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Die Toten Hosen – Am Anfang war der Lärm

Am Anfang war der Lärm(hwa) Ich erfinde hier einfach mal einen fiktiven Untertitel: „Wie die Hosen wurden, was sie sind.“ Autor Philipp Oehmke gelingt mit diesem Buch ein bravouröser Spagat zwischen Schein und Sein im Innersten der Band. So dicht hat sich vorher noch niemand dem Phänomen der Hosen genähert. Dadurch, dass Oehmke das Visier runter ließ und mit offenen Karten spielte, erwarb er auch nachhaltig das Vertrauen der Band – um letztlich einen atemberaubenden „Psychothriller“ zu landen. Selten habe ich ein Bandportrait mit mehr Lesehunger verschlungen…

Zufälligerweise wurde der Artikelschreiber parallel zu den Hosen erwachsen.
Auch die ZK-Zeiten sind mir nicht fremd. Der Dilettantismus, den beide Bands anfangs versprühten, hatte etwas anarchisch Subversives in bester Punk-Tradition.

„Spaß haben“ hieß die Devise. Instrumente zu beherrschen, war vielleicht willkommen, aber keineswegs Voraussetzung. Das machte die Jungs unmittelbar zu engen Verbündeten der eigenen Lebenswirklichkeit. Und das, obwohl die eigentliche Punkwelle in Großbritannien schon wieder abgeebbt war.

1982/83 kamen die ersten Popper auf, die die Fahne des „New Wave“ hissten und das scheinbare Dandytum wiederbelebten.

„Jetzt erst recht dagegenhalten“, werden sich die Hosen gedacht haben. Und damit begann das Erfolgsmärchen einer Band, die als „Bettvorleger“ startete („Die Toten Hasen“) und mit Chuzpe, Durchhaltevermögen und viel Fortune zu einer der erfolgreichsten Bands im wiedervereinigten Deutschland reüssierten.

Diese Reise wird erzählt.

Clevererweise nicht chronologisch – schließlich sollte es ja keine Aneinanderreihung von Wikipedia-Fakten werden. „Das wäre langweilig geworden“, weiß Oehmke auf der Hosen-Website zu berichten, „über einen so großen Zeitraum bekommt man einfach keinen richtigen Spannungsbogen hin“.

Oehmke ging es anders an. „Egal ob Buch oder Film: Eine gute Geschichte braucht Konflikte. Dadurch entsteht Spannung. Ich habe den Hosen vorher angekündigt, dass ich ihre Konflikte suchen werde“.

So geriet die Geschichte der Band zu einem höchst spannenden Pychogramm aus dem innersten Zirkel.

Man begreift das Phänomen der Hosen wie durch den Filter eines Therapeuten.
Da wird nichts beschönigt oder am Rande tangiert. (Mit Ausnahme des Umstands, dass Campino – trotz eigener Gegenrede – vielleicht doch primus inter pares ist?)

Anyway: „Man gleitet“, so Oehmke, „irgendwie durch die Zeiten, und es ergibt sich trotzdem ein Gesamtbild. Wichtig war mir auch, dass alles von heute (2014) aus betrachtet wird.“

Selten hat ein Hosen-Autor es treffender beschrieben. Und genau deshalb switcht der Leser zwischen sagenumwobenen Abstürzen, grandiosen Erfolgen und Schicksalsschlägen wie ein unsichtbarer, aber niemals voyeuristischer Beobachter durch die Zeitläufte der Band.

Wichtige Bezugspersonen wie Geschwister, Eltern und gute Freunde halten nicht vor den Berg, als die Hosen in den 80ern regelmäßig durch Alkohol und Drogen abzustürzen pflegten. Da wird durch die Bank Tacheles geredet.

Gleichwohl ist der Stolz, dass die Band es schaffte, sich trotz allem zu Deutschlands bekanntester Band mit entsprechendem Erfolg zu entwickeln, mit den Händen zu greifen.

Dass es überhaupt dazu kam, ist nicht zuletzt Jochen Hülder geschuldet.

Der Hosenmanager stellte die Band durch konsequente Firmenaufstellung auf unternehmerisch eigene Beine.

Er gründete neben JKP (Jochen’s kleine Plattenfirma) im Zusammenhang mit den Hosen auch weitere Unternehmen, die neben der eigenen Konzertagentur (KKT) auch Merchandise umfassen.

Ab da teilte man die Gewinne mindestens durch fünf. Die stiegen ins Gigantische.
(Wölli wurde aufgrund seiner Rückenprobleme ausbezahlt und Vom erhält ein fürstliches Angestellten-Gehalt).

By the way: Wie mit Trini Trimpop verfahren wurde? Don’t know. Vermutlich auch ausbezahlt.

Bestürzend, dass ich während der Konzeption dieser Kritik die Nachricht erhielt, dass Jochen Hülder gestorben ist. So etwas möchte man erstmal gar nicht glauben.

Der DTH-Manager verlässt die Hosen („Seine Band!“) auf dem Höhepunkt des Erfolgs.

Er hat der Band zu nachhaltiger Struktur verholfen.

Meine Anteilnahme gilt Jochen’s Familie, seinen Freunden und der Band.

Ein Schlag ins Kontor.

Trauer und Schmerz sind groß. Das war beim tragischen Unfall von Rieke Lax im Juni 1997 nicht anders.

Der sinnlose Tod der 16-Jährigen im Rheinstadion zum sogenannten „1.000sten Konzert“ der Hosen war absolut THE WORST CASE.

Wie sehr die Toten Hosen dieser Todesfall gebeutelt hat, kann man selbstredend auch nachlesen. Und die innige Verbundenheit der Hosen mit Riekes Familie.

Jochen Hülder wird sie (Rieke) im Jenseits neben Hosen-Chauffeur Uwe Faust hoffentlich als erste in die Arme nehmen.

Das hat was Tröstendes.

Nichts anderes bleibt!

Traurig nur: Jetzt sind (von Rieke abgesehen) schon zwei im Gemeinschaftsgrab der Hosen gelandet.

An alle Übrigen: „Lasst euch Zeit“ …

(Heinz W. Arndt)

Philipp Oehmke „Die Toten Hosen – Am Anfang war der Lärm“
Gebunden mit Lesezeichen. Rowohlt, 11/2014.
384 Seiten, 19,95 Euro. ISBN-13: 9783498073794

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