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Crimson Roots – Open Roads

(jul) Wenn die Nadel in die Rille von Crimson Roots’ Debüt gleitet, schlägt einem sofort dieser Geruch entgegen: Eine Mischung aus altem Röhrenstaub, verschüttetem Whiskey auf einer Hammond-Orgel und dem heißen Gummi eines Reifens, der seit Stunden über den glühenden Asphalt von irgendwoher nach nirgendwo jagt. Die Nürnberger Formation lieferte bereits im September 2025 ein Manifest des „Organic Rock“ ab, das sich mit den Absätzen tief in die Blues-Erde gräbt und  den Kopf in psychedelische Wolken hüllt und nun endlich in der warm knisternden Vinylpressung von Tonzonen Records genau das Zuhause findet, für das diese Songs offenbar von Anfang an bestimmt waren.

Die Band – bestehend aus der stimmgewaltigen Ina Salaj, dem Saitenmagier Kristi Dhimitri, Tieftöner Kolja Becker, Tasten-Ästhetiker Idris Voegli und dem rhythmischen Rückgrat David Vinogradov – hat mit Open Roads eine Passage geschaffen, die den Hörer nicht einfach nur beschallt, sondern ihn als blinden Passagier auf den Rücksitz zerrt. Wir brechen auf im unruhigen Flackern defekter Neonleuchten einer untergehenden Stadt und kommen irgendwo in der majestätischen Energie eines Berges an. Dazwischen? Die Höhen und Tiefen einer inneren Entwicklung auf einer Reise zu sich selbst.

Was Crimson Roots von der Masse der Retro-Jünger abhebt, ist die Abwesenheit von Pose. Hier wird nicht so getan, als wäre man 1972 in den Abbey Road Studios hängengeblieben; hier wird diese Ära geatmet. Ina Salaj ist dabei weit mehr als nur eine Frontfrau. Ihre Stimme ist das emotionale Epizentrum, ein Instrument, das zwischen verletzlichem Flüstern und einer Urgewalt schwankt, die an die großen Blues-Schamaninnen erinnert. Sie singt nicht über die Reise, sie ist die Reise. An ihrer Seite webt Kristi Dhimitri Gitarrenteppiche, die so gar nichts mit dem sterilen Gefrickel moderner Prog-Gitarristen zu tun haben. Sein Spiel ist „Vintage“ im besten Sinne: Er lässt Töne stehen, lässt sie bluten und sich in Feedback-Orgien auflösen, die an die frühen Pink Floyd oder die erdige Wucht von Deep Purple erinnern. Das Fundament, auf dem dieser Trip fußt, ist ein lebendiger Organismus. Kolja Becker am Bass und David Vinogradov an den Drums spielen nicht einfach nur einen Takt; sie atmen zusammen. Es ist dieser „Siena Root“-Vibe – ein Groove, der so tief sitzt, dass er die Magengrube massiert, während Idris Voegli an den Keyboards und der Orgel jene warmen, analogen Wellen schlägt, die das Ganze erst in den psychedelischen Orbit schießen.

Doch wo entscheidet sich, ob eine Reise bloßes Kilometerfressen oder echte Transformation ist? Crimson Roots geben die Antwort im Zentrum des Albums mit dem Doppelschlag „The Crossing I & II“. Diese beiden Stücke sind weit mehr als nur Favoriten für die Playlist; sie sind die Achse, um die sich das gesamte „Evolving“-Thema der Band dreht. An einer Wegkreuzung zeigt sich immer, aus welchem Holz man geschnitzt ist. In „The Crossing I“ geht es durch das Feuer. Es ist der schmerzhafte Teil der Entwicklung, das Tragen von Narben, das Aushalten der Hitze. Musikalisch wird dieser Prozess fast physisch spürbar: Die Instrumente reiben sich aneinander, die Harmonien werden dichter, fast klaustrophobisch, bis die Erkenntnis reift, dass Ausdauer allein schon eine Form von Stärke ist. Der Übergang zu „The Crossing II“ markiert dann den Moment der bewussten Entscheidung. Hier bricht die Band aus der Passivität aus. Es ist der Mut, die Sicherheit des Stillstands hinter sich zu lassen und die Ungewissheit des neuen Weges anzunehmen. Hier zeigt sich die wahre Meisterschaft von Crimson Roots: Sie nutzen die Dynamik des Blues, um den Schmerz des Aufbruchs zu kanalisieren, und brechen diese Strukturen dann mit progressiven Eskapaden auf. Es ist ein musikalisches Plädoyer für die Bewegung. Wer stehen bleibt, versteinert; wer geht, verwandelt sich. In einer Zeit, in der „Retro“ oft nur bedeutet, sich eine Schlaghose anzuziehen und ein paar Pentatonik-Riffs zu dreschen, wirken Crimson Roots überzeugend ehrlich. Ihr Sound ist nicht nostalgisch, er ist zeitlos. Die Eigenproduktion verleiht dem Ganzen eine Intimität, die man bei Major-Produktionen vergeblich sucht. Es klingt nach Sehnsucht, nach Fernweh und langen Nächten im Proberaum mit dem unbedingten Willen, jede Note so zu meinen, wie sie gespielt wird. Die Reise endet schließlich bei The Mountain. Es ist keine triumphale Ankunft mit Feuerwerk.  Die Figur ist am Ziel, aber sie ist vom Weg gezeichnet. Sie ist zum Berg geworden – stark, aber einsam. Dieser Abschluss ist mutig, weil er die Erwartung an ein Happy End unterläuft und stattdessen eine stoische Ruhe anbietet, die nach dem vorangegangenen Sturm fast schon sakral wirkt.

Crimson Roots haben mit Open Roads ein Album geschaffen für die Suchenden. Es ist für diejenigen, die nachts auf der Autobahn das Radio lauter drehen, wenn der innere Blues übernimmt und es schlägt die Brücke zwischen der emotionalen Tiefe des Delta-Blues und der geistigen Weite des Kraut- und Progressive-Rock.

Ist es perfekt? Vielleicht nicht. Manchmal verliert sich die Band fast zu sehr in ihren eigenen Klangnebeln, und man wünscht sich einen kurzen Moment des Innehaltens, bevor die nächste Welle über einem zusammenschlägt. Aber genau das ist der Punkt: Eine Reise ohne Umwege ist keine Reise, sondern ein Transport. Und dieses Album transportiert nicht – es bewegt. Es ist diese organische Wärme, die Crimson Roots so nah an die schwedischen Seelenverwandten von Siena Root rückt – als ob sich das erdige Ocker der skandinavischen Weite mit dem tiefen, pulsierenden Purpur eines neuen Aufbruchs zu einem einzigen, glühenden Klangteppich vermischt. Wer dazu noch auf die bluesgetränkten Riffbrocken von Graveyard steht, wird an diesem Nürnberger Klangmassiv nicht vorbeikommen…..(jules)

Open Roads | Crimson Roots https://share.google/IfroHHYBMlmn0azMh

Ab 22.05.2026 Vinyl bei Tonzonen: https://www.tonzonen.de/shop/p/-pre-sale-190426-1

Filed under: 70s, Album Reviews, Bluesrock, Prog, Psychedelic,

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