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interzone – Letzte Ausfahrt

(hwa) Ein kleines Wunder ist geschehen: Das bislang als verschollen gegoltene allererste Album von interzone aus 1979 mit Texten von Wolf Wondratschek ist neuerdings zu haben. Und was soll ich sagen: Es wärmt mein Herz. Ein Album, das mindestens – sagen wir – wie Westernhagens „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“-Album Kultstatus erreicht hätte.

Ob es dafür heute noch reicht? Für mich schon …

Heiner Pudelko war einer der originellsten Sänger seiner Zeit in Berlin. Er verfügte über eine Bandbreite der Modulation wie höchstens noch Nina Hagen – und spielte genüsslich damit. Dagegen war Marius Müller doch eher so etwas wie eine Krähe im Stimmbruch. Pudelkos Artikulation mit Silbenenden, die er mit seinem oberschlesisch gefärbten rollenden „R“ mal hier, mal da verdrehte, war so ungewöhnlich, dass dem Hörer mitunter schwindelig wurde. Und immer, wenn er übergangslos von der Brust- in die Kopfstimme wechselte und im Falsett zu versinken drohte, war es so etwas wie gekonnte Hexerei.

Pudelkos stimmliche Exaltiertheit, mit der er sich so ziemlich allen Schablonen entzog, seine feine Harp und der nachhaltige Support der Band machten aus interzone von Beginn an unverwechselbare deutsche Vollblutmusiker. Hatten die Stones, Muddy Waters, Status Quo oder wen auch immer bluesmäßig aber sowas von drauf. Es hätte die Krönung eines Aufsehen erregenden Debütalbums mit Texten von Wolf Wondratschek werden können. Der sich mit Hilfe seines Gedichtbands „Chuck’s Zimmer“ und anarchisch angehauchten Lyrics in die Haut eines in den Tag lebenden Lebenskünstlers begab. Wondratscheks Buch wurde ein Mega-Erfolg.

Grandios angedacht und dennoch blöd gelaufen! Weil Wondratschek aus rechtlichen Gründen den Schwanz einzog. Dem Vernehmen nach verlangte er nach Abstimmung mit seinem Verlag und interzones Plattenfirma eine Summe von 250.000 DM für den Deal. Das konnte und wollte interzone nicht stemmen.

interzone blieb gar nichts anderes übrig, als ihr zweites Album als Debütalbum zu verkaufen. Und starteten trotzdem durch. Pudelkos Timbre, dessen Wandlungsfähigkeit sowie seine innige Verbundenheit zum Blues, R&B und Soul wurde zusammen mit Pudelkos eigenen Texten mit innewohnenden Tabubrüchen (Da war er gewissermaßen Wondratscheks Schüler) nachhaltiges Markenzeichen der Band. Dennoch löste sich die Band 1986 nach einigen Umbrüchen auf. Heiner Pudelko starb 1995 an Krebs.

Nachfolgend noch ein kleiner Geschichtskurs:

Jim Rakete, maßgeblicher Drahtzieher der NDW-Szene (Nina Hagen, Spliff u.v.a), hat es nach über 40 Jahren wieder Mal gewuppt. Er hatte damals schon interzone auf dem Zettel und veranlasste seinerzeit kurzerhand eine provokante Kunstaktion gegen den sogenannten „faschistischen Schutzwall“. Indem er ein paar Meter Mauer in der Betonwüste am Potsdamer Platz schwarzsprühen ließ und mit weißer Farbe „interzone“ darüber pinselte. Den Begriff „interzone“ hatte er aus W.S Burroughs Albtraumstadt „interzone“ und dessen Roman „Naked Lunch“ entlehnt. Einer von Raketes zahlreichen Coups.

Der Begriff „interzone“ blieb haften, aber das Album mit den Wondratschek-Texten fiel durch den Rost. Aber Rakete wäre nicht Rakete, wenn er nicht auch schon damals vorsichtshalber die Mauer-Aktion dokumentiert hätte. Das Foto schmückt die Rückseite dieses frisch veröffentlichten „lost albums“. Und führt direkt auf Raketes weitere Leidenschaft zurück: das Fotografieren. Heute gilt er als einer der maßgeblichen Rockfotografen der Welt.

„Letzte Ausfahrt“ ließ im offensichtlich keine Ruhe. Wie im Booklet deutlich wird, war es letztlich eine Herzensangelegenheit. Und die Zeit heilt offensichtlich (fast) alle Wunden. Im Zuge einer spannenden Nacht-und Nebelaktion, in der Rakete die Bänder zusammen mit Heiner Pudelkos Witwe, Angela Schönberger-Pudelko, mit Hilfe einer gut geölten Taschenlampe aus verschiedenen Berliner Kellern geborgen hatte, konnte Rakete auch Wondratschek zum Umdenken und zur Freigabe seiner Texte bewegen. Die Bänder wurden von Udo Arndt aufgearbeitet und digitalisiert.

Die auf 500 Stück limitierte Vinylversion von „Letzte Ausfahrt“ war innerhalb von nur wenigen Stunden ausverkauft. Und mit was? Mit Recht! Deshalb war und ist die aktuelle CD-Version nur folgerichtig.

Ich schreibe diesen Artikel in tiefer Verehrung zu Heiner Pudelko.

Ich liebe dieses Album!

(Heinz W. Arndt)

interzone „Letzte Ausfahrt“

Repertoire UK (Repuk 1378)

September 2019

Laufzeit: 36:58 min

Beteiligte Musiker dieses „lost albums“:

Heiner Pudelko, voc + harm

Leo Lehr, git + voc

Hans Wallbaum, dr

Mario ‚BiBi’ Schulz, git

Aki Furi, keyb + b3

Ralf ‚Trotter’ Schmidt, bs

Das Booklet widmet den inzwischen auf der Strecke gebliebenen ehemaligen Bandmitgliedern in Demut den gebührenden Respekt: Heiner Pudelko, Leo Lehr, Kurt Herkenberg sowie Ingo Bischof „und allen, die sie vermissen“.

Tracklist:

01) Café Capri

02) Liebeslied

03) Das alte, sentimentale Gefühl

04) R&R Freak

05) Gizeh

06) Picknick auf einer Blutfontäne

07) Letzte Ausfahrt

08) The Ticket That Exploded

09) Henry Miller geht wieder auf den Strich

10) Supergirl

11) Wartehalle 9

12) Apartment 302

(hwa)

Noch mehr Interzone in unserem Blog:

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