Blues-Rock-Funk-Soul aus Dresden
(ro) Manchmal genügt noch nicht einmal eine Minute, um zu wissen: Das hier ist echt. „Brașov Tales“ beginnt genau in diesem Raum zwischen Erwartung und Gänsehaut – dort, wo Musik nicht erklärt, sondern erinnert, berührt und bleibt. Der Songwriter und Ausnahmegitarrist Lars Kutschke hält mit seiner neuen EP keinen Rückblick und keine Visitenkarte bereit, sondern einen ungemein offenen Moment: roh, lebendig und von jener seltenen Intensität, die entsteht, wenn großartige Musiker einander zuhören und dem Augenblick vertrauen. Für mich sind diese fünf Stücke kein Produkt, sondern wahrlich ein Ereignis.
Der Ort, aus dem diese Musik spricht, ist dabei allgegenwärtig. Brașov ist hier kein exotisches Stichwort, sondern ein Resonanzraum: eine Stadt, eingeklemmt zwischen den Karpaten, in der Geschichte, Gegenwart und sommerliche Leichtigkeit ineinanderfließen.
Seit 2018 kehrt Kutschke mit seiner Band immer wieder zum dortigen Jazz- und Bluesfestival zurück – und mit jedem Aufenthalt hat sich Brașov tiefer in seine Musik eingeschrieben. Zwischen Kopfsteinpflaster, warmen Nächten und zufälligen Begegnungen entstanden jene Skizzen, aus denen dann „Brașov Tales“ wurde.
Man hört diese Atmosphäre in den schattigen Harmonien, in der Weite der Grooves, in diesem leisen Gefühl von Bewegung und Stillstand zugleich – als würde die Musik selbst durch die Straßen der Stadt wandern.
Musikalisch öffnet Herr Kutschke dafür ein weites Panorama. Blues, Rock, Funk, Soul, Gospel und Jazz sind hier keine Schubladen, sondern Spuren, denen er folgt, ohne sich je festzulegen.
Seine Gitarre spricht eine klare, persönliche Sprache: mal rau und erdig, mal geschmeidig und singend, immer mit erzählerischem Impuls. Lars Kutschke spielt nicht, um Räume zu füllen, sondern um Bedeutungen zu schaffen.
Man spürt die Prägung eines Musikers, der früh gelernt hat, still vor dem Plattenspieler zu sitzen und zuzuhören – nicht nur den Tönen, sondern dem, was zwischen ihnen passiert.
Genau dort entfalten sich diese Stücke: als offene Erzählungen, die Raum lassen für eigene Bilder, Erinnerungen und Emotionen.
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Dass „Brașov Tales“ so unmittelbar wirkt, liegt auch an seiner Entstehung. Hier wurde nichts zerlegt, nichts glattpoliert, nichts nachträglich zurechtgebogen.
An einem einzigen Tag, live im Studio, trafen sich Musiker und Musikerinnen, die wissen, wie man Raum lässt – und wie man ihn füllt.
Chris Coleman versteht Groove als Bewegung – sein Schlagzeugspiel schiebt, öffnet und reagiert, Till Sahm legt mit seinen Keyboards schimmernde Flächen und kantige Akzente, Tom Götze verankert alles mit einem Bassspiel, das gleichermaßen trägt und provoziert.
Was hier zu hören ist, ist kein perfektionistisches Konstrukt, sondern ein eingefangener Zustand: Energie, Konzentration, Vertrauen.
Fast wie bei einer klassischen Jazzaufnahme bleibt jeder Ton in Bewegung, jede Entscheidung hörbar.
Innerhalb dieses offenen Rahmens entfalten die fünf Stücke ihre eigene, fesselnde Dramaturgie. Energetischer Funk lodert auf, dunklere, atmosphärische Passagen ziehen die Musik nach innen, rockige Riffs verzahnen sich mit souligen Melodielinien, Gospel-Elemente blitzen auf wie Licht durch Wolken.
Dabei wirkt alles selbstverständlich verbunden, nichts wirkt behauptet. Diese Musik erzählt – nicht linear, nicht erklärend, sondern in Stimmungen, Farben und Spannungen. Wer sich darauf einlässt, merkt schnell: Jeder Track ist weniger ein abgeschlossenes Statement als ein Ausgangspunkt, eine Einladung, weiterzuhören.
Ich denke, dass sich „Brașov Tales“ am stärksten entfaltet, wenn man ihm Zeit gibt. Chronologisch gehört, wie Lars Kutschke es selbst empfiehlt, werden die fünf Stücke zu Kapiteln einer zusammenhängenden Erzählung. Man bewegt sich durch Orte, durch innere Zustände, durch unterschiedliche Grade von Nähe und Distanz.
Am Ende bleibt das Gefühl, einem sehr konkreten Moment beigewohnt zu haben – einer Session, einem Sommer, einem Ort.
„Brașov Tales“ ist keine laute Geste, sondern eine eindringliche. Ein Album für Menschen, die Musik nicht nebenbei hören, sondern sich gern von ihr tragen lassen – und ein starkes Statement eines Gitarristen, der seine musikalische Stimme gefunden hat, ohne aufgehört zu haben, zuzuhören.
..(..Rosie..)..
Songliste:
1. Ada In An Uber (6:56)
2. Kite City [feat. Michal Skuski] (4:21)
3. Green Hill View (4:43)
4. Hardly Ever (4:17)
5. Nicu (4:41)
Band:
Lars Kutschke (guitars)
Chris Coleman (drums)
Till Sahm (Hammond organ, grand piano, Fender Rhodes, synthesizers)
Tom Götze (electric bass, upright bass)
Gäste:
Aidos Abdullin (cello), Felicitas Wehmschulte (violins), Veronika Lauer (viola), Dave Hobeck (trumpet), Michal Skulski (tenor saxophone)
Foto Portrait: Anca Moiceanu
https://www.larskutschke.com/
Label: Timezone Records
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