(ju) So langsam füllt sich die Kantine. Da der Himmel sich heute nicht so recht für eine Wetterlage entscheiden konnte und sich an diesem Sommerabend eher dem berüchtigten April-Wetter bedient, haben die Veranstalter der Kantine Köln in Kooperation mit dem Musikmagazin Visions das Konzert von Alex Henry Foster & The Long Shadows vorsichtshalber aus dem Biergarten nach innen verlegt. Es ist der krönende Abschluss einer für die Band und vor allem für den Frontmann sehr bedeutsamen Europatournee.
Zum ersten Mal seit seiner kritischen, zehnstündigen Herz-OP Anfang letzten Jahres darf Alex Henry Foster diesen Sommer endlich wieder mit seinen fünf Bandkollegen und -kollegin auf der Bühne stehen und das machen, wofür sein Herz – verzeiht die plakative Metapher – am meisten schlägt: die Musik. Dass er von Dankbarkeit erfüllt ist und geradezu überläuft vor Glück, merkt man ihm deutlich an. Hier steht jemand, der das Leben feiert – gemeinsam mit seiner Band und gemeinsam mit seinen Fans. Und derer haben er und die Band viele! Die Fans sind mehr als bloße Fans, sie bilden bei Alex Henry Foster & The Long Shadows eine regelrechte Gemeinschaft mit deutlich familiären Zügen. Von überall her sind sie heute angereist, zu diesem besonderen Abschlusskonzert, das noch dazu gratis ist. Eine liebevolle Geste der Band, die beweist, dass die Freude und Dankbarkeit echt sind und geteilt werden wollen.

Wer schon einmal auf einem Konzert von Alex Henry Foster & The Long Shadows war, ist gefasst auf emotionale Höhenflüge, Gänsehaut und Pipi in den Augenwinkeln. Dennoch hält jeder einzelne Auftritt eine Überraschung bereit, die selbst den treuesten AHF-Fan immer wieder vor Ehrfurcht erstarren lässt. Das Fundament ist die Musik, die sich in Worten kaum beschreiben lässt. Eine zart-explosive Mischung aus Post Rock, Progressive Rock, Noise, Ambient,… – um mit ein paar Genres um mich zu schmeißen. Aber bloße Genrebezeichnungen werden dieser Live-Musik keineswegs gerecht. Atmosphärische, hypnotische Klangteppiche wie in „The Pain That Bonds (The Beginning Is The End)“ oder „The Power Of The Heart“ nehmen das Publikum zärtlich in den Arm und tragen es davon, bevor es von progressiven, emotionalen Sound-Cocktails wie „Summertime Departures“ oder „The Son Of Hannah“ zurück auf den Boden gerissen wird, um sich gemeinsam mit dem Frontmann und seiner Band in völliger Ekstase zu verlieren. Einen akustischen Höhepunkt bildet wie immer der Über-Song „The Hunter“.


Alex‘ Stimme bildet mit seinem einnehmenden Sprechgesang und verträumten Melodien gemeinsam mit der cineastisch anmutenden Instrumentation das hölzerne Kreuz, dass die Menschen vor der Bühne Marionetten gleich an den Fäden und somit in der Hand hat. Der Soundkosmos ist wie ein schwarzes Loch: Er saugt alles auf, erbarmungslos und liebevoll zugleich. Überall lächelnde Gesichter, wogende Körper, geschlossene Augen, staunende Augen, strahlende Augen. Die Band beweist einmal mehr ihre musikalische Virtuosität, wenn sie sich an unzähligen Instrumenten austobt und abwechselt. Vor allem Alex Henry Foster und Miss Isabel wechseln die Instrumente mit einer Leichtigkeit wie ich meine Unterhosen (also zu Hause, nicht in der Kantine). Voller Anmut und Leidenschaft streichen Violinbögen über Gitarren- und Basssaiten, während Miss Isabel hinter den Keys im Alleingang ein Instrumentarium einsetzt, das dem einer Bigband ähnelt. Ben Lemelin wechselt derweil immer wieder zwischen Gitarre und Schlagzeug, sodass zeitweise zwei Drumkits die Grenzen des Möglichen weiter verschieben.
Ob Alex Henry Foster heute wohl wieder seine Gitarre zum Stagediving ins Publikum schickt? Seine Ärzte rieten ihm davon ab, den fröhlichen Sprung in die Menge selbst zu unternehmen. Heute Abend entscheidet er sich für einen Kompromiss: Vorsichtig steigt er die Bühne herab und geht mit seiner Gitarre um den Hals durch die Menge, die sich wie das Meer vor Moses teilt. Er steuert auf einen kleinen, lockigen Wuschelkopf zu, begrüßt das Mädchen und hängt ihm seine Gitarre um den Hals. Während die kleine Mathilda, die mit ihrem Vater Kevin extra aus Großbritannien angereist ist, munter die Gitarre schrubbelt, schlendert Foster entspannt durch die Menge und begrüßt neue und alte Freunde mit herzhaften, innigen Umarmungen. Schließlich geht er mit seiner soeben rekrutierten neuen Gitarristin durch die noch immer offene Schleuse zurück zur Bühne, hebt das Mädchen hinauf, klettert hinterher und jubelt sodann diesem mutigen Lockenkopf applaudierend zu, ungläubig den Kopf schüttelnd und schließlich ausgelassen tanzend. Er feiert das Leben, und die Band und das Publikum feiern mit.


Es sind solche Gesten authentischer Spontaneität, die Alex Henry Foster und seine Long Shadows zu den größten Sympathisanten der Musikbühnen machen. Alles ist echt, nichts ist gespielt, das merkt man. Foster merkt an, dass sie – im Gegenzug vieler großen Bands und Künstler:innen – keine Backing Tracks verwenden, dass sämtliche Klänge live erzeugt werden. Auch die Zugabe sei keine gewöhnliche, wie Foster betont: Eigentlich finde er es bescheuert, wenn Bands gespielt überrascht zurück auf die Bühne kämen und überlegten, was sie denn jetzt noch spielen könnten. Er und seine Band haben heute hingegen eine Geschenk an ihr Publikum, als sie die über 14-minütige epische Klangperle „Slow Pace Of The Wind“ in den Kosmos schleudern. Eine würdige Zugabe einer würdigen Band für ein würdiges Publikum.

Text: Judith
Fotos: Jane Glück (Wir danken Jane für die Fotos!)
Besetzung:
Alex Henry Foster: Gesang, Gitarre, Moog, Percussions.́
Ben Lemelin: Gitarre, Schlagzeug, Gesang
Jeff Beaulieu: Bass
Sef Lemelin: Gitarre, Keyboards
Miss Isabel: Keyboards, Klarinette, Trompete, Flöte, Gesang
Charles “Moose” Allicie: Schlagzeug, Dulcimer
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