(ju) Ein tosendes Blastbeat-Gewitter, ein schrammelndes, düstergrollendes Gitarrenriff und ein Bass, der auch den letzten, resistenten Rest gnadenlos mit sich reißt. Das in Musik-Rezensionen eigentlich recht abgelutschte Adjektiv „mitreißend“ passt auf den Opener von SARKHs neuer EP „Helios“ allerdings wie Faust auf (Sturm-) Auge. In bester Black-Metal-Manier wird zu Beginn ein Sturmtief heraufbeschworen, das mein Metal-Herz höher schlagen lässt.
Dann der Bruch, der die Hörerschaft taumelnd zurücklässt: Johannes Dose zieht mit seinen Sticks bei voller Fahrt die Handbremse, Falko Schneiders Viersaiter ist nunmehr eher Seelenschmeichler als Arschtritt und die gebrochenen, harmonisch-warmen Akkorde, die Ralph Brachtendorf so vorsichtig wie zärtlich aus seiner Gitarre hervorlockt, lässt mit einem Mal die Sonne zwischen den schwarzen Gewitterwolken hindurchblitzen, sodass wabernde Dampfschwaden vom feuchten Boden aufsteigen. Sobald sich jedoch die Wolken wieder vor die Sonne schieben, kehrt das Moll-Metal-Riff zurück, bevor sich das Licht erneut schüchtern eine kleine Lücke sucht, nur um kurz darauf derbe einen auf den Deckel zu kriegen. Das Ende des ersten Tracks endet im Hagel.
Willkommen im Wetterumbruch „Helios“, der neuen EP der Westerwälder Instrumentalband SARKH, die heute, am 7. Juli 2023, frisch erschienen ist! Aufgenommen im Institut für angewandten Krach, dem nicht-kommerziellen DIY-Studio von Bassist Falko Schneider, bietet die Scheibe höchst emotionale Warm- und Kaltfrontduelle, bei denen sich treibender Post-Rock, progressive Temperaturanstiege und Metal-Ausbrüche harmonisch reibend miteinander messen.
(Notiz am Rande: Soeben habe ich erstmalig auf den beiliegenden Waschzettel mit den Infos zum Album geschaut und muss schmunzeln. In der Genrebezeichnung steht passenderweise „Naturgewalt“! Dass der erste Song „Zyklon“ heißt, habe ich im Übrigen auch erst gelesen, nachdem die Wettermetaphorik längst durch meinen Kopf tobte. Ergo: Ihr habt die Musik perfekt rübergebracht, Jungs! Zumindest vor meinem geistigen Auge sind auf Anhieb die passenden Bilder entstanden.)
Während Schlagzeug und Bass die Wetterumschwünge antreiben und zugleich im Rahmen halten, ist es vor allem der narrative Charakter der Gitarre, der die Seele der EP ausmacht. Ausdauernd erzählt sie Geschichten, mal wild und aufgebracht, mal zärtlich und sanft, singt in „Helios“ von lauen Sommernächten und vergießt nostalgische Tränchen, um schließlich in der zweiten Hälfte von „Kanagawa“ wieder an Windstärke zuzunehmen. „Cape Wrath“ beendet das Treiben mit einem über zehnminütigen, rifflastigen Post-Metal-Sturmtief, rhythmisch experimentellen Luftzirkulationen, einem fetten Knall und – Sonnenstrahlen, die vorsichtig durch die Wolken blitzen. Ich rieche förmlich diesen herrlichen Duft nach einem kräftigen Sommerregen.
„Helios“ ist im Übrigen erst der Anfang, nämlich der Vorläufer zum gleichnamigen Longplayer, der nach Fertigstellung als Vinyl unter Lulus Label Worst Bassist Records erscheinen wird. Wer jetzt schon die Vorgeburt feiern möchte: Am morgigen Samstag, dem 8. Juli 2023, wird SARKH ihre neue EP (und vielleicht den einen oder anderen neuen Song des kommenden Albums?) live im Vortex Surfer Musikclub in Siegen, Weidenau, vorstellen. Die Wettervorhersage fürs Vortex: schwül-warm. (Judith)
Label: Worst Bassist Records
VÖ: 07.07.2023
Dauer: 30:56
Trackliste:
1. Zyklon
2. Helios
3. Kanagawa
4. Cape Wrath
https://sarkh.bandcamp.com/album/kaskade
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