rockblog.bluesspot

musikalisches schreibkollektiv

No Man´s Valley – Live Kult41 Bonn

(pe) Mit ihrem Mitschnitt aus dem Bonner Kult41 halten No Man’s Valley nicht einfach nur ein Konzert fest – sie konservieren den rohen Kern dessen, was diese Band seit Jahren ausmacht. Über mehr als ein Jahrzehnt und rund 150 Shows hinweg hat sich das niederländische Quintett einen Ruf als psychedelische Live-Urgewalt erspielt, die auf der Bühne eine fast tranceartige Intensität entfaltet. Genau diese ungebändigte Energie fängt das im Oktober 2025 aufgenommene Livealbum bemerkenswert authentisch ein: warm, kosmisch, druckvoll und angenehm ungeschliffen. Statt den Mitschnitt im Nachhinein glattzupolieren, vertraute die Band auf die Kraft des Moments – und genau darin liegt der Reiz dieser Aufnahme.

No Man’s Valley gelingt mit diesem Live-Dokument etwas, das vielen Liveplatten abgeht: Es klingt nicht wie ein Dokument nach der Tat, sondern wie Musik im Zustand ihres Entstehens! Die Band spielt nicht auf Absicherung, sondern auf Sog, Reibung und Übergang. Gerade deshalb funktioniert diese LP so gut: Sie zeigt No Man’s Valley nicht als sauber reproduzierende Rockband, sondern als Gruppe, die ihre Stücke auf der Bühne aufbricht und unter Strom setzt.

Schon mit dem 13-minütigen Opener „Flight of the Sloths“, für mich die Quintessenz dessen, was die Band ausmacht, ziehen No Man´s Valley den Hörer langsam, aber konsequent in ihre Welt hinein. Kein überhasteter Einstieg, sondern ein Song, der sich Zeit nimmt und gerade dadurch seine Wirkung entfaltet. Diese kreisenden Gitarren, das stoische Vorwärtsdrängen und die beinahe tranceartige Atmosphäre entwickeln live eine ganz andere Körperlichkeit als im Studio. Man merkt schnell: No Man’s Valley spielen diese Songs nicht einfach nach – sie lassen sie auf der Bühne neu entstehen und hauchen ihnen ihr ganz ureigenes „Live-Leben“ ein. Wie ein sich langsam aufbauendes schamanisches Ritual entwickelt sich dieser Song, und die hypnotische Wirkung auf das Publikum lässt sich leicht daran festmachen, dass bei Jasper Hesselinks Spoken-Word-Passage „Completely oblivious of the fact that there is no destination“ eine ehrfürchtige Stille im Saal herrscht, in der die berühmte fallende Stecknadel wie ein trommelfellzerfetzender Urknall wirken würde!

Überhaupt liegt die große Stärke dieses Albums weniger in einzelnen Höhepunkten als in der Art, wie die Band Spannung entstehen lässt. „Eyeball“ wirkt nervös und suchend, changiert zwischen dem immer wieder auftauchenden und tief unter die Haut gehenden verzerrten Blues-Riff und psychedelischer Gitarrenarbeit. Fast so, als würde sich der Song permanent selbst neu sortieren.

„Love“ mit seiner sich für immer im Ohrwurmzentrum festsetzenden Orgel-Passage dagegen öffnet plötzlich Raum für Wärme und Melodie, ohne jemals wirklich friedlich zu werden. Selbst in den ruhigeren Momenten bleibt unter der Oberfläche immer eine gewisse Unruhe spürbar. Eine Psychedelic-Perle, die dauerhaft zwischen einschmiegsamer Ruhe, latent lauernder Eruption und tatsächlicher Eskalation changiert.

Besonders beeindruckend ist dabei, wie selbstverständlich die Band zwischen kontrollierter Zurückhaltung und völliger Hingabe wechselt. „Time Travel“ entwickelt eine hypnotische Sogwirkung, ohne sich in endlosen Jams zu verlieren, während „7 Blows“ oder insbesondere „Love or Axe Murder“ eine Wucht entfalten, die nie bloß laut, sondern immer zielgerichtet, ineinandergreifend, und niemals erzwungen wirkt.

Und über allem und durch alles hindurch haben No Man´s Valley natürlich den Blues, der die fundamentalste Säule ihrer Musik bildet, tief, ganz tief in ihrer DNA verankert. Zementiert und dokumentiert wird dies in dem überragend durch Jasper Hesselinks getragene Stimme getragenen „Man Who Walked Backwards“. Es ist fast nicht möglich, diesem Song einfach nur zu lauschen – zu intensiv spielt die Band, zu eindringlich beschwört Jasper: „Everything goes up – and everything keeps going down!!!“, und der Hörer lebt sämtliche Ups und Downs in ihrer vollen Intensität mit und möchte weinen, lachen, schreien, ausrasten, leben und sterben … und das alles möglichst gleichzeitig !

Dass am Ende „We Have Lost the Way“ steht, ist das letzte Tüpfelchen zur Perfektion, denn der Titel passt nicht nur inhaltlich, sondern auch dramaturgisch wie die berühmte Faust aufs Auge. Als Closer wirkt der Song wie die konsequente Auflösung eines Sets, das sich immer wieder vom festen Boden entfernt hat. Er bündelt vieles, was diese Live-LP ausmacht: Melancholie, Bewegung, Sog, Kontrollverlust. Der Song entlässt einen nicht mit einem großen Finale, sondern eher mit einem Nachhall – als würde das Konzert noch irgendwo weiterlaufen, sobald die Platte längst vorbei ist.
Und genau darin liegt die Besonderheit dieser Aufnahme: sie dokumentiert keine nostalgische Rückschau, sondern eine Band, die auch nach vielen Jahren noch vollkommen in ihrer eigenen Welt aufgeht – und das Publikum bereitwillig in dieser Welt Willkommen heißt… (peter)

 

No Man’s Valley sind:

Rens Coenen – Drums
Jasper Hesselink – Vocals
Christian Keijsers – Guitar
Ruud van den Munckhof – Keys
Rob Perree – Bass

Tracklisting

  1. Fligth oft he Sloths (13:00)
  2. Eyeball (6:09)
  3. Love (3:31)
  4. Kill the Bees (5:58)
  5. Time Travel (3:39)
  6. Lies (3:05)
  7. Man Who Walked Backwards (4:51)
  8. Love Axe Murder (6:27)
  9. 7 Blows (8:41)
  10. We Have Lost the Way (7:56)

Kaufen könnt Ihr die fantastische Platte hier: https://elasticstage.com/nomansvalley/releases/live-kult41-bonn-album

Weblinks:

https://www.nomansvalley.com/home

https://nomansvalley.bandcamp.com/

https://rockblogbluesspot.com/2024/04/19/no-mans-valley-chrononaut-cocktailbar-flight-of-the-sloths/

 

Filed under: Album Reviews, Bluesrock, Postrock, Psychedelic, ,

Archiv

international – choose your language

Mai 2026
M D M D F S S
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten. Informationen zum Umgang mit Deinen Daten findest Du in der Datenschutzerklärung.

Diese Artikel werden gerade gelesen:

Crippled Black Phoenix + Temple Fang im Club Volta Köln am 06.05.2026
No Man´s Valley - Live Kult41 Bonn
Crimson Roots - Open Roads
How The East Was Won - Flying Circus in Magdeburg und Berlin vom 1.5. - 2.5.2026