(jul+kursiver vo) Manche Abende stehen für sich. Andere stehen für etwas Größeres. Der ausverkaufte Colos-Saal am 30. Dezember gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Für Volker und mich stand deshalb bereits im Juli fest, dass wir diesen Abend live für den RBBS begleiten. Nachdem wir My Sleeping Karma und Daily Thompson 2025 vielfach begleitet haben, war dieser Jahresabschluss gesetzt – wie für viele andere Fans und Freunde der Bands, die nach Aschaffenburg gepilgert waren.
Das 20-jährige Bestehen von My Sleeping Karma in 2026 verleiht dem Jahr 2025 rückblickend eine zusätzliche Gravitation. Dieses Jahr war kein bloßes „Dazwischen“, sondern ein Verdichtungsjahr. Ein Jahr, in dem sich gezeigt hat, welche Rolle diese Band – und das sie umgebende Gefüge – innerhalb der Szene tatsächlich spielt.
2025 waren My Sleeping Karma nicht einfach präsent, sie bildeten einen tragenden Kern. Monumentale Auftritte bei Soul Sonic Ride I und II in Köln und Wiesbaden, dazu Festivalshows beim Freak Valley, Desertfest Berlin und Blue Moon Festival, ließen spürbar werden, wie vieles hier zusammenläuft. Nicht nur als Band im Sound-of-Liberation-Roster, sondern als Herzschlag dieses Kosmos. Wer 2025 aufmerksam unterwegs war, konnte diese Linie erkennen. Untrennbar damit verbunden ist Matthias „Matte“ Vandeven. Seine Rolle lässt sich weder verklären noch ignorieren. Hier steht jemand, der knallhartes Business beherrscht und Strukturen präzise aufsetzt – und dem man es trotzdem nie übelnimmt. Weil alles, was sich um ihn organisiert, aus einer tiefen Ernsthaftigkeit für Musik heraus entsteht. Er lebt diese Szene, prägt sie seit über 20 Jahren maßgeblich, hält sie zusammen. Nicht als Strippenzieher im Hintergrund, sondern als verbindendes Element mitten im Geschehen. Genau deshalb fühlt sich nichts davon aufgesetzt an. Alles wirkt organisch gewachsen, getragen von Vertrauen. Was daraus entsteht, ist bemerkenswert: Bands werden zu Freunden. Crew wird zu Familie. Publikum wird Teil des Ganzen. Und plötzlich ist ein Jahresabschluss-Gig wie dieser im Colos-Saal nicht mehr nur ein Konzert, sondern ein soziales Ritual. Etwas, das man erwartet. Worauf man sich einstellt. Von dem man weiß, dass es kommen wird.
Sound of Liberation hat in diesem Jahr nicht einfach Konzerte und Festivals organisiert, sondern Ereignisse geschaffen, in denen sich Menschen immer wieder begegnen konnten. Diese wirkten weniger wie einzelne Events, sondern vielmehr wie Stationen eines größeren Zusammenhangs, der sich aus Beziehungen speist und nicht aus Kampagnen oder Marketinglogik.
Vor diesem Hintergrund wirkt es vollkommen folgerichtig, dass Daily Thompson den letzten Konzertabend des Jahres 2025 eröffnen. Keine programmatische Entscheidung, sondern gelebte Nähe. Die Dortmunder sind seit Jahren Teil dieses erweiterten Kreises – menschlich wie musikalisch. Auch wenn sie aktuell bei Noisolution veröffentlichen, sind sie fest im Sound-of-Liberation-Booking-Kosmos verankert: als Freunde der Bands, Freunde des Labels und als Menschen, die diese Szene mittragen und prägen.
Ich habe Daily Thompson 2025 oft gesehen. Auf Festivals, auf Einzel-Gigs, in Clubs, auf großen und kleinen Bühnen. Und genau dadurch sind sie zu einer meiner persönlichen Konstanten geworden. Keine Band, die man neu entdeckt, sondern eine, die man immer wieder trifft – und bei der genau das den Reiz ausmacht. Bestimmte Riffs, bestimmte Grooves kommen zurück. Nicht als Routine, sondern als Wiedererkennen. Man weiß, was kommt. Und man freut sich genau deshalb darauf. Ruhrpott-Grunge vom Feinsten, mit dieser Haltung von: Wir kommen von hier, aber unser Blick geht weit raus. Große, weite Welt, ohne sich dafür zu verbiegen.
Im Colos-Saal ist das vom ersten Moment an da. „Pizza Boy“ setzt den Auftakt – roh, direkt, ohne Vorrede. Danach schieben „Diamond Waves“ und „Cantaloupe Melon“ genau diese Mischung aus Drive und Weite nach, die Daily Thompson live so stark macht. Das ist kein Warmspielen, das ist ein klares Statement: Wir sind da. Der Raum gehört jetzt uns – und euch.
Mit dem neuen „Chains“ wird das Set erdiger, rotziger. Und bei „I’m Free Tonight“ sitzt der Groove tief, nichts wirkt überhastet. Spätestens bei „A Girl Like You“ ist der Saal komplett drin – nicht euphorisch im Sinne eines Ausbruchs, sondern verbunden. Und wenn „Slow Me Down“ das Set beschließt, fühlt sich das weniger nach Ende als nach Übergang an.
Daily Thompson spielen nie auf Distanz. Sie ziehen keine Linie zwischen Bühne und Raum. Ihr Sound ist greifbar, direkt, nah. Er holt einen raus aus Gesprächen, aus Erwartung, aus diesem inneren Jahresrückblicksmodus. Zack – hier bist du. Jetzt.

©jules

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Und nichts daran wirkt angestrengt. Kein Vorband-Eifer, kein demonstratives Mehr-Wollen. Danny, Mephi und Babblz stehen da, wie sie immer da stehen: mit Druck, mit Wärme, mit Selbstverständlichkeit. Das ist keine Attitüde, das ist gewachsen. Und es passt ins Bild, dass sie parallel bereits wieder neues Material aufnehmen – erneut mit Tony Reed. Neues Zeug, das Ende des Sommers 2026 erscheinen soll. Nach diesem Auftritt fühlt sich das nicht wie eine Ankündigung an, sondern wie die logische Fortsetzung einer Band, die genau weiß, wo sie 2026 stehen will. Ich freue mich riesig darauf.
MSK: Es war an diesem Abend wieder eine fesselnde, tief emotionale, tief verbundene, allseits verehrungswürdige, Gänsehauterzeugende, aus tiefster Liebe und Seele kommende Zusammenkunft zwischen Band und mitfeiernden, mitfiebernden und einer völlig in den MSK Musikstyle und -stil versunkene Karmagemeinschaft. Andre, Matte, Norman und Seppi machten sich auf uns und sich auf eine Reise zu beamen, die uns den ganzen 2025er Mist für 80 Minuten vergessen ließ: mit großem Sound (danke Rene) und passendem Licht (danke Patrick) und feinen Photos (danke Anders). Die Atmosphäre im kolossalen Saal barst förmlich als die vier Karmaboys, ein Windlicht in Gedenken an den vor zwei Jahren verstorbenen Steffen vor sich hertragend, die Bühne betraten, sich umarmten und als ersten Wegbeamer „Prithvi“ in ausufernder Freude auf wie vor der Bühne intonierten und den ganzen Saal in eine hin und her wogende Gemeinschaft verwandelten: der völlig karmamelisierte Trip begann! „Drannel Xu Llop“ bedeutete ein Eintauchen in die allererste Phase der Karma PsychedelicGroove Veröffentlichungen, zur „Same“. Als Mitte 2010 im www meine erste Begegnung mit MSK stattfand war dieser Stoff fortan in meiner Musikstoffsammlung ganz mit oben angesiedelt: solches Kopfkinocinemascope reihte sich in vorderster Front in meine Tonträgersammlung ein: was für ein Sound! „Tamas, Brahma, Maya Shakti“, weiter ging die Reise tief in den Karma Sound Katalog aus all ihren Jahren. Ich durfte während ihres Auftritts an der rechten Bühnenseite verweilen, sah die Freude und Begeisterung der vier Jungs hautnah und das Auditorium trug sie ohne Unterlass auf Händen. „Prema, Akasha, Psylocybe und Hymn 72“ als GrooveRockAllesPlattMachendeHymne folgten und die Stimmung siedete und siedete und siedete. Ohne Zugabe kamen die Jungs aber nicht aus dem Haus und so schossen sie uns mit „Ahimsa“ endgültig in einen Rausch, was für ein Fest! Nach den Feierlichkeiten ist bekanntlich vor den Feierlichkeiten und so zog ein großer Troß Konzertbesucher noch ins „Hannebambel“, eine explizit linken Kneipe in der Nähe, wo wir dann die Nacht mit Kalt- und Warmgetränken und guter Musikbeschallung ausklingen ließen.

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Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich in der Szene bereits das Gefühl breitmacht, dass dieses Treffen – My Sleeping Karma und enge Freunde zum Jahresende – Institution werden könnte. Nicht, weil es so geplant ist. Sondern weil es sich organisch ergibt. Weil Menschen wiederkommen wollen. Und weil hier etwas zusammenkommt, das man nicht herstellen kann: Ehrlichkeit, Kontinuität und Gemeinschaft.
Zwanzig Jahre My Sleeping Karma stehen vor der Tür und im Frühjahr die Tour mit Colour Haze (Karma Haze Tour).
2025 hat gezeigt: Diese Geschichte von MSK wird nicht verwaltet. Sie wird getragen. Und so warten wir voller Vorfreude aufs Christkind 2026 – vielleicht liegt neues Vinyl unterm Baum, vielleicht ein Ticket für den Colos-Saal Jahresabschluss.
Wir bedanken uns von bei allen Beteiligten an diesem krönenden Jahresabschlußsoundofloberationdailythompsonmysleepingkarmaundcolossaaldoppelkonzertabend und freuen uns auf 2026 wenn es wieder vielerorts heißt: aus Doatmund und/oder Keep your karma….(Jules und kursiv: Volker, Photos Anders Oddsberg, Jules und Volker)
https://www.mysleepingkarma.de/
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