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GEBHARDT – Geb Heart

(ju) Erwartungsvoll lege ich die CD ins offene Laufwerk. Das Digipack in meiner anderen Hand zeigt drei Collagen, vorne, innen und hinten, die wie bunte Wimmelbilder zum Suchen und Interpretieren einladen. Die linke Innenseite listet die 14 Songtitel auf sowie das gängige Kleingedruckte. Kein Booklet, kein Foto. „Geb Heart“ der Albumtitel, „Gebhard“ der Künstler. Neugierig drücke ich auf Play, lehne mich zurück, lausche und grinse. In „March of the Tortoise“ marschiert ein tiefer Bass mit lediglich zwei Tönen stoisch voran, begleitet von einer verspielten Akustikgitarre. Immer mehr Instrumente schließen sich an – eine elektrische Gitarre, Schlagzeug, Keyboards – und katapultieren mich in die Kulisse eines Tarantino-Westerns. Ein extrem lässiger Instrumental-Streich im triolischen Swing-Rhythmus. Mein Grinsen wird breiter.

Zweiter Titel, „Breakup Breakdown“, die Instrumente setzen gemeinsam ein, die Lässigkeit bleibt erhalten, doch mit mehr Tempo und Verspieltheit und einem vor Coolness triefendem Gesang. Erneut tauchen sofort filmische Assoziationen auf. Diesmal fahre ich in einem Auto durch eine schwarz-weiße Jarmusch-Kulisse und grüße Tom Waits, der am Straßenrand mit geschlossenen Augen tief den Zigarettenrauch inhaliert. Mein Mund grinst noch immer breit. 

Spätestens beim dritten Track habe ich den Eindruck, einen Sampler mit unterschiedlichen Interpreten zu hören. Gängiger Brit-Rock mit – verzeiht! – Oasis-Anleihen. Vorsichtshalber schaue ich mir nun doch mal das Kleingedruckte im Digipack genauer an und nehme zum ersten Mal den Beipackzettel zur Hand, der dem Rezensionsexemplar beilag. Alle Songs stammen von einem Künstler aus Norwegen namens Håkon Gebhardt, ehemaliger Drummer von „Motorpsycho“, der fast alles selbst in die Hand nahm: schreiben, komponieren, trommeln, Gitarre und Keyboards spielen, singen, feilen, mischen, produzieren, schneiden. Selbst die Kunstcollagen sind von ihm. Lediglich das Bass-Spielen überließ er seiner Frau Mari Simonelli, die zudem ein paar Textzeilen beitrug. Daher also die Experimentierfreude und Vielfalt.

Letztere lässt nun jedoch leider etwas nach: Die folgenden Songs brechen immer seltener aus und bewegen sich stattdessen lieber verträumt und unauffällig unter dem behaglichen Mantel des Brit-und Indie-Rocks, erinnern an Kasabian („That Day“) oder an R.E.M.s „Man on the Moon“ („The Third Song“), wenn Michael Stipe kurz vor dem Refrain Andy Kaufman anspricht. Ganz nett, ganz reizend. Mein fettes Grinsen ist einem leichten Lächeln gewichen. Die Songs werden softer und eingängiger und verirren sich in den beiden Tracks 10 und 11 schließlich in höchst schnulziges Gefilde. „Please Don‘t Go Away“ eignet sich wahlweise als Einschlaflied für kleine Kinder, als Schunkel-Animation im ZDF-Fernsehgarten oder als Rausschmeißer nach durchtanzten Nächten in Musik-Clubs. Meine Mimik spiegelt derweil Verwirrung wider. 

Doch schließlich folgen völlig unerwartet drei instrumentale, leider recht kurze Perlen, die das Album so abschließen, wie es begonnen hat: außergewöhnlich und innovativ. Mein Grinsen ist wieder da.

Mich dünkt der Eindruck, dass hier möglichst viel auf eine Scheibe gepresst werden sollte. Und tatsächlich stellen der erste sowie die drei letzten Songs Bonus-Tracks dar, die es nur auf CD als „extended version“ gibt. Ausgerechnet diese Songs fallen dem Vinyl zum Opfer? Da bieten sich – mit Verlaub – andere Lieder viel eher an. 

Definitiv ein interessantes Hörerlebnis – mit vielen Stärken und einigen Schwächen……(judith)

Label: Apollon Records

VÖ: 23.09.2022

Dauer: 50:50

Trackliste: 

1. March of the Tortoise*

2.  Breakup Breakdown

3. None of This is Mine

4. That Day

5. I Want to Know

6. Monkey Sivert

7. Beautiful Girl

8. Fixing Things

9. The Third Song

10. Distant Stars 

11. Please Don‘t Go Away

12. Marimba Walz*

13. Marc the Riffer*

14. Title Track*

*Non-LP Bonus-Tracks

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