Immerhin ist das Kollektiv in unterschiedlicher Zusammensetzung bereits im 20sten Jahr auf Headliner Tour.
Die Darbietung war perfekt – es passte einfach alles! Und wenn man etwas kritisieren möchte, dann vielleicht genau diese Perfektion von Sound & Licht, die beim Headliner eines solchen Abends plötzlich da ist, bei den Bands davor aber im Vergleich nur zu 80-90%. Ein Schelm, wer Absicht dahinter vermutet. Das ist so eine wirklich unnötige Sache, die gerade bei einer Label Tour bei den Fans für „massive side eyes“ sorgt. Wir reden hier nicht über die Performance der Bands, die mit Sicherheit alle ihr volles Potenzial abgeliefert und den Abend zu einer extrem gelungenen Angelegenheit gemacht haben.

Es wurde progressive Musik zelebriert, kühles Getränk genossen, ausgiebig Vinyl und Baumwolle gemerched und am Merch parliert. Der Laden war für einen Donnerstag sehr gut frequentiert, die Stimmung durchgehend gutgelaunt, und für die Ausfälle und Umleitungen der Deutschen Bahn kann nur die Deutsche Bahn etwas. Ich habe einen wunderbaren Abend erlebt, besser geht kaum, danke Pelagic!….(jules)
Filed under: Konzertphotos, Live Reviews, A Swarm Of The Sun, Bipolar Architectur, The Ocean im Kulttempel Oberhausen am 05.09.2024




