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JunkYard Festival 2017, Dortmund

(js) Zum zweiten Mal nach 2016 fand im Dortmunder Norden das sogenannte „JunkYard Festival“ statt. Und wie der Name schon sagt, bietet dieses Schrottplatzambiente eine seltene, gleichwohl aber auch fabelhafte Kulisse für ein Musikfest. Wobei ich beim erstmaligen Betreten des Geländes umgehend an ein Endzeitszenario eines neuen Blockbusters im Stile von Mad Max erinnert wurde. Und mir der Titel eines legendären Anvil-Albums, nämlich „Metal On Metal“, in Erinnerung kam. Wobei heuer eher wenig metallisches, sondern vielmehr Stoner, Retro-Rock, Psychedelic- und Heavy Blues Töne das beschauliche Rund durchzogen.

Pünktlich um 14.00 Uhr begann die abwechslungsreiche Achterbahnfahrt mit den Lokalmatadoren „Redwater“, die uns ihren Desert Rock präsentierten. Gegründet im Jahre 2015 absolvierte das Dortmunder Duo auf diesem Event erst ihren zweiten Live-Gig. Und man spürte ihnen ihr, sicherlich vorhandenes, Lampenfieber kaum an. Routiniert zogen Matze und Lars ihren Auftritt durch und ließen uns wissen, dass Gitarre und Schlagzeug allein ausreichen können, um einem Publikum auch bei noch regnerischen Witterungsbedingungen zu Beginn einer solchen Veranstaltung einzuheizen. Da ich die Band vorher nicht kannte, darf ich hier von einer positiven Überraschung und einem tollen Einstieg in den musikalischen Tag sprechen.

Die Fahrt ging dann weiter in Richtung Norden und präsentierte uns „Bone Man“ aus Kiel. Das Trio, das bereits seit 2009 existiert, darf man sicherlich schon im positiven Sinne zum „alten Eisen“ der deutschen Heavy Psych Szene zählen. Ihr fuzziger Mix aus Psychedelic, Garage, Post-Rock, vereinzelt sogar versüßt mit orientalischen Folkklängen, überzeugte live ohne Wenn und Aber. Die Knochenmänner Arne, Marian und Ötzi boten ein Gesamtkunstwerk und wunderbares Konglomerat ihrer verschiedenen Sounds. Im Grunde die perfekte musikalische Untermalung für einen Tag auf dem Schrottplatz. Es dominierte über den gesamten Gig eine spürbare Spielfreude, der sich kein Zuhörer/Zuseher erkennbar entziehen konnte. Nein, gar nicht einmal wollte. Der Gesang mal melancholisch und dann wieder dreckig und rau, ein treibender Bass, das dynamische Schlagzeugspiel und all das mit der famosen Gitarrenarbeit gewürzt, bot uns vor der Bühne Verweilenden einen Cocktail, der niemals langweilig, aber immer spannend, die Nackenmuskulatur stetig belastend, unsere Biervorräte aufgrund eigener unkoordinierter Bewegungsabläufe verschüttend und eben unsere Hintern versohlend, vollenergisch nach vorn los ging.

Konstant ging es im Anschluss weiter. Insofern konstant, dass man sich weiter gen Norden orientieren musste, um die Herkunft der nächsten Band eruieren zu können. Es folgten nämlich die schwedischen „Night“. Für mich die erste Band des Tages, die ich schon einmal live begutachten durfte. Und zwar im Vorjahr im Rahmen des „Headbangers Open Air“. „Night“ bieten einen Mix aus Classic Rock, 70ies Hard Rock sowie einer gehörigen Portion „NWOBHM“. Bandleader, Gitarrist und Sänger „Burning Fire“ besitzt allerdings eine derart hohe Stimme, dass sie bisweilen an Halfords „Turbo“-Zeit erinnert. Für mich schon im Vorjahr ein akustischer „touch too much“. Aber das ist ja nun einmal reine Geschmackssache. Auf der Bühne aber sorgen sie mit ihren ausnahmslos dynamischen Songs für eine Energie, die sich auch in Dortmund oft und gern im Publikum entlud. Überhaupt ist ihre Bühnenpräsenz, die eben auch sehr an frühmetallische Poser-Bands Anfang der 80 erinnert, trotz dessen jederzeit authentisch und stimmungsvoll. Was ich aber leider nicht von all ihren Songs sagen kann. Sie sind sich einfach allesamt zu ähnlich und sorgen bei mir recht zügig für eine gewisse Müdigkeit. Den Titel, den „Night“ aber zweifelsfrei für sich beanspruchen durften, war dieser: „best song introduction“. Der letzte Song ihres Gigs wurde mit folgenden Worten angekündigt: „The last song is about „Running in the night“ and is called „Running in the night“. Ich fand’s großartig und spiegelt prima wider, wie sympathisch und bisweilen auch selbstironisch die Jungs sind. Ich bin nun sehr gespannt wie ihr Anfang September erscheinendes neues Album klingen wird und erhoffe mir ein etwas abwechslungsreicheres Songwriting, um diesem tollen Quartett auch aus Überzeugung weiterhin verbunden bleiben zu können.

Schweden ist auch auf Grund der nationalen und regionalen Unterstützung, die die Bands dort erfahren dürfen, ein wahrer Quell für Rock- und Metal-Musik. Deshalb wunderte es auch nicht, dass mit „Hällas“ der nächste Act aus dem hohen europäischen Norden anstand. Was aber die beiden Bands schon elementar unterschied, war das Songwriting. „Hällas“ boten ein durchaus abwechslungsreicheres und tatsächlich etwas gediegeneres. Was aber nun keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal für Qualität sein soll. Meinen Geschmack trafen sie aber nun einmal punktgenau. Das schwedische Quintett wartete mit einem Mix aus „Blue Öyster Cult“, „Wishbone Ash“ und auch einer gehörigen Portion „NWOBHM“ auf, die ab und an von bluesigen Parts durchtränkt wurde. Bei mir können ohnehin schon Bands damit punkten, einen authentischen Hammondsound auf die Bühne zu transportieren. Und Keyboarder und Bandproduzent Nicklas Malmquist tat dies auch live in einer famosen Art und Weise. Twin Guitars, die sich an „Thin Lizzy“ orientierten, wechselten sich auch innerhalb einiger Songs geradezu perfekt mit progressiveren Klängen der Mittsiebziger, die an „BÖC“ oder auch an „Emerson, Lake & Palmer“ erinnerten, ab. Anfangs des Auftritts hatte ich leichte Eingewöhnungsschwierigkeiten mit dem Gesang des Bassisten und Sängers, Tommy Alexanderson, wurde aber ratzfatz eines Besseren belehrt. Seine Stimme ist sicherlich ungewöhnlich, fügt sich aber letztlich ganz wunderbar in das niemals fad klingende Spiel der Band ein. Für mich waren sie bis dato auch die größte Überraschung des Festivals.

Mit „Siena Root“ erschien dann das nächste schwedische Retrokollektiv auf der Bühne. Jenen „Roots“, denen ich in den letzten Jahren unzählige Male live beiwohnen durfte. Und, so viel darf zu diesem Zeitpunkt verraten werden, niemals wirklich enttäuscht wurde. Habe aber demzufolge auch ihren musikalischen Werdegang mit verfolgt. Anfangs habe ich die Jungs um die einzig verbliebenen Gründungsmitglieder Sam Riffer (bs) und Love Forsberg (dr). die in ihrer Bandhistorie auch so einige Sänger verschlissen haben, fast als pure „Jam-Band“ erlebt, so schraubten sie zuletzt diese Instrumentalparts doch ein wenig zurück. Was aber der Bindung zwischen Band und Publikum in Dortmund nur gut tun konnte. Und gut tat. Obwohl, soweit der Autor dies zur Kenntnis nahm, kein Song vom aktuellen Album gespielt wurde, vermochten die Jungs es, den Funken perfekt von der Bühne ins willige Musikvolk überspringen zu lassen. Sie vermögen es wunderbar, ihren Vintage-Sound auch live gewinnbringend herüber zu transportieren. Selbst kurze technische Probleme mit Drumkit und vor Allem der Orgel ließ man sich nicht anmerken. Vielmehr groovten sie unentwegt, unglaublich dynamisch angetrieben von Gitarrist Matte Gustavsson und Orgelspieler Erik Pettersson, durch ihre Setlist. Dies ging sogar soweit, dass ich erstmalig zu einem 70ies Sound im Ansatz einen Moshpit erlebt habe. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass „Siena Root“, die vor Kurzem immerhin noch in schöner Regelmäßigkeit vor mehreren Tausend Zuschauern für „Deep Purple“ eröffneten, sich nicht annähernd zu schade waren, eine ähnlich impulsive, lebhafte, mitreißende Show auch in einem wesentlich kleineren Rahmen, auf einem Schrottplatzgelände, abzuliefern. Das Publikum dankte es mit nicht enden wollendem Applaus, die Jungs aus Schweden mit den ersten zwei Zugaben des Festivaltages.

„Last but not least“ ist ja nicht selten kaum mehr, als eine einfache Redewendung. Als Headliner des Tages führten die Amerikaner von „Radio Moscow“ diese Floskel aber mal komplett ad absurdum. Für mich war es die erste Live-Begegnung mit den Jungs aus Iowa und diese wird mir länger noch in Erinnerung bleiben. Denn was die Alben, nicht einmal der Live-Output aus dem Jahre 2016 namens „Live in California“ erwarten ließen, durfte ich auf dem JunkYard erleben. Ein derart explosives und arschtretendes Set hätte ich beileibe nicht erwartet. Bisweilen kam der Gedanke hoch, hier seien „Led Zep on speed“ unterwegs. 2003 noch als Einmanncombo von Sänger und Gitarrist Parker Griggs ins Leben gerufen, haben „Radio Moscow“ nunmehr einige Jahre auf dem Buckel. Verblieben ist bis heute nur jenes musikalische Wunderkind Parker Griggs, der seit 2013 mit dem Bassisten Anthony Meier und Drummer Paul Marrone zusammen arbeitet. Mit der ersten gespielten Note des Abends, gab es nur eine Richtung für die Jungs. Nach vorne – dynamisch und arschtretend. Und vom ersten Song an kam bei mir etwas Mitleid auf. Mit Griggs‘ Gitarre. Ich beneide sie überhaupt nicht, weil er mit einer unglaublichen, rücksichtslosen Art und Weise alles aus ihr herauszuholen gedenkt. Häufig psychedelisch, mal abmildernd bluesig, mal knurrend, aber immer ohne Gefangene zu machen. Manchmal stand ich dort auf dem „Schrottek“ und lauschte ehrfurchtsvoll den unfassbaren Tönen, die er aus seinem Instrument herausholte. Ich sah mich aber in guter Gesellschaft. Niemanden ließ die Musik ruhig verweilen. Ganz im Gegensatz dazu wurde sogar aus dem angedeuteten Moshpit bei „Siena Root“ nun phasenweise ein tatsächlicher. Zu diesen druckvollen, instrumentalen Klängen dann noch das rauchig-krächzende Organ Griggs – man muss es vielleicht nicht lieben, aber es passt einfach nur allzu perfekt zu diesem Soundgewand der Band. „Radio Moscow“ spielten hart. Und laut. Und sie schonten meine Ohren nicht, und nicht meinen Nacken. Und sie ließen mich schwitzen, selbst noch um 22 Uhr. Und sie ließen mich eine der eindrucksvollsten Live-Shows der vergangenen Zeit erleben. Auch weil Bassist Meier teils hypnotisch treibend Griggs unterstützte und Schlagwerker Marrone an dem Abend eigentlich für seinen Angriff auf sein eigenes Instrument arrestiert gehörte. „Radio Moscow“ spielten im Laufe ihres Gigs zudem einen Song ihres neuen Albums, welches in den Startlöchern steht und für die Aufnahme in meine Sammlung einmal mehr prädestiniert ist. Als Warnung an die Band, ließ ich mir zum Ende hin ein süffisant geräuspertes „wir werden uns wiedersehen“ entlocken.

Gegen 22.15 Uhr dann endete für mich dieser musikalische Festivaltag. Die „Aftershow-Party“ nahm ich nicht mehr mit, weil das fast stete Stehen dann doch körperlichen Tribut forderte. Glückselig aber trat ich den Heimweg an, wohl wissend 2018 wieder vorbei zu schauen. Dieses familiäre Festival kann ich wirklich jedem nur anheim legen. Wie aus gut verrichteten Kreisen zu vernehmen, denken die Veranstalter darüber nach, das Festival im kommenden Jahr auf zwei Tage zu erweitern und darüber hinaus auch einen „Camping Ground“ mit anzubieten. Möge dies exakt so gelingen!…(JensS)

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