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Apewards – We The Living

(js) Man kann in Marburg wohnen und studieren. Man kann aber auch in Marburg wohnen, studieren und der Musikwelt einen Stempel aufdrücken. Exakt dieses Unterfangen starteten „Apewards“ anno 2013. Zum Warmwerden und Anfüttern präsentierte man zwei EPs, bevor dann Anfang 2016 mit „Tales Of The Forest“ der erste Longplayer eingespielt wurde. Nunmehr ist der Nachfolger „We The Living“ am Start. In gleicher Besetzung soll der Siegeszug fortgesetzt werden. Nein, wird er. Da wir heutzutage bei jungen Bands einen solchen Siegeszug längst nicht mehr über den Broterwerb definieren können, rede ich hier von der musikalischen Wucht, von der Qualität des neuen Outputs. Welcher einerseits eine konsequente Fortsetzung des bisherigen Schaffens ist, andererseits aber eine großartige Symbiose aus Eleganz und Arschtritt darstellt, die mich in meiner Schreibkemenate durchaus unruhig werden ließ. Im energetischen Sinne.

Die Jungs spielen seit jeher eine feine Mixtur aus traditionellem Blues samt eines rifforientierten Stonereinschlags, der grazil und kraftvoll zugleich durch deren affenartige Welten wandelt. Bisweilen mit ihnen spielt. Und was das Quartett von der Legende hält, dass das zweite Album das schwierigste sei, führen sie uns geradezu spielerisch vor. Denn weder an einem wie auch immer gearteten eigenen Anspruch, noch an der Erwartungshaltung der Hörerschaft können sie gescheitert sein.

Schon das „Opening Riff“ von „My Heart A Void Forever“ rasiert mir messerscharf den Nacken und klingt so, wie sich mein Haupthaar nie wieder präsentieren wird: voll! Eine gewisse Affinität zu einer weiland 1969 in Aston (Birmingham) gegründeten Band lässt sich keineswegs von den Saiten weisen. Der Tempowechsel während der Gesangsparts sorgt einerseits dafür, dass sich Nicos weiter gereiftes Organ entfalten darf und zudem der bluesige Bodensatz den Song ganz wunderbar trägt, bis dieser sich in kraftvollen Soli zum Ende hin entlädt. Da gerät der Metaller in mir stante pede in eine latent sentimentale Phase. Mit „Weightless“ folgt ein Stampfer, der mich in seinem mehrstimmigen Chorus an die musikalische „British Invasion“-Phase der Sechziger erinnert. Auch wenn letztlich das Stück fast beschwingt proggig ausklingt.

Fantastisch dann die psychedelische Eröffnung von „Isolated Ground“, dem nicht nur längsten, sondern auch in meinen Ohren feinsten Stück des Albums. Es weht ein leiser „Desert Rock“-Wind durch die Akkorde, die sich dann höchst explosiv in der Bridge entladen. Es mangelt mir mit jeder Note an Bereitschaft, sitzen zu bleiben und nicht headbangend den Faden für die Rezi komplett zu verlieren. Das abschließende Solo ist tatsächlich eins der fantastischsten, was ich zuletzt gehört habe und verleiht dem Song noch einen arschtretenden Abschluss. Und einen Anstrich von „Vergiss mich ja nicht“. „How Deep Is The Sea“ kommt sodann sehr balladesk daher und gibt mir die Möglichkeit, meinen Schreibtisch und die Gedanken neu zu sortieren. Ein traditioneller Blues, der jedoch in „affenartiger“ Manier druckvoll weitergereicht wird.

An der Temposchraube wird im Übergang zu „Lost Desolate“ kaum gedreht, wenngleich der Beat weniger bluesig, sondern dem Stoner-Genre gemäß eher dreckig, eben rifforientiert daher kommt. Auch hier wieder einige intonierte Verschachtelungen, die aber den Fluss innerhalb des Liedes nicht ansatzweise schaden, sondern sich prima verwaben. Dass auch hier das Solo mich einmal mehr aus dem Schreibtischstuhl zieht, um mir meine Luftgitarre umzuschnallen, muss ich wohl nicht erwähnen. Da haben mich die Jungs tatsächlich komplett erwischt.

Und in diesem Wissen hauen sie mir dann noch „Shake Them Loose“ so mirnixdirnix um die Ohren. Das Lied erinnert mich unweigerlich an meine „NWOBHM“-Ära, die hier musikalisch mit einigen doomigen Parts gepaart wird. Der Highspeederguss macht keine Gefangenen und zeigt hier ein etwas anderes Gesicht der Band. Verabschiedet man uns mit einem „Tiptonschen“ Solo, begrüßt uns „Tied To Strangers“ mit einem Sabbath-esken Riff. Auch hier wird im weiteren Verlauf das Lautstärketempo im Wechsel wieder angezogen oder runtergefahren. Eine musikalisches Charakteristikum mit dem „Apewards“ nur allzu gerne und überzeugend jonglieren. Auch hier bietet die gesamte Saitenfraktion einen tollen Soundteppich, dem Franks treibendes Drumming immer wieder den notwendigen Drive verpasst.

„Sweet Lorraine“ könnte sicherlich auch aus der Feder von Nicke Andersson („Imperial State Electric“) stammen. Heavy Rock der Siebziger, der sich noch an den Wurzeln des Rock´n´Roll orientiert und stolz Einflüsse des Blues in sich trägt. Absolut radiotauglich wird’s dann mit dem Rausschmeißer „Tree Of Birds“. Und dies ist keineswegs despektierlich gemeint. Großartige Vokalharmonien, eingerahmt in einem modernen sowie melodiösen Okkultrock-Gewand. Druckvoll und zugleich beinahe zärtlich vorgetragen. Ein Vergleich mit einem „Blood Ceremony“ Track ist hier unvermeidlich. Der zum Hinknien schöne Song schließt ein Album derart gelungen ab, dass man gar nicht glauben mag, dass aus dem musikalisch wohl eher „diasporalen“ Marburg ein solches Kleinod erwachsen kann.

Mit ihrem Zweitwerk „We The Living“ setzen „Apewards“ zweifelslos ein neuerliches Ausrufzeichen. Das Songwriting präsentiert sind noch erwachsener, noch ausgefeilter, als ohnehin schon auf dem starken Debut. Das Album ist noch homogener eingespielt und suhlt sich geradezu glückselig in einem rohen und dennoch klaren und druckvoll produzierten Sound. „Apewards“ tragen ihren eigenen Blues in die Welt und haben eine ganze Palette an arschtretenden Riffs und druckvollen, meine Luftgitarrenfähigkeiten fordernden, Soli im Gepäck und langweilen tatsächlich, und das muss man auch erst mal hinbekommen, in keiner Sekunde.

Abschließend sei mir noch der Wunsch gestattet: gebt den Jungs eine Chance und lasst euch deren Songs mal um die Ohren hauen. Sind es doch Bands wie „Apewards“, die den musikalischen Untergrund ausmachen und beleben und eine Liebe zur Musik in sich tragen, die man bei manch arrivierten Künstlern leider nicht mehr spüren darf.

Tracklist:

01 My Heart A Void Forever (04:12)
02 Weightless (03:36)
03 Isolated Ground (06:23)
04 How Deep Is The Sea (05:18)
05 Lost & Desolate (04:49)
06 Shake Them Loose (03:39)
07 Tied To Strangers (04:49)
08 Sweet Lorraine (05:05)
09 Tree Of Birds (04:53)


https://www.youtube.com/user/Apewards
https://www.facebook.com/Apewards/
https://apewards.bandcamp.com/

Filed under: Album Reviews, Blues, Bluesrock, Heavy Rock, Stoner,

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