(syb) Wenn eine Band ihr Album nach einem Pilz benennt, der in Japan als gestankverbreitende Delikatesse begehrt ist, nur in künstlichen Kiefernwäldern wächst, nicht kultiviert werden kann und damit als äußerst gefragter und recht luxuriöser Leckerbissen gilt, dann lässt sich durchaus erahnen: das wird nichts Glattes, nichts Gefälliges, aber bestimmt sehr, sehr lecker!
Und in der Tat ist Matsutake, das vierte Album von BISMUT, dem instrumentalen Power-Trio aus Nijmegen/NL, ein knorriger, widerspenstiger, aber im Geschmack einfach geiler Leckerbissen geworden, der sich wie die Wurzeln seines Namensgebers durch die Ritzen einer kaputten Welt direkt in das Bewusstsein der Hörerschaft schiebt und dort festwächst. Es war nämlich ausgerechnet ein Matsutake-Pilz, der auf den restlos verseuchten Trümmern der Stadt Hiroshima wuchs, als sich nach der nuklearen Katastrophe erstmals wieder Leben regte. Dazu inspiriert vom kaleidoskopischen Essay „The Mushroom at the End of the World“ der amerikanischen Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing, in dem der Matsutake metaphorisch für Leben unter prekären Bedingungen und Gedeihen im Ruin kapitalistischer Landschaften steht, übersetzen BISMUT diese Metaphorik in eine ganze Reihe wütender, komplexer, seltsamer und wunderbarer Klänge.
Peter Dragt (Drums), Nik Linders (Gitarre) und Huibert der Weduwen (Bass) nehmen uns mit auf ihre Reise, weg von der menschlichen Entfremdung, weg vom Kapitalismus, weg von Zerstörung und Eroberung und laden dazu ein, anders zu denken, anders zu handeln. Das zu finden, was diese Welt lebenswert macht und was es noch zu retten gibt.
Der instrumentale „Death Boogie“ der Band funktioniert dabei nicht nur als Genre-Spielerei, sondern ist eine echte Haltung und Können. Die sechs Stücke klingen trotz puristischer Besetzung so direkt, als seien sie ungefiltert live im Studio aufgenommen worden. Intensive Bassgewitter und Riffs schwer wie nasser Beton, verschiedenste Nuancen des brachialen und zugleich diffizilen Gitarrensounds, und kraftvolle, tighte Schlagzeugkapriolen spielen eine immer wiederkehrende Grundidee, die sich durch das Album zieht und eine entfesselte Geschichte erzählt.
So lässt der Opener „Alienation“ die Drums ohne Umschweife loshämmern, liefert sich mit der Gitarre ein Duell, treibt atemlos, wütend voran, schiebt und verebbt dann fast, nur um kurze Zeit später klingelnd und noch krachender zurückzukehren und im geordneten Chaos einen Puls zu finden.
Auch „Neugier“ prescht wütend nach vorn und zündet ein abwechslungsreiches Feuerwerk an Effekten, Geräuschen, sanften, leicht orientalischen Einflüssen, mit Vollgas Richtung Heavy Metal.
Der dritte Track „Assemblage“ mäandert anfangs kreativ dahin, gönnt aber eine nur kurze Verschnaufpause, deren Ende effektvoll untermalt schnell die wütende Grundidee des Openers wieder aufnimmt.
Mit „Contamination“ folgt ein atemloser Ritt, der eine rohe und unbändige Wucht entfaltet, psychedelisch-repetetive Muster bedient und gegen Ende das Zusammenspiel der Instrumente dekonstruiert und in sich zusammenstürzen lässt.
Mit dem Achteinhalbminüter „(Potentially) Immortal“ auf dem Höhepunkt der Reise angekommen, erzeugen die niederländischen Tausendsassas durch furioses Spiel und coole Effektspielereien immer wieder elektrisches Zucken in den Hirn-Synapsen und zeigen, was für eine Wucht im gesamten Album steckt.
Mit „Salvage“ endet diese unfassbar großartige Klangreise und hinterlässt die Hörenden glücklich und neugierig auf weitere Reisen und Experimente. Und mit Appetit auf Pilze.
Matsutake ist Doom, Stoner, es ist Metal, Psych und Heavy Rock, aber es ist vor allem lebendig und sehr besonders. Kein Song klingt nach „Auflösung“ im klassischen Sinne. Stattdessen entsteht etwas anderes, ein Gesamtwerk, eine polyphone Geschichte. Prädikat: absolut empfehlenswert.
Wer Peter, Nik und Huibert noch nicht live erlebt hat, dem sei unbedingt dazu geraten. Diese wahnsinnige Energie, kollektives Vibrieren – das ist nicht nur Musik, das ist eine Erfahrung zum Niederknien. Körperlich. Direkt. Schwer. Schön. Laut. Manchmal unbequem – und genau deshalb so verdammt gut.
VÖ schon am 24.04.2026
Label
Tonzonen Records
Dauer
38,13 Minuten
Tracks
1. Alienation
2. Neugier
3. Assemblage
4. Contamination
5. (Potentially) Immortal
6. Salvage
Webseite der Band
https://bismut.band
Instagram
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Bandcamp
Bismut.bandcamp.com
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