rockblog.bluesspot

musikalisches schreibkollektiv

Phil Schoenfelt – Cassandra Lied

(hwa) Rock soll tot sein? Der Rap dominiert die Szene? Das mag ja aufgrund der weltweiten Marktanteile hinkommen: Aber den Gitarrenrock totzuschreiben? Niemals! Der Rock wird zurückkommen – aber sowas von. Das denkt sich auch Phil Shoenfelt – und liefert dafür ein beeindruckendes Beispiel …

Phil Shoenfelt haben nicht automatisch alle sofort auf dem Schirm. Nach dem Hören seines aktuellen Albums „Cassandra Lied“ bin auch ich wesentlich schlauer: Er ist ein Genie. Sowohl kompositorisch, spieltechnisch als auch von den Texten her. Und tatsächlich schon seit Beginn der 1980er Jahre im Geschäft.

Der britische Sänger, Gitarrist, Multiinstrumentalist, Songwriter und Produzent Phil Shoenfelt, der heute in Prag lebt, gründete 1981 in New York die Post-Punk-Band „Khmer Rouge“, die regelmäßig im CBGB’s auftrat. Er wurde als Tour-Support u.a. für The Clash, Alan Vega, Nico, Billy Idol, The Gun Club, The Fall, Nick Cave & The Bad Seeds oder Crime & The City Solution gebucht.

Jedenfalls hat Shoenfelt vieles davon verinnerlicht. Seine Bandbreite reicht von Rock, Rockabilly, Folk, Punk, Post Punk, Indie bis hin zu Progressive Electronic. Wenn man seinen aktuellen Sound auf Bands und Namen herunterbrechen möchte, sind es für mich zuallererst Joy Division, Brian Eno, David Bowie und last but not least Billy Idol. Der dominiert alleine schon deshalb, weil Shoenfelt über das fast gleiche Timbre wie das von Billy Idol verfügt. Spuren von New Order, Neu! oder La Düsseldorf mischen sich ebenfalls ins Arrangement.

Textlich singt sich Shoenfelt – mal ironisch, aber noch häufiger melancholisch – den Frust von der Seele. Das Album erreicht eine lyrische Tiefe, die mit der von Rockpoeten wie Leonard Cohen, Lou Reed, Patti Smith oder Nick Cave vergleichbar ist. Dabei geht es um Enttäuschungen, Selbstzweifel, aber auch um Friktionen bzw. um ausgebrannte Lieben zwischen den Geschlechtern. Man höre sich – um nur ein einziges Beispiel zu nennen – Track 13 „When Did The Feeling Die?“ und den Refrain „There’s no loving in your eyes“ an. Weitere Beispiele gibt es auf dem Album zuhauf. Das alles ist eingebettet in ein Korsett süchtig machender Hooks.

Hinzu kommt ja noch, dass Shoenfelt mit grandiosen Begleitmusikern gesegnet ist. (Namen und Instrumente – wie immer – am Ende des Artikels). Jedenfalls lässt mich das Album schon seit Wochen nicht mehr los. Ich kann mich nicht satthören, stolpere aber über Shoenfelts einzigen schwachen Titel. Ausgerechnet der Bonus Track, nämlich David Bowies Cover von „The Man Who Sold The World“ (Track 15). Hätte nicht sein müssen. Aber, wie immer: alles nur Geschmackssache.

Und dennoch: Mit solch einem überragenden Album darf das Jahr 2020 getrost beginnen!

(Heinz W. Arndt)

Phil Shoenfelt „Cassandra Lied“

Sireena Records 2206

15 Tracks

Laufzeit 76:10 min.

VÖ: 10. Januar 2020

Tracklist:

01) Ghost Song

02) I Hate Myself Today

03) Shadowland

04) Just A Man

05) Resurrection Day

06) Fly Away

07) Complicated

08) Cathy Says

09) Psycho

10) Ionian Dream

11) Kingdom Come

12) The Brighter Side Of Darkness

13) When Did The Feeling Die?

14) Queen Of Emptiness

Bonus Track:

15) The Man Who Sold The World

Musicians:

Lead vocals on all tracks: Phil Shoenfelt

Acoustic and electric guitars: Phil Shoenfelt

Reverse guitar on tracks 1, 4, 7, 10: Phil Shoenfelt

EBow guitar on tracks 1, 2, 7: Chris Hughes

Lap steel guitar on tracks 1, 4, 5, 6, 12: Kristof Hahn

Surf guitar and reverse guitar on track 9: Chris Hughes

BBC Radiophone Workshop Guitar on track 10: Chris Hughes

Sloop John B guitar on track 14: Chris Hughes

Bass guitar on tracks 1-14: Phil Shoenfelt

Bass guitar on track 15: Baron Anastis

Drums and percussion on all tracks: Chris Hughes

Keyboards on tracks 1, 3, 6, 7, 10, 12, 13, 14, 15: Phil Shoenfelt

Tenor saxophone on track 3: Petr Holovsky

Bottleneck guitar on track 13: David Babka

Harmonica on track 14: Phil Shoenfelt

Backing vocals on tracks 3, 4, 6, 7, 8, 10, 12: Eva Turnova

Backing vocals on tracks 4, 5, 6, 9, 10, 12, 14, 15: Baron Anastis

Backing vocals on track 13: Marcia Shoenfelt, Anna Newman, Vanais Newman

Backing vocals on tracks 2, 7, 8, 11: Phil Shoenfelt

Backing Vocals on track 4: Xandi Krohn

Produced by Phil Shoenfelt und Chris Hughes.

P.S.: Beide sind an den Tracks in mehrheitlich instrumentaler Funktion beteiligt. Sie sind die Spiritgeber dieser Produktion. Wenn auch Shoenfelt letztlich dominiert. Ich ziehe vor allen Beteiligten – ich betone: allen! – den Hut.

(hwa)

Filed under: Album Reviews, Rock,

%d Bloggern gefällt das: