(pe) Es gibt Musik, die Antworten verspricht, und es gibt Musik, die lernt, mit offenen Fragen zu leben. „Thanks, I Hate It“ von Gavial gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Dieses Album ist kein Kommentar von außen, sondern ein Dokument aus dem Inneren einer Zeit, die sich selbst nicht mehr recht so traut. Dankbarkeit und Abwehr, Nähe und Distanz, Hoffnung und Müdigkeit existieren hier nicht als Gegensätze, sondern als gleichzeitige Zustände. Der Titel benennt das ohne Ironieschutz: höflich im Ton, hart in der Sache.
Gavial arbeiten mit Reduktion, nicht aus Mangel, sondern aus Haltung. Die Musik verweigert den großen Gestus, sie meidet das Erlösende wie das Anklagende. Stattdessen entstehen Räume: langsam sich öffnende Klangfelder, in denen Gitarren nicht führen, sondern begleiten, Rhythmen nicht treiben, sondern tragen. Man hört dieser Platte an, dass sie nichts beweisen will. Sie ist da, bleibt stehen, schaut auf den Moment.
Der Blues, der in diesen Stücken mitschwingt (absolut atemberaubend: Benjamin Butters Gänsehaut-Blues-Stimme bei Track 4 „Grow“), ist kein historisches Zitat, sondern eine innere Temperatur. Er äußert sich nicht im Lick, sondern im Atem zwischen den Tönen. Country taucht als Erinnerung an Weite auf, Psychedelia (mein persönlicher Favorit und Anspieltip: Track 3 „Pretender“) als leise Verschiebung des Blickwinkels. Alles wirkt vertraut und zugleich entrückt, als würde man bekannte Landschaften bei anderem Licht betrachten. Gavial nutzen Genres nicht als Referenzen, sondern als Sedimente: abgelagert, verwittert, tragfähig.
Im Zentrum steht eine Stimme, die nicht verführt und nicht erklärt – sie spricht, benennt, lässt stehen. In ihrer Zurückhaltung liegt etwas Unbeirrbares. Die Texte kreisen um Kontrolle, um gesellschaftliche Mechaniken, um die Erschöpfung des permanenten Bewertens. Es geht um Systeme, die versprechen zu ordnen, und um Menschen, die darin verschwinden. Doch nichts wird ausformuliert, nichts zugespitzt. Diese Lyrik vertraut darauf, dass Andeutungen schwerer wiegen als Parolen.
Bemerkenswert ist, wie sehr sich „Thanks, I Hate It“ der Logik des Spektakels entzieht. Es gibt keine offensichtlichen Höhepunkte, keine dramaturgischen Sollbruchstellen. Die Platte denkt in Zusammenhängen, nicht in Singles. Selbst dort, wo sie sich öffnet, bleibt sie kontrolliert, fast nüchtern — als wüsste sie um die Fragwürdigkeit jedes emotionalen Überschusses. Das abschließende Cover von Chris Isaaks „Wicked Game“ wirkt in diesem Kontext weniger wie ein Fremdkörper als wie ein Nachsatz: ein bekanntes Motiv, unaufgeregt neu belichtet, und seiner Sentimentalität dem Original von Chris Isaak in nichts nachstehend.
So wird „Thanks, I Hate It“ zu einer Art akustischem Essay über Gegenwart: über das Aushalten von Ambivalenz, über das Weitergehen ohne Illusion, über die leise Weigerung, einfache Antworten zu akzeptieren. In ihrem Infotext zum Album sprechen Gavial über den „Einfluss kultureller, gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen unserer Zeit“ auf die Band und ihre musikalische Reaktion auf „eine Welt, die brennt, Gesellschaften, die hassen, Technologien, die den Menschen nicht mehr hilfreich sind, das Wiedererwachen des Militarismus, Menschenrechte, die ignoriert oder nicht durchgesetzt werden, Institutionen, die von Korruption durchsetzt sind, und Einzelpersonen, die für sich den Reichtum Aller beanspruchen“.
Gavial formulieren hierzu jedoch keine Thesen, sie legen Beobachtungen vor. Und genau darin liegt die Stärke dieses Albums: es verlangt kein Einverständnis, nur Aufmerksamkeit.
Am Ende bleibt das Gefühl, einer Musik begegnet zu sein, die sich nicht anbiedert und nicht abgrenzt, sondern standhält. Einer Musik, die weiß, dass Widersprüche nicht aufzulösen sind — und die gerade deshalb notwendig wirkt. Es wäre traurig, wenn ein solch überzeugendes musikalisches Werk zu tief unter dem Radar fliegen würde und ich empfehle jedem Musikinteressierten, sich „Thanks – I Hate It“ einmal in ruhiger Minute tief zu Gemüte zu führen, denn es ist ein Album für konzentriertes Hören. Es belohnt Geduld, fordert Wiederholung und verweigert einfache Emotionen. Eine Platte, die nicht vorgibt, Antworten zu haben, sondern die richtigen Fragen stellt. (peter)
Tracklisting
- Control
- Koru Mindset
- Pretender
- Grow
- Leviathan
- Wandern
- Wicked Game
Weiterführende Links:
https://gavial.bandcamp.com/music
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