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Lüül & Band – Fremdenzimmer

(hwa) Lüül & Band haben nach dem mit viel Kritikerlob bedachten „Wanderjahre“-Album aus 2015 einen neuen Longplayer am Start. Es ist ein kongeniales Wiederhören mit Stimmungen, wie sie in dieser Intensität aktuell wohl nur Lutz „Lüül“ Ulbrich plus Band hervorzubringen imstande sind …

Immer wenn ich Songs von „Lüül“ höre, umweht mich eine warme Brise nachhaltiger Melancholie. Die Lyrik seiner Texte steht seinen Kompositionen in nichts nach. Da braucht man nicht extra den Tramperdaumen rauszuhalten – das sentimentale Gefühl stellt sich automatisch ein. Lüüls Talente sind so vielschichtig, dass mir die Spucke wegbleibt. Hier also diesen Mann und seine zahlreichen Bandprojekte in einer ausführlichen Kritik zu würdigen, ist mir eine Ehre.

Lüül verfügt über eine Aura, die ihn unverwechselbar macht: Seine heisere, leicht raue Stimme und sein häufig an Sprechgesang erinnernder Duktus heben ihn weit aus der Masse heraus. Da erinnert er mich unmittelbar an Hildegard Knef („A voice without a voice“ – wie es einst Ella Fitzgerald so treffend formulierte). Oder nehmen wir Michy Reincke. Auch dessen Stimme ist auf ihre Art unverwechselbar und verfügt über einen hohen Wiedererkennungswert. Aber: Mit seiner angeborenen Berliner Schnauze erinnert Lüül hin und wieder durchaus auch an Rio Reiser.

Lüül ist ein in der Wolle gewaschener Tausendsassa: Sänger, Liedermacher, Gitarrist (einschl. Banjo und Ukulele), Klavierspieler sowie Theater- und Buchautor in Personalunion. Aber was hat es mit dem Namen „Lüül“ überhaupt auf sich? In seiner Autobiografie „Lüül – Ein Musikerleben zwischen Agitation Free, Ashra, Nico, der Neuen Deutschen Welle und den 17 Hippies“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 2006) beschreibt es Ulbrich auf Seite 222 wie folgt: „Als ich mal wieder das I Ging befragte, bekam ich das Zeichen ‚Lü’ – der Wanderer. Das passte. Da es etwas kurz war, setzte ich noch ein ‚ül’ ran und ‚Lüül’ war geboren.“ (Zitatende).

Das macht meiner Auffassung nach gleich doppelt Sinn. Es ist die perfekte Mischung aus dem I Ging in Verbindung mit Lutz Ulbrichs Eigennamen. Man nehme also das Lu von Lutz und das Ul von Ulbrich und verquicke es mit ‚Lü` – perfekt!

Dem renommierten Sinologen Hellmut Wilhelm zufolge ist die im I Ging beschriebene Welt ein nach bestimmten Gesetzen ablaufendes Ganzes, dessen Formen aus der permanenten Wandlung der beiden polaren Urkräfte entstehen. Die Grundprinzipien sind das Schöpferische (= Himmel, Licht, Festes = Yang) und das Empfangende (= Erde, Dunkel, Weiches = Yin).

Lutz Ulbrich (seit seiner Heirat in 2008 mit Daniela Graf offiziell Lutz Graf-Ulbrich) war Mitglied von Bands wie Agitation Free (Mitbegründer), Ash Ra Tempel (ab 1974 per Quereinstieg live), Ashra, dem Reineke Fuchs Theater (RFT) und ist bis heute Mitglied der 17 Hippies (= Weltmusik vom Allerfeinsten) oder einfach „nur“ Gründer seiner treuen und kongenialen Lüül-Band. Die ist – wenn man soll will – eine auf vier Personen abgespekte Version der 17 Hippies (die sich ihrerseits irgendwann auf 13 feste Mitglieder verständigten).

Kerstin Kaernbach (Geige, Bratsche, Flöte, Theremin und singende Säge), Volker „Kruisko“ Rettmann (Akkordeon und Marimba) sowie Daniel „Danda“ Cordes (Kontrabass) sind eine perfekt eingespielte Einheit. Daniel Cordes war zudem ab 2013 auch Livesupport der Agitation Free. Das ergänzt sich alles aufs Beste. Lüül fährt mal zwei – mal dreigleisig. Regelmäßig machen Lüül & Band ihre Livekonzerte zu einem Staunen machenden, sinnlich-akustischen Genuss. Bei ihrer fein abgestimmten Mischung aus osteuropäischen Rhythmen, gepaart mit französischem Chanson und amerikanischer Folkmusik quillt mir das Herz über. Zumal sie ohne Schlagzeug agieren. Hey, was für eine Labsal!

Das steht insbesonders im starken Kontrast zum Soundmuster des für mich mittlerweile unerträglichen Formatradios: Jede sogenannte „Neuerscheinung“ versucht, ihre Vorgänger im Hinblick auf das rechnergesteuerte Grundrauschen nachzuahmen und damit zu perpetuieren. Das scheinbar erfolgreiche Muster führt am Rechner-Reißbrett ein geradezu unausrottbares Eigenleben. Der bis auf verlässigbare Nuancen immer gleiche synthetische Drumbeat wird bis zum Erbrechen unterlegt.

Auf „Fremdenzimmer“ gibt es Songs wie „Nächte und Träume“, die das Selbstverständnis der Band geradezu exemplarisch unter Beweis stellen: Reduktion auf das Wesentliche und kongeniale Lyrics mit maximalem Gefühl. Es sind in der Regel Allegorien oder zumindest Parabeln aufs Leben. Ich zitiere: „Nächte und Träume sind vorüber. Mein Schiff segelt in den Hafen rüber. Schwarze Segel sind gesetzt, Die Fahne weht, vom Wind zerfetzt. Denn viele Stürme musst’ es bestehen, um endlich das Land zu sehen.“ (Zitatende). Gumbootsrhythmen sind der optimale Rahmen für diesen Earcatcher.

„Gut zu wissen“ (Track 3) ist ebenfalls ein Ohrwurm mit Gänsehautappeal: „An manchen Tagen kann ich mich nicht ertragen, stell mir Fragen. Wo krieg ich jetzt gute Laune her? An manchen Tagen scheint alles zu versagen und Leben macht mir keine Laune mehr. Da ist es gut zu wissen, gut zu wissen du bist hier bei mir. Du bist alles was ich hab. Du bist alles, was ich mag.“ (Zitatende)

Zwei weitere Songs möchte ich hier noch unbedingt hervorheben: Da ist zum einen „Menschvermesser“. Darin geht es mit köstlicher Ironie der Internet-Society und deren Profiteuren an den Kragen: „’Alles wird besser’ sagt der Menschvermesser. Mit Big Data wird alles smarter’“ Dass es eben auch mit vielerlei Tücken einhergeht, beschreibt der Text im Weiteren. Die absolute Reduktion erfährt aber Song 7 „Wankelmut“: „Er wankelt mit mir, mal hin und mal her, er weiß nicht so recht wohin. Und überhaupt, das fällt ihm dann schwer, er legt sich erstmal wieder hin (…) Er muss die Entscheidung vertagen.“ (…) Erst findet er’s schlecht, dann findet er’s gut, mein Freund ist der Wankelmut.“ (Zitatende). Dieses Stückchen Kunst wird ausschließlich mit Singender Säge und Tubastößen begleitet. Es reicht allemal, um eine faszinierende Hörwelt zu etablieren. So isser halt, der Lüül mit seiner fantastischen Band. Und einem fantastischen Produzenten. Der heißt Moses Schneider und wird von Lüül in den höchsten Tönen gelobt.

Aber auch die Anfänge von Lüüls Solokarriere hatten etwas Magisches. Ich werde nie vergessen, als ich erstmals „Disco Diva“ hörte und fast ausflippte. Das war die Neue Deutsche Welle at it’s best. Die A-Seite „Morgens in der U-Bahn“ wurde sogar zu einem veritablen „Underground“-Hit.

Auf Lüüls erster Solo-LP gibt es zudem einen Song („Reich der Träume“), den er explizit für Nico (= Christa Päffgen) schrieb. Die war seine langjährige Freundin und Lebensgefährtin. Nico war damals so etwas wie heuzutage ein durch facebook oder instagram künstlich etabliertes IT-Girl – bloß, dass Nico in der westlichen Popkultur der 60er und 70er Jahre quasi wie eine Heilige (Twiggy nicht unähnlich) verehrt wurde. Sie war umschwärmt von Stars wie Alain Delon, David Bowie, Lou Reed, John Cale, Andy Warhol und lat but not least Lutz „Lüül“ Ulbrich. Nico wurde auf dem V.U.- Erstling als „Velvet Underground + Nico“ herausgestellt. Ja, sie wurde zur Ikone und schaffte es auch ohne youtube, instagram, facebook oder twitter.

Während ihrer Solokarriere brauchte sie deshalb „nur“ ihr Harmonium anzuwerfen, um die Songs zusammen mit ihrem einzigartigen dunklen Timbre in eine geradezu magische Aura zu verwandeln. Lüül begleitete sie jahrelang an der Gitarre, Aber es soll auch hanebüchen schlechte Konzerte von ihr gegeben haben – immer dann, wenn sie entweder kein Heroin und/oder schlechtes Heroin zur Verfügung hatte.

Liebe und Hass hielten sich zwischen Lüül und Nico die Waage. Kein Wunder, dass Lüül eine zeitlang heroincoabhängig wurde. Er steckte in der Klemme. Wie das alles ausging, sollte ein Jeder mit wachem Interesse für Rockstories in Lüüls erstmals 2006 erschienenen Biografie (siehe oben) nachlesen. Es handelt sich dabei um historische Tagebuchaufzeichnungen, die einen unmittelbar ins Geschehen hinein ziehen. Aber dass Nico auf einer Fahrradtour – sozusagen mitten im „Gutgehen“ und auf Methadon – auf Ibiza mit einem Aneuyrisma zu Tode kam, ist schlichtweg nur tragisch.

Lüüls Buch verschlinge ich gerade zum dritten Mal. Und das im Abstand von jeweils rund vier Jahren. Das reicht aus, um mit nicht erlahmendem Interesse und viel Schmunzeln Lüüls spannende Zeitläufte nochmals Revue passieren zu lassen. Lüüls höchst vergnügliche Schreibe nutzt sich einfach nicht ab. Da capo!

Kommen wir unbedingt noch auf auf eines von Lüüls wichtigen Standbeinen zurück: die 17 Hippies. Was die sich im Laufe ihrer mittlerweile über 25jährigen Karriere an weltweitem Renommee auf ihre Fahnen schreiben dürfen, ist phänomenal.

Mittlerweile weit über 2000 Konzerte all over the world – die Agenda ihrer Website listet sogar geplante Konzerte bis in den Frühling 2019 auf. Baffes Erstaunen, aber dann folgt die Einsicht, dass nichts von nichts kommt und sich Qualität langfristig durchsetzt.

Ich bin der Auffassung, dass Agitation Free, Ashra, Nico, die 17 Hippies und Lüül (egal ob solo oder mit Band) für Musikliebhaber ein ganz großes Geschenk sind. Das sollte man genießen und intensiv wirken lassen. Die Mischung macht’s. Und in der Mischung liegt Lüül ganz weit vorn. Von daher hier noch ein paar ganz persönliche Tipps.

Als Musthave seien empfohlen:

1.) Agitation Free „Shibuya Nights“ – Live In Toyio 2007 (New Special Edition plus Bonus-DVD). Mein lieber Schwan: Da passte einfach alles. Zumal Lüül ins dortige Wachsfigurenkabinett einziehen durfte. Neben Manuel Göttsching von Ashra. Große Ehre! Das Tokyo-Konzert von Agitatin Free gibt es in sehr guter CD-Qualität (14 Tracks) plus Bonus-DVD mit sechs Tracks und jeweils drei unterschiedlichen Titeln aus dem Berliner Kesselhaus vom 23.04.2013 und dem Burg Herzberg Festival vom 19.07.2013. (MIG 01162 CD + DVD)

2.) 17 Hippies. Es gibt aktuell vielleicht eine Handvoll CDs im Netz zu kaufen, aber jeder Tonträger lohnt sich. Im Zweifel auf der Website der Band nachschauen und bei Bedarf bestellen.

3.) Nico. Das Angebot ist riesig und hochinteressant. Wer sich nicht auskennt, sollte zumindest The Velvet Underground + Nico in die engere Wahl ziehen. Der Rest ergibt sich dann mehr oder weniger von selbst.

4.) Lüül „Zeitreise“. Ein Album, das auf den Punkt das Beste von Lüül bis einschl. 2006 versammelt. Die Zeitreise geht von Agitation Free über Ashra, Nico und Lüül himself. Die Compilation endet mit „Mach das Leben schön“. Ein Song für die Ewigkeit.- ähnlich wie „Reich der Träume“. (Groundsound)

5.) Lüül & Band „Wanderjahre“. Er wandert und wandert und hat dementsprechend für einige Songs neue Wanderschuhe an. Zum Beispiel für Erich Kästner oder Wolfgang von Goethe. „West-Berlin“ bleibt wie es ist (musikalisch und textmäßig von Lüül kongenial verpackt). Zudem gibt es von „Morgens in der U-Bahn“ und „Verkehrsteilnehmer“ neue Arrangements mit seiner coolen Band. Darüber hinaus ist noch eine bemerkenswerte Version von Tom Waits’ „In The Neighbourhood“ zu hören – mit dem Übersetzungstext von Manfred Maurenbrecher. (MIG 01280 CD)

6.) Lüül & Band „Fremdenzimmer“. Sein aktuelles Album mit der Anmutung zum Bestseller. Ich bin jedenfalls schwer begeistert und hoffe, dass wenn Lüül plus Band irgendwann mal in Düsseldorf aufschlagen, ein Treffen mit Herzblut zustande kommt. Das aktuelle Fremdenzimmer-Album gibt es bei MIG Music Germany (MIG 02082) im Vertrieb von Indigo zu kaufen Oder bei Lüül über seine Website.

7.) Lüüls überarbeitete Neuausgabe seiner Memoiren unter dem Titel „Und ich folge meiner Spur“ ist im Netz (erst recht im Hinblick auf die Erstausgabe) nur noch selten zu finden. Aber auf Lüüls Website gibt es im Shop das Buch in der Neuausgabe noch zu kaufen (15 Euro). Ebenso wie Lüüls Erinnerungen an Nico unter dem Titel „Nico – Im Schatten der Mondgöttin“ für 20 Euro. (Stand 01.07. 2018).

Wenn ich das alles Revue passieren lasse, zählt Lüül neben Lindy, Achim Reichel, Michy Reincke und Rio Reiser zum Stamm meiner unauslöschlichen Herzensbrüder. So soll’s gerne bleiben!

(Heinz W. Arndt)

www.mig-music.de

http://www.luul.de

www.17hippies.de

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