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The Rolling Stones – Unzipped. Das offizielle Buch zum 60. Bandjubiläum

(hwa) Es gibt mittlerweile Dutzende Stones-Chroniken auf dem Markt. Und nun erscheint ein schweres Coffeetable-Book, das die musikalische Entwicklung der Band (plus deren Wechselbeziehung mit Design, Mode, Fotografie und Film) auf eine überwiegend streng journalistische Ebene hebt. Es ist das Buch zur parallel geplanten internationalen Wanderausstellung mit über 400 Objekten aus der enorm vielschichtigen persönlichen Welt der Stones.

Das Buch umfasst 288 Seiten. Die Texte garnieren die Fotos mit relevanten Fakten. Das war in früheren Stonesbüchern nicht immer der Fall. Anthony DeCurtis beginnt im Buch geschichtshistorisch kompakt auf 24 Seiten die Entwicklungsgeschichte der Band unter der Überschrift „Unzipped – The Rolling Stones On Display“. Es folgt das Kapitel „Die Blues-Wurzeln“ (Interviews mit Buddy Guy, Mick Jagger und Keith Richards). Es folgt das Kapitel „Edith Grove“. Also das „Loch“, in dem die Urstones anfangs zueineinander fanden und gelebt haben.

Die weiteren Kapitel lauten: „Im Studio“ (Interview mit Producer Don Was), „Songwriting“ (Interviews mit Keith Richards und Mick Jagger), „Die Instrumente“, „Stil“ (Interviews mit Anna Sui und John Varvatos), „“Film“ (Interview mit Martin Scorsese), „Kunst und Design“ (Interview mit Shepard Fairey), „Live“ (Interviews mit Patrick Woodroffe und Willie Williams).

Am meisten beeindruckt haben mich die 55 Seiten, die die Instrumente der Band würdigen (Gitarren und Schlagzeuge). Die erzeugen bei mir fast durchgehend Gänsehaut. Die 99 Seiten im Hinblick auf die Outfits der Bandmitglieder mögen zwar geschichtshistorisch relevant sein, muten aber mitunter wie ein Abbild eines Schickimicki-Modemagazins an.

Wie dem auch sei: Alles andere entschädigt. Ich bitte zu bedenken, dass wir es hier indirekt auch mit einem Nachruf auf Charlie Watts zu tun haben. Dass er kurz vor Fertigstellung des Buches starb, konnte ja damals noch niemand ahnen.

Einige Fotos und Dokumente haben mich nostalgisch erneut eingeholt. Siehe z.B. Seite 53: Dort werden die ersten Studioaufnahmen der Stones in den IBC-Studios, 11. März 1963, abgebildet. Die Stones nahmen „Diddley Daddy“, „Bright Lights“, „Big City“, „Road Runner“, „I Want To Be Loved“ und „Baby What’s Wrong“ auf. Am 14. Februar 1963 schrieb Keith Richards in sein Tagebuch: „Stu meint, Glyn Johns nimmt uns am Mo. oder Do. auf und will uns bei Decca unterbringen.“

Und Keith fügt auf der gleichen Seite hinzu: „Glyn war ein großartiger Tontechniker, und vor allem war er Techniker in den IBC-Studios. Seine wichtigste Leistung für die Stones war es, nachts die Türen aufzusperren und uns ins Studio zu lassen. Dafür setzte er seinen Job aufs Spiel.“ (Zitat mit freundlicher Genehmigung).

Es gibt viele weitere Fotos, die mich zurück in meine Jugend katapultiert haben. Darunter zum Beispiel das erste „offizielle“ Foto der Stones von Philip Townsend, 1962. Natürlich mit Brian Jones und Charlie Watts (Seite 42). Da sehe mich als Zehnjäriger und frage mich, wo die Zeit geblieben ist. Ich hatte damals das Gefühl, einer von ihnen zu sein. Und es war verdammt ein gutes Gefühl. Aber schnell kamen die Beatles dazwischen, und ich musste plötzlich für zwei gleichzeitig geliebte Bands sparen. Keine Bange: Danach kamen noch The Who, The Kinks, The Doors und unzählige weitere hinzu. Man war schlichtweg hin-und hergerissen.

Auf Seite 237 berichtet Grafikdesigner John Pasche über das von ihm entworfene Zungenlogo der Stones. Das konzipierte er ursprünglich zuerst in Schwarzweiß bzw. weißgrau in 1971. Danach in Farbe. Im Buch sagt er dazu: „Viele Leute fragten mich, ob es auf Micks Lippen beruht, und ich muss sagen: ursprünglich nicht, aber unbewusst vielleicht doch.“ Später wurde es farbig und Pasche ergänzt: „Ich glaube, es hat sich bewährt, es ist ein universelles Statement. Jemandem die Zunge rauszustrecken ist sehr antiautoritär, eine Art Protest.“ (Zitat mit freundlicher Genehmigung.)

Darüber hinaus entnehmen wir dem Buch noch mindestens ein weiteres verblüffendes Statement, nämlich das im Hinblick auf Warhols Reissverschluss-Konzept bei „Sticky Fingers“. Mick Jagger erläutert: „Ich kannte Andy sehr gut. Ich sagte ihm den Titel des Albums, und er lieferte dieses wirklich innovative Design. Es ist recht kompliziert, weil es viele Komponenten hat: Das Foto der Schrittpartie von außen, die Unterwäsche innen. Das ist sehr sexy. Der Reißverschluss ist echt! Das Problem war der Versand.

Wenn der Reißverschluss zu ist, gibt es durchaus durch das Gewicht der Alben Dellen im Vinyl.. Aber das Problem war relativ leicht zu lösen. Wir zogen den Verschluss auf, so war die Delle dann in der Mitte der Platte. (sozugagen mitten im LP-Loch – Anm. des Verfassers). Eine verblüffende Lösung. Eigentlich dachte ich, wir sind aufgeschmissen.“ (Soweit das Jagger-Zitat)

Nee, nee, Herr Jagger, ihr wart nicht aufgeschmissen. Noch heute funktioniert das Prinzip: Einfach nur runterziehen bis zum Mittelloch der LP – und alles ist gut!

Die große weltweit geplante Ausstellung wurde wegen Corona umständehalber gecancelt. Edel Books schrieb mir auf Anfrage: „Die internationale Ausstellung UNZIPPED musste wegen der Pandemie leider unterbrochen werden. Der Start der Wanderausstellung in Europa sollte das Groninger Museum sein, die Ausstellung wurde dort vier Wochen lang gezeigt, bevor im November 2020 dann zeitweilig auf ein Online-Format umgestellt wurde. 2023 soll die Ausstellung dorthin zurückkehren. Aktuell wird sie in Kanada gezeigt. Für Deutschland wurden noch keine neuen Daten veröffentlicht.“ (Zitat mit freundlicher Genehmigung).

Wenn ich an zurückliegende Ausstellungen (von wem auch immer) denke, war es in der Regel so, dass der Katalog bzw. das Buch zur Ausstellung begleitend erworben werden konnte. Und nun ist es umgekehrt. Das Buch zum 60. Jubiläum der Stones liegt vor und die Ausstellung hinkt hinterher.. Das kann Edel Books doch nur recht sein, Zumal das Buch auf sehr kompakte Weise die Stones überliefert. Ich habe über 20 Stones-Bücher im Archiv. Im Vergleich dazu ist UNZIPPED durchaus ein Juwel. Unbedingte Empfehlung für ein passendes Weihnachtsgeschenk.

(Heinz W. Arndt)

The Rolling Stones „UNZIPPED“

Edel Books, Hamburg

Deutschsprachige Ausgabe

  • ISBN-13: 9783841907776
  • Umfang: 288 Seiten
  • Gewicht: 2152 g
  • Maße: 321 x 247 mm
  • Stärke: 31 mm
  • VK: 39,95 Euro
  • Erscheinungstermin: 1. Oktober 2021

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