(jm) „Real Life“ ist nicht nur Głyks erstes Album seit über vier Jahren (der Vorgänger „Feelings“ wurde auch hier rezensiert) sondern auch ihr bisher markantestes. Die musikalische Handschrift dieses Talents am Bass wird immer unverkennbarer. Die Songs entstanden in Michael Leagues katalanischem Studio im vergangenen Winter, als Tonmeister war der Grammy-ausgezeichnete Nic Hard (Snarky Puppy, Charlie Hunter) an den Aufnahmen beteiligt. Im ersten Gespräch mit Michael League wurde Kinga gefragt, was sie mit ihrer Musik ausdrücken möchte:
„Ich möchte mit dem Bass führen, aber die Leute sollen nicht denken, dies sei einfach nur ein weiteres Bassalbum… Vielmehr geht es darum, besondere Songs zu erschaffen. Musik kann auch ganz ohne Lyrics interessant und stark genug sein. Ich liebe es, mit Musik meine Gefühle auszudrücken und Songs zu schreiben, die das Herz anderer Menschen berühren. Ob sie von einer Bassistin gemacht wurden? Das ist doch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass man mit der Musik eine Geschichte erzählt…“
…die unsere Seele berührt. Ein Anspruch, den im Grunde jeder Musiker an sich und sein Schaffen haben sollte. Die 26-jährige Polin, die sich zunächst mit ihren viralen Bass-Coverversionen von Eric Clapton, Bruno Mars und weiteren Stars Millionen von YouTube-Views erspielte ist noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen, geht es ihr doch darum, etwas zu erschaffen, das so nur von ihr kommen kann. Von Jazz und Funk inspirierte Instrumentalsongs, die absolut zeitgemäß klingen und einzigartig in ihrem Arrangement und ästhetischen Ansatz sind. Beim ersten Hören wirkt das tatsächlich etwas ungewöhnlich, doch schon beim zweiten Durchlauf kristallisieren sich die ersten Ohrwürmer heraus.
Głyk hat sich für das Album mit gleichgesinnten Musikerinnen und Musikern wie Aerophonist Casey Benjamin (Robert Glasper Experiment, Stefon Harris) Schlagzeuger Robert Sput, Searight (Snarky Puppy, Kirk Franklin, Ghost-Note), einer Reihe von Keyboard-Cracks wie Caleb McCampbell (Beyoncé, Michael Bublé), Julian Pollack (Marcus Miller, David Sanborn, Joe Lovano), Nicholas Semrad (Miss Lauryn Hill, Talib Kweli, Bootsy Collins) sowie ihrem langjährigen Kreativpartner Brett Williams (Marcus Miller, Mumford and Sons, Stevie Wonder) zusammengetan. Produzent Michael League, wie Głyk selbst Bassist, steuert zusätzliche Keyboards sowie E-Gitarre, elektrische Sitar und Bariton-E-Gitarre bei. Als Co-Produzent wirkte er darauf ein, Głyks kompositorisches Talent den verdienten Raum zu geben, ihr virtuoses Bassspiel bildet währenddessen den klanglichen Fixpunkt, von dem die räumlichen Interaktionen mit der Gruppe ausgehen und sie vorantreiben.
Auf diese Weise können selbst reine Instrumentaltracks zutiefst packend und emotional sein, das haben auch schon Bands aus anderen Genres wie Post- oder Psychedelic Rock bewiesen.
Hier tauchen wir ein in Jazz und Funk. „Unfollower“ etwa hat eine unwiderstehliche, dominante Midtempo-Bassline, von der man einfach nicht genug bekommen kann oder das lebhaft groovende „Swimming In The Sky“ denen jeweils ein zutiefst persönliches Storytelling zugrunde liegt. Kinga Głyk bildet mit ihrem Instrument eine geradezu symbiotische Einheit, gibt den Ton zwischen Lead und Rhythmus vor, getragen von einprägsamen Melodien und einem federnden Groove.
Über die Single „Fast Life“ sagt sie „der Song sei ihr in den Sinn gekommen, als ich über Fast Food nachdachte. Darüber, wie jeder alles sofort haben will und selbst dann sind wir manchmal frustriert und unzufrieden. Selbst zu schnell ist nicht schnell genug. Ich denke, es ist wichtig, eine Balance zu finden und zu verstehen, dass superschnell im Leben nicht immer gleichbedeutend mit super produktiv ist. Es hat lediglich den Anschein. Aber wenn man tiefer darüber nachdenkt, ist die seelische Gesundheit das Wichtigste. Deshalb sollten wir mehr auf uns achtgeben.“ Recht hat sie und ich hab das direkt ausprobiert und mir bei einem Glas Rotwein das Album ein drittes Mal angehört. Der Song „Sadness Does Not Last Forever“ beginnt dabei tatsächlich traurig und endet nach einem nach Lebenslust schreiendem Mittelpart in entspannter Leichtigkeit. Es gibt eine Menge Stories zu entdecken auf „Real Life“. Genau wie im richtigen Leben. (Jens M.)
Kontakt und Reinhören:
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