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musikalisches schreibkollektiv

„Ohne uns ist es still“

„Musik ist Systemrelevant“

(js) Die Aktion #ohneunsistsstill ist eine deutschlandweite Initiative der Veranstaltungsbranche. Dahinter stehen all die Dienstleister und Künstler hinter den Shows, Konzerten und Events, die wir besuchen. Sie treten mit dieser Aktion ausnahmsweise mal in den Vordergrund um auf ihre derzeitige prekäre Lage und auf die Stille in der Veranstaltungsbranche aufmerksam zu machen. Sie wollen Aufmerksamkeit für ihre privaten Schicksale, die beruflich und finanziell unter der COVID19-Krise und dem Veranstaltungsverbot leiden. Und exakt das haben sie verdient.
Wer – wie ich und unzählige meiner Freunde – irgendwann einmal die Passion „Musik“ in all seinen Facetten und Emotionen für sich entdeckt hat, erleidet gerade große Qualen, weil dieser Leidenschaft momentan kaum bis gar nicht nachgegangen werden kann. Keine Gigs, keine Konzerte, von Festivals ganz zu schweigen. Die andere Seite aber dieses Blattes birgt weitaus schwerwiegendere Konsequenzen in sich. Dort geht es um private Schicksale, um Existenzen, die bedroht sind. Wo uns „Zuhörenden“ ein nicht zu verachtender Faktor unserer Freizeitplanung abgeht, kämpft man andernorts ums blanke Überleben.

Die gesamte Kulturszene steht ja vor einer elementaren Bedrohung. Durch die bestehenden Covid-19 Bestimmungen kann sie seit Mitte März ihrer Arbeit nicht nachgehen, ihre Einnahmen sind fast um 100 Prozent eingebrochen, finanzielle Hilfen der Politik kommen bei denen nicht wirklich an und eine wirkliche Perspektive scheint momentan in weiter Ferne. Apropos „weite Ferne“: es reicht ja nicht einmal, mit Einmalzahlungen auszuhelfen, sondern es muss mehrschichtig unterstützt werden. Die Planung und Bewerbung von Veranstaltungen braucht Zeit und damit Vorlauf. Das bedeutet, dass auch nicht von heute auf morgen wieder hochgefahren werden könnte. Aufgrund der langen Vorläufe von Künstler- und Hallenbuchungen sowie der Bewerbung solcher Veranstaltungen sprechen wir nicht nur über meinetwegen drei Monate Umsatzausfall, sondern wahrscheinlich neun Monate oder länger. Es bedarf etwaiger Nothilfen, die nicht nur beschlossen werden, sondern vor allem auch fließen müssen.

Dazu muss aus politischer und verwaltungstechnischer Seite Vertrauen in die Hygienekonzepte gesetzt werden. Kaum eine zweite Branche bringt wohl derart viel Input mit, wenn es um die Handhabe von größeren Menschenmengen geht. Es bedarf zudem bei der Umnutzung von Räumlichkeiten (so lang nur kleinere Events erlaubt sind) eines Entgegenkommens der Behörden, um andere Nutzungsformen zuzulassen. Über ein Entgegenkommen bei Mietkonditionen in Zeiten, in denen Veranstaltung nicht in voller Kapazität ausgeführt werden können, müssen wir wohl gar nicht erst sprechen.

Die Kunst im Allgemeinen lebt doch davon, direkt Aug in Aug erlebt werden zu können. Und selbst das zeigte sich schon in den Anfangstagen der Pandemie, als Menschen in Italien sich auf den Balkons versammelten und miteinander sangen. Dieses Beispiel machte Schule und war kurz drauf aller Orten zu erleben. Weil Musik eben auch sehr stark auf Menschen wirken kann. Und auch, weil Musik dazu benutzt wird, um seine eigenen Gefühle zu beeinflussen, oder um Situationen angenehmer zu gestalten. Es gibt Studien, die belegen, dass Musik bei der Bewältigung von Angst und Einsamkeit hilft. Musik dient, die Lebensqualität zu erhöhen, um es mal auf den Punkt zu bringen.

Und dann sind wir auch schon bei der sog. „Systemrelevanz“ angekommen. Was ist systemrelevant, was nicht? Systemrelevant sind sicherlich jene, die das System am Laufen halten. Keine Frage. Pflegepersonal, Ärztinnen und Reinigungskräfte, Verkäuferinnen und Lkw-Fahrer, Landwirtinnen und Polizisten und andere mehr. Aber ist der Rest deshalb gleich irrelevant? Es ist in meinen Augen sehr riskant, wenn wir in diesem Glauben unser Leben einschränken lassen. Und ich bleibe einfach mal „nur“ bei meiner Leidenschaft Musik, ohne damit allen anderen, vielschichtigen Kunstformen auf deren Schlipse treten zu wollen.

Vor allem besteht doch unser „System“ aus einzelnen Individuen. Nennen wir sie der Einfachheit halber einfach Menschen. Wir werden geboren und früh schon mit Musik konfrontiert. Es werden uns Lieder vorgesungen. Zum Einschlafen, zum Lachen, als Teil eines gemeinsamen Tuns. Musik ist früh schon ein steter Begleiter. In einer liebevollen, natürlichen Art und Weise, fern jeden Kommerzes. Und auch wenn ich zwar gehofft, aber nie wirklich daran geglaubt habe, dass sich unsere Wertevorstellungen in Zeiten der Pandemie wirklich spürbar verändern könnten, darf man ja mal darüber philosophieren, was auch abseits von Einnahmen, Verkaufszahlen und Geldbeträgen unsere Welt benötigt.

Und man sieht in diesen Wochen doch ganz wunderbar, dass Musik auch nicht schläft, wenn vieles andere stillsteht. Musiker üben häufig keinen Beruf aus, sondern spüren eine Berufung, mit der sie gleichwohl auch ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Bisweilen so emotional, dass sie sich unter Wert verkaufen. Verkaufen müssen. Was lernen wir aber daraus? Ich für mich, dass Musik allemal ein Treibstoff unseres gesellschaftlichen Lebens ist. Der lebenswichtig ist.

Sodass ich zu einem recht pragmatischen, wie überzeugten Fazit komme: Musik ist durchaus systemrelevant. Und deshalb sollten wie sie auch nicht für selbstverständlich nehmen. Dann das ist sie nicht. Hinter Tönen und dem, was sie bei uns auslösen können, stecken Menschen. Dahinter steckt die Arbeit der Musikerinnen und Musiker. Eine Welt ohne ein Musikbusiness, so wie wir es heute kennen, ist relativ einfach vorstellbar. Unvorstellbar hingegen ist eine Welt ohne Musik. Und es wäre prima, wenn unser System es hergeben würde, dass Berufungen Berufe bleiben dürfen, ohne dass damit zwangsläufig eine finanzielle Notlage einherginge.

Kultur im Allgemeinen ist für mich systemrelevant. Weil sie den Menschen Freude, Sinnstiftung, Tiefgang, Werte- und Haltungsfragen, Nachdenklichkeit und nicht selten einen augenzwinkernden Spiegel schenken kann. Ohne Kultur hat der Mensch keine Kultur – im doppelten Sinn des Wortes. Etwas „Systemrelevanteres“ gibt es doch kaum. Sie ist im medizinischen Sinne wohl nicht lebensnotwendig, gestaltet das Leben aber zweifelsfrei lebenswert.

Und deshalb bleibt mir nur, all den Kulturschaffenden (als Oberbegriff) die Daumen zu drücken, dass Politik, Behörden, Kommunen zur gleichen Auffassung kommen werden und diesen weitreichenden Berufszweig in aller Ernst- und Sinnhaftigkeit auch unterstützen werden. So lange trage ich mein Scherflein dazu bei, indem ich bei Bands – aber auch von Clubs – noch mehr Merch und Musik kaufe, erste Veranstaltungen besuche, die gerade anlaufen dürfen, und dort mal das ein oder andere wohltemperierte Kaltgetränk mehr trinke, als ich es ansonsten getan hätte. OK, Letzteres klingt vielleicht jetzt doch nicht so außergewöhnlich.

Abschließen möchte ich nun mit einem tollen Zitat des Herrn Nietzsche, welches wahrlich Musik in meinen Ohren ist:
„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“

(jensSHoff)

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