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Dokumentation „Diagnose: Festivalfieber“  – Interview mit Regisseur Andy Brings

Ein Film über Mut, Leidenschaft und ZusammenhaltKino- und YouTube-Premiere am 22. Juli 2026

(ju) Die bewegende Dokumentation „Diagnose: Festivalfieber“, die während des Summer Breeze Festivals 2025 gedreht wurde, erzählt die außergewöhnliche Geschichte der schwerkranken Yvonne. Nach einem multiplen Organversagen vor 10 Jahren leidet sie unter dem Kurzdarmsyndrom und ist auf künstliche Ernährung angewiesen. Trotz chronischer Erkrankung, Stomas und Rollstuhls erfüllt sich Yvonne gemeinsam mit ihrem Partner Jörg den lang gehegten Wunsch, erstmals ein mehrtägiges Metal-Festival zu besuchen. Regisseur Andy Brings und sein Filmteam begleiten die Duisburgerin auf diesem besonderen Abenteuer und zeigen ihren Weg von den aufwendigen Reisevorbereitungen über medizinische Herausforderungen und unerwartete Zwischenfälle auf dem Festivalgelände bis hin zu sehr emotionalen Momenten, die zeitweise sogar den Abbruch der Dreharbeiten befürchten ließen. Ein Gespräch mit Regisseur Andy Brings (Musiker [Double Crush Syndrome, Ex-Sodom], Audio-/Video-/Podcast-Produzent, Filmemacher) über Musik, Mut und Miteinander.

Andy, erzähl uns ein bisschen von deiner, beziehungsweise eurer Dokumentation Diagnose: Festivalfieber.

Die Idee dazu hatte ich gar nicht selbst. Wir produzieren seit einiger Zeit mit unserer Produktionsfirma den Podcast für Confido Care. Das ist ein großer medizinischer Dienstleister aus Münster. Die machen Infusionstherapie und parenterale Ernährung für Menschen, die auf normalem Weg nicht oder nicht mehr ausreichend Nahrung aufnehmen können. Der Podcast heißt „Direkt ins Blut“. Dadurch waren wir schon ziemlich nah an dem Thema. Wir interviewen dort Patienten, Patientenmanager, Leute aus dem Backoffice und aus der Chefetage. Das machen wir inzwischen seit etwa zwei Jahren. Irgendwann kam die Idee auf, ob man – nachdem wir bereits einen Imagefilm für Confido Care produziert hatten – nicht auch eine Dokumentation drehen könnte.

Protagonistin ist die Patientin Yvonne. Sie ist Metal-Fan, geht auf Konzerte und ist auf parenterale Ernährung sowie weitere medizinische Versorgung angewiesen. Sie war allerdings noch nie auf einem mehrtägigen Festival. Die Überlegung war, sie dabei filmisch zu begleiten. Da gingen bei mir natürlich sofort alle Zahnräder in Bewegung. Die ursprüngliche Idee war, drei Patienten zu begleiten: Yvonne auf einem Metal-Festival, vielleicht jemanden, der einmal Heißluftballon fahren möchte, und noch eine weitere Person, die sich einen Herzenswunsch erfüllen will. Ich habe dann aber vorgeschlagen, dass wir uns auf eine Patientin konzentrieren sollten und nur auf dieses Metal-Festival. Man muss sich schließlich vorab gut überlegen, wie man so einen Film macht und für wen er gedacht ist. Wenn man in einem Film von einer Stunde und zwanzig Minuten erst zwanzig Minuten eine Patientin auf einem Metal-Festival zeigt, dann zwanzig Minuten jemanden im Heißluftballon und anschließend noch eine dritte Geschichte erzählt, verliert man irgendwann die Zuschauer. Also haben wir gesagt: Wir machen einen Film aus der Metal-Welt. Auch die Chefetage von Confido Care kommt aus dem Metal, ich sowieso, und auch Yvonne. Wir kommen also alle aus der Metal-Welt, lassen diesen Film komplett in der Metal-Welt spielen und promoten und zeigen ihn zunächst auch erstmal der Metal-Welt. Es muss einfach eine gewisse Eindeutigkeit haben. Wir reden hier schließlich nicht von Mission: Impossible Teil 8, den alle sehen wollen.

Dann ging es an die Planung. Zunächst stand die Frage im Raum: Welches Festival kommt überhaupt in Frage? Natürlich gibt es mehrere Möglichkeiten, aber entscheidend waren die Bands, die Yvonne interessieren, die Größe des Festivals und die bestehenden Kontakte. Deshalb fiel die Wahl auf das Summer Breeze. Das Summer Breeze hat mit rund 45.000 Besuchern eine ideale Größe. Wacken ist ungefähr doppelt so groß. Dort ist es selbst für Menschen ohne Einschränkungen oft schon unmöglich, alles zu erlaufen. Ein Regentropfen, alles scheiße. Beim Summer Breeze ist das Wetter meistens besser, das Gelände bereitet weniger Probleme, weil der Boden günstiger ist. Außerdem habe ich dort sehr gute Kontakte. Auf Wacken hätten wir das sicherlich auch irgendwie hinbekommen, ich kenne dort ebenfalls Leute. Aber das Summer Breeze erfüllte einfach alle Kriterien. Also habe ich angefragt, ob wir dort drehen dürfen. Uns wurde von ganz oben wirklich alles ermöglicht.

Yvonne sollte natürlich die ganz normale Festivalerfahrung machen – vom Ticketkauf bis zum Einlass durch den Haupteingang. Gleichzeitig brauchten wir aber Drehgenehmigungen hinter den Kulissen. Im Notfall mussten wir mit der Crew auch einmal die Schleichwege nutzen können, um schneller von A nach B zu kommen. Auch das wurde uns ermöglicht. Danach gingen einige Monate Planung ins Land, aber letztlich hat alles wunderbar funktioniert. Das war so der Nukleus für den Films: die Entscheidung, ihn überhaupt zu machen, die Wahl des Festivals und die Frage, ob Confido Care die medizinische Versorgung vor Ort gewährleisten kann. Der Portnadel-Wechsel fand schließlich in Bayern statt.

Was im Film ja auch gezeigt wird. 

Genau. Confido Care arbeitet bundesweit, trotzdem musste Yvonne jede Menge Material mitnehmen. Außerdem musste vor Ort sichergestellt werden, dass sie ihren Stomabeutel wechseln kann und die notwendige Infrastruktur vorhanden ist. Denn nur den Wunsch zu haben, ein Festival zu besuchen und darüber einen Film zu drehen, reicht eben nicht. Es muss halt gewährleistet sein, dass Yvonne das Festival nicht nur erlebt, sondern – so krass es klingt – auch überlebt.

Ja, das kann man tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes so sagen. Was mich bei so einer Dokumentation sehr interessiert: Wie viel macht ein gewisses – ich nenne es mal in Anführungszeichen – „Drehbuch“ aus und wie viel Spontaneität fließt da hinein? Man filmt ja nicht einfach drauflos und sagt: „So, jetzt betreten wir das Festivalgelände und Kamera an.“ Ein bisschen Planung muss sein, und gleichzeitig muss Vieles wahrscheinlich offengehalten werden.

Genau. Und deswegen würde ich „Drehbuch“ durch „Drehplan“ ersetzen. Ein Drehbuch oder Skript gibt es bei einer Dokumentation nicht, aber es gibt einen Drehplan. Wir müssen schauen, welche Bands an welchen Tagen spielen, mit welchen wir vielleicht Interviews machen können, und so weiter. Ich bin zum Glück in der Lage, hier und da ein paar VIP-Strippen ziehen zu können und befreundete Bands wie Schmier von Destruction zu fragen, ob wir an der Bühnenseite drehen dürfen und ob Yvonne mit auf die Bühnenseite darf, oder ob die Musiker mit uns sprechen wollen wie die Blind-Guardian-Buben oder die Donots. Das gibt ja automatisch schonmal einen gewissen Plan vor, weil die Bands an unterschiedlichen Tagen spielen. 

Außerdem wussten wir vorab, welche Bilder wir brauchen. Wir wollten Impressionen vom Festival, Aufnahmen davon, wie Yvonne über das Gelände fährt, einfach Bilder, die den Film tragen. Aber es war nie so, dass wir gesagt hätten: Jetzt drehen wir genau dies und danach genau das. Manche Dinge standen natürlich fest, der Portnadel-Wechsel zum Beispiel. Also war klar, dass wir den an genau diesem bestimmten Tag drehen, ebenso wie die Ankunft und Abfahrt. Eine gewisse Struktur ergibt sich bei so einem Festival ohnehin aus dem Ablauf und dem Zeitplan. Was wir nicht planen konnten, waren Aspekte wie der kaputte Rollstuhl oder das Wetter. Auch wann genau wir die Interviews führen würden, stand nie hundertprozentig fest.

Natürlich gab es auch drehfreie Zeiten. Wir sind Yvonne schließlich nicht 24 Stunden lang mit der Kamera hinterhergelaufen. Sie sollte das Festival ja auch erleben. Wenn wir beispielsweise genug Bilder von einem Konzert hatten – wie sie über das Gelände fährt, feiert, klatscht und Spaß hat –, dann konnte sie den Rest der Show auch einfach mal unbeobachtet genießen. Es ging nie darum, jemanden permanent unter Beobachtung zu stellen. Das wäre furchtbar gewesen und außerdem überhaupt nicht leistbar.

Wir haben ohnehin eine aberwitzige Menge an Filmmaterial und Daten produziert. Trotzdem mussten wir flexibel bleiben. Manchmal wurden durch das Wetter oder andere Ereignisse Teile des Drehplans über den Haufen geworfen. Dann kam plötzlich ein Anruf: „Wir können jetzt mit Blind Guardian sprechen, später klappt es nicht mehr.“ Dann musste alles ganz schnell gehen: Kamera schultern, losrennen und drehen. Genau dafür ist man vor Ort. 

Wir haben geplant, was geplant werden konnte, und geplant, was geplant werden musste, aber es gab genug Freiraum für Müßiggang und für echt echte Freizeit von Yvonne und Jörg, ganz klar. Während Yvonne ihre Freizeit genießen konnte, haben wir im Hintergrund trotzdem weitergearbeitet: Daten gesichert, Schnittbilder, Atmosphärebilder gedreht,…. Ich möchte mich jetzt nicht mit Yvonne vergleichen, aber wir waren nach den fünf Tagen auch platt.

So ein Erlebnis wie der defekte Rollstuhl ist natürlich – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen makaber – für die Dokumentation in gewisser Weise auch ein Glücksfall. Für Yvonne war das natürlich großes Pech, aber als Zuschauer erlebe ich dadurch unmittelbar, was im Alltag von Betroffenen alles passieren kann. Ich sehe, wie eine Situation entsteht und wie damit umgegangen wird. Das zeigt der Film sehr unmittelbar.

Das ist gar nicht makaber. Das Interessante ist: Als das passiert ist, waren wir gar nicht dabei! Das geschah genau während einer drehfreien Phase. Fakultative Ausflüge, wie beim Landgang bei der Cruise für alle, quasi. (lacht) Ich war da gerade Backstage und habe organisatorische Dinge erledigt, Sabine hat irgendwelche Sachen gecheckt und Paul, unser Kameramann, hat Daten gesichert. Keiner von uns war in diesem Moment bei Yvonne und Jörg. Und dann krieg ich den Anruf: „Du musst kommen! Der Rollstuhl ist kaputt, ein Rad ist abgebrochen!“ Ein Teil von mir dachte sofort: „Oh Gott…“, und der andere Teil so: „Geil, Doku-Gold! Hin! Hin! Hin!“ (lacht) Als wir ankamen, war der Rollstuhl bereits eingelagert. Deshalb erzählt Yvonne nur, was passiert ist. Bilder vom eigentlichen Moment gibt es nicht, weil wir schlicht nicht dabei waren. Das muss man dann filmisch irgendwie anders lösen, was aber auch kein Problem ist. Aber das ist eben echt, genau das macht Dokumentationen aus. Solche Dinge passieren einfach. Wir haben natürlich niemals gedacht: „Hör mal, wär ganz geil, wenn irgendwie mal ein Rad abbrechen würde.“ 

Vorher mal kurz ne Schraube manipulieren.

„Zwinker, zwinker, wie verstehen uns, ne?“ Nein, Quatsch, natürlich überhaupt nicht! Aber genau dadurch hat der Film eine zusätzliche Dimension bekommen, von der vorher niemand wusste, dass sie existiert. Plötzlich spielte auch der Rollstuhl-Reparaturservice eine wichtige Rolle. Zunächst funktionierte die Reparatur vor Ort, doch der Schaden war letztlich zu groß. Also musste der Rollstuhl runter vom Festivalgelände in den Ort gebracht werden – ins Sanitätshaus, in die Werkstatt. Dazu kamen die Kompressionsstrümpfe für Yvonne. Wir wussten zwar, dass die Malteser eine Versorgungsstation auf dem Festival haben. Was wir allerdings nicht wussten, war, dass Metality direkt gegenüber ihren Stand hatten. Die hatten tatsächlich – ausnahmsweise! – einen Rollstuhl vor Ort. Eigentlich sollte der später zu einem anderen Festival weitertransportiert werden, nach Wacken, und stand deshalb nur vorübergehend dort. Die kriegen also mit, dass wir ein riesiges Problem haben, und sagen sofort: „Wir haben einen Rollstuhl, den holen wir eben.“ Und wir so: Wat??“ Wir konnten das selbst kaum glauben. Von Metality wusste ich zwar vorher schon, aber was sie im Detail alles machen, wusste ich da noch gar nicht. Das Gespräch im Film entwickelt sich übrigens auch total spontan, das sieht man auch im Film. Der James fragt sogar noch: „Filmt ihr gerade?“ Und wir sagen: „Ja, wir filmen.“ Deshalb ist der auch gar nicht verkabelt. Das ist einfach so entstanden.

Alles ganz authentisch und natürlich. 

Genau das wollten wir zeigen. Da darf die Kamera auch mal wackeln und der Ton muss nicht perfekt sein. Das ist scheißegal. Entscheidend sind die Information, das Gefühl und das Erlebnis. Wir färben nichts schön, aber wir dramatisieren auch nichts künstlich. Wir machen das nicht extra größer, als es ist. Natürlich stand nach diesem Vorfall der restliche Festivalbesuch tatsächlich auf der Kippe. Hätten wir keinen Ersatzrollstuhl bekommen oder hätte der beschädigte Rollstuhl nicht repariert werden können, wäre das Festival für Yvonne nach zwei Tagen vorbei gewesen. Dann hätte auch der Portnadel-Wechsel vor Ort nichts mehr genutzt, weil sie sich ohne Rollstuhl auf dem Gelände schlicht nicht hätte fortbewegen können. Und der Jörg, so lieb und stark und toll wie er ist, kann Yvonne nicht einfach Huckepack nehmen.

Also ging euch erstmal der Arsch auf Grundeis.

Ja, absolut. Uns war sofort klar, dass das gesamte Projekt auf der Kippe stehen könnte. Aber alle Beteiligten waren so toll und so nett und so kompetent und lieb und hilfsbereit, und das ist alles so echt! Diese Erfahrung macht mich echt demütig. 

Das ist einfach ein so schöner Zusammenhalt und eine großartige Gemeinschaft – gerade auch durch das, was Metality auf die Beine stellt! Ich habe sie jetzt am Wochenende noch auf dem Freak Valley Festival interviewt, das ist ja auch ein sehr inklusives Festival. Ich glaube, da entsteht ein gewisser, positiver Schneeballeffekt – und eure Dokumentation trägt definitiv dazu bei: viele Menschen zu erreichen, mit dem Thema in Berührung zu kommen und dann zukünftig mit anderen Augen und Antennen über Festivals und Konzerte zu gehen. Das finde ich unglaublich wertvoll.

Ich bin seit Jahrzehnten auf Festivals unterwegs, habe viel gespielt, viel gemacht. Aber mit diesem Teil des Maschinenraums bin ich noch nie wirklich konfrontiert worden, weil es mich nicht selbst betrifft. Natürlich sieht man Menschen im Rollstuhl, kennt die Rollstuhlrampen und ähnliche Einrichtungen. Doch solange man selbst oder das eigene Umfeld nicht betroffen ist, nimmt man das zwar wahr, denkt aber meist nicht weiter darüber nach. Da gibt es auf einem Festival noch einmal eine ganz eigene Welt. Um diese Menschen muss man sich besonders kümmern. Das ist kein Nebenschauplatz und nichts, das man nebenbei erledigt. Das ist ein ganz, ganz wichtig Teil! Jeder Gast soll – so gut wie möglich – die gleiche oder zumindest die bestmögliche Festival Experience haben, die beste Customer Journey. Für mich ist das… Ja… (seufzt) Man wird echt demütig. Denn letztlich kann es jeden treffen. Ich kann gleich, wenn ich hier rausgehe, von einem wild gewordenen E-Scooter-Fahrer auf dem Bürgersteig über den Haufen gefahren werden, hau mir ungünstig die Birne auf und bin dabei. Oder jemand bekommt beim nächsten Blutbild eine Diagnose, die einen aus allen Wolken fallen lässt. Es kann wirklich jeden treffen, uns selbst oder jemanden aus unserem Umfeld. Man denkt immer: „Das passiert ja nur den anderen.“ Bis du selbst dabei bist. 

Wenn der Film zwei Dinge bewirken kann, wäre das großartig. Erstens soll er Betroffenen Mut machen: Habt Vertrauen – in euch selbst und in andere! Traut euch, Dinge auszuprobieren! Schiebt das Leben nicht auf! Selbst wenn Yvonne nach zwei Tagen hätte sagen müssen: „Ich schaffe das nicht“, dann hätte sie es wenigstens versucht. Sich einfach fatalistisch affirmativ dem Schicksal zu überlassen, ist nur die drittbeste Idee. Zum anderen wünsche ich mir, dass wir Nichtbetroffenen die Augen ein bisschen weiter öffnen. Dass wir Menschen, die auf Hüfthöhe an uns vorbeirollen, bewusster wahrnehmen. Deshalb zeige ich im Film immer wieder auch die Perspektive aus dem Rollstuhl, den Blick aus der Sitzhöhe. Dadurch erlebt man die Umgebung plötzlich ganz anders. Der Film soll einfach eine andere Perspektive zeigen. Wenn wir es schaffen, dass Betroffene sich mehr zutrauen und alle anderen ein bisschen aufmerksamer werden, dann hat der Film seine Aufgabe erfüllt.

Du hast gerade eigentlich schon die Botschaft eures Films zusammengefasst. Genau das sagt Schmier ja auch in der Off-Stimme zu Beginn der Films und später noch einmal direkt in die Kamera. Sinngemäß: „Einfach machen!“ Er formuliert es natürlich viel schöner. Hast du den Wortlaut gerade im Kopf?

Er sagt sinngemäß: „Auch wenn man gesund ist, kann man morgen tot umfallen. Also genießt das Leben, traut euch! Passt auf euch auf, bleibt gesund!“ Natürlich kann man selbst einiges tun, um gesund zu bleiben, aber eine Garantie gibt es eben nicht. Yvonne hat sich über viele Jahre aus einem Depressionsloch wieder hochgekämpft. Darüber spricht sie im Film und auch im Podcast. Die Yvonne vor sieben oder acht Jahren hätte so eine Aktion wahrscheinlich nicht gemacht. Aber heute stellt sie sich eben als Projektionsfläche zur Verfügung und sagt: “Es geht, es lohnt sich!“ Das Licht am Ende des Tunnels ist nicht immer der Intercity, der einem entgegenkommt, sondern vielleicht wirklich ein schönes Erlebnis.

Hut ab vor Yvonne! Wirklich großen Respekt vor ihrer Offenheit. Ich kann mir vorstellen, wie viel Mut es kosten muss, sich so zu zeigen und zum Beispiel beim Portnadel-Wechsel von der Kamera begleitet zu werden.

Wir zeigen natürlich auch viele Sachen nicht. Wir zeigen zum Beispiel ihren Körper nicht direkt. Der Film will zwei Dinge ausdrücklich vermeiden: Er will Yvonne nicht als Opfer darstellen, und er soll keinen Voyeurismus bedienen. Man kann sich Vieles auch denken, man muss nicht alles explizit zeigen. Ich möchte das Publikum auch nicht unterfordern. Ich traue den Zuschauern durchaus zu, gewisse Sätze im Kopf selbst zu vervollständigen. Man muss nicht alles permanent vorkauen, weder mit Wort noch mit Bild.

Was hat dich denn bei den Dreharbeiten oder vielleicht auch schon in der Vorbereitung am meisten berührt?

Was mich am meisten berührt hat, war die Dynamik, also diese Selbstverständlichkeit zwischen Yvonne und Jörg. Wie normal das alles für ihn ist, wie selbstverständlich die beiden miteinander umgehen. Man darf nicht vergessen: Für Jörg ist das ebenfalls anstrengend und hart. Er ist gewissermaßen der analoge Rollstuhl: Wenn der E-Rollstuhl nicht weiterkommt, schiebt er Yvonne – bei 35 Grad in der Sonne oder auch bei Regen. Er trägt den Rucksack, kümmert sich um alles und macht das mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit. Er sagt ja auch selbst, dass er Yvonne nur so kennt. Für ihn ist das einfach normal. Er hinterfragt das gar nicht.

Mich hat außerdem beeindruckt, mit welcher Freude die beiden ins Festivalgeschehen eingetaucht sind. So ein Festival kann einen ja zunächst auch erschlagen oder überfordern. Aber beim Summer Breeze war alles hervorragend vorbereitet. Die beiden wussten genau, wo sie hinmussten, wie alles funktioniert und was als nächstes anstand. Erst wurde das vorbestellte Merch abgeholt, dann ging es weiter ins Festival. Es war einfach schön zu sehen, dass dieses System funktioniert. Besser hätte es gar nicht laufen können.

Der große Zusammenhalt in der Metal-Community war uns zwar vorher schon bewusst, aber du hast ihn jetzt noch einmal ganz unmittelbar miterlebt. Das hat quasi dem Ganzen nochmal die Krone aufgesetzt. (Anm.: O-Ton Judith: „Das hat quasi dem Ganzen nochmal das I-Tüpfelchen oder die Kirsche aufgesetzt.“ – Sie kann keine Sprichwörter und schmeißt sie stets arglos durcheinander) Gerade auf dem Summer Breeze, das ohnehin sehr gut aufgestellt ist, wenn es um Inklusion geht.

Genau. Natürlich könnte man sagen: Das ist einfach menschlich und selbstverständlich.

Ist es aber leider nicht…

Und genau deshalb ist es der Metal-Szene wichtig, diesen Aspekt immer wieder hervorzuheben. Nicht, weil man sich dafür feiern möchte, sondern weil man zeigen will, dass dieser Zusammenhalt ein wesentlicher Bestandteil unserer Szene ist. Natürlich sind die Vorurteile gegenüber der Metal-Welt oder Rock‘n‘Roll-Welt heute nicht mehr so groß wie noch vor 30 Jahren. Trotzdem möchte man deutlich machen, dass hier niemand allein gelassen wird. Es ist dieser Welt wichtig, hervorzuheben, ins Schaufenster stellen und noch einen hellen Scheinwerfer drauf zu richten, dass man hier gesehen wird, dass hier keiner untergeht, dass man sich hier hilft. Deshalb finde ich es richtig, das auch klar zu kommunizieren. Natürlich sollte das eigentlich gesunder Menschenverstand sein. Aber in einer Welt, die von außen oft als laut, wild, aggressiv, schrill oder versoffen wahrgenommen wird, ist es wichtig zu sagen: Wir sind die Guten! Und das finde ich großartig.

Und genau das zeigt eure Dokumentation sehr eindrucksvoll. Ihr feiert am 22. Juli Premiere im Eulenspiegel Kino in Essen. Wer wird alles dabei sein? Ich gehe davon aus, dass Yvonne und Jörg auch kommen?

Ja, die beiden sind dabei. Nach dem Film wird es außerdem noch ein Filmgespräch auf der Bühne geben mit allen Mitwirkenden. Ich gehe davon aus, dass sich auch ein paar Musiker blicken lassen. Daran arbeiten wir gerade. Auf jeden Fall sind wir alle dort.

Und ab diesem Tag kann man sich die Dokumentation auch kostenlos auf YouTube ansehen. Jeder hat also die Möglichkeit, sie anzuschauen.

Genau. Jeder hat Zugriff. Das ist uns wichtig.

Andy, du hast morgen Geburtstag (Anm.: 10.06.). Du feierst natürlich auf der Bühne und bist nicht entspannt zu Hause, sondern mal wieder unterwegs.

Ja, genau. Ich feiere meinen Geburtstag eigentlich nie. Morgen ist wieder so eine kleine Marke erreicht: 55. Ist ja nicht ohne, ist eine Unzahl, ich kann es gar nicht glauben. Ja, wir feiern in Dresden in der HD Rock & Metal Bar auf der Bühne. Darauf freu ich mich schon sehr. Irgendjemand bringt bestimmt Kuchen mit.

Dann wünsche ich dir morgen einen wundervollen Geburtstag! Vielen Dank für die Zeit, die du dir als vielbeschäftigter Mann dennoch genommen hast, das weiß ich sehr zu schätzen. Dann wünsche ich euch eine wundervolle Premiere!

Dankeschön!

judith

Produktion: Twinflame Productions

Im Auftrag von: Confido Care

Regie: Andy Brings

Trailer zur Doku

Filed under: DVD / Film - Reviews, Interviews, , ,

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