(pe) Die Trompete in Bochum hat wieder einmal überrascht und mit Home Front aus Edmonton, Alberta in Kanada eine in der punkorientierten Newcomer-Szene herausragende Band ins Ruhrgebiet geholt, was an diesem Abend mit fast ausverkauftem Haus gewürdigt wurde.
Mit ihrem wilden Mix aus Hardcore, Post-Punk, New Wave, Hard- und Krautrock schafften es die Kanadier, mit ihren bisherigen Veröffentlichungen einer EP „Think Of The Lie“ (2021) und des aktuellen Albums „Games Of Power“ (2023) eine ordentliche Fanbase auf die Beine zu stellen, die sich aufgrund des Stilmixes gleich aus mehreren Genres zusammenfindet: Synthiestrotzende Musik mit feinen Melodien, immer wieder durchsetzt von brutalen Hardcore-/Punk-Ausbrüchen lassen freudige Gänsehaut sowohl bei Wave-Fans als auch der Punk-Gemeinde entstehen, zudem lässt sich eine offensichtliche Verneigung vor den legendären Joy Division nicht übersehen, was sicherlich zusätzliche Fanfreunde generiert („End Transmission“ vom aktuellen Album ist ein Paradebeispiel für die Joy Division – Affinität).
Mit derart vielen Vorschusslorbeeren garniert war meine Vorfreude auf den Auftritt in Bochum entsprechend groß, und offensichtlich war ich nicht allein mit diesem Gefühl: nachdem die Kölner Hardcorer „TV Cult“ dem noch überschaubaren Publikum ordentlich eingeheizt hatten, füllte sich die Trompete nach dem Support gefühlt von der Bühne bis zu den Toiletten aufs Ordentlichste. Und um kurz vor Neun betrat die fünfköpfige Band um den charismatischen Sänger Graeme McKinnon und den Mitgründer und Synthie-Narr Clint Frazier endlich die Bühne und zeigten mit dem Opener „Crisis“ vom 2023er Album mal direkt, wo es heute Abend lang geht: nämlich mitten auf die Zwölf!
Selten habe ich derart viel Energie auf der Bühne und im Publikum erlebt wie am heutigen Abend. McKinnon springt, luftkickboxt und rennt unaufhörlich über die kleine Bühne und die teils catchy Synthie-Melodien, die man vom Vinyl gewohnt ist, sind zwar irgendwo vorhanden, werden aber hier und heute deutlich von einer reinen und höchstenergetischen Punk-Attitüde weit in den Hintergrund gestellt. Selbst mein persönlicher Favorit „Overtime“, den der Sänger zuvor allen kürzlich verstorbenen geliebten Menschen des Publikums und der Band widmet, gerät phasenweise zu einer „Mitten-in-die Fresse-Power-Ballade“. Die beiden äußerst Joy Division verliebten Stücke „Flaw In The Design“ von ihrer EP und „End Transmission“ von „Games Of Power“ lassen eine Welle von (und hier zitiere ich einen Begriff aus einem Review der Zeitschrift Vision, der einfach passt wie die berühmte Faust aufs Auge) „Wavegaze“ auf das Publikum los, die Tanzwut des Publikums ist entfacht – und spätestens bei den zwei textlich sehr politikkritischen Stücken „Faded State“ und „Nation“ löst eine positiv chaotische Bewegungsexplosion die zuvor genannte Tanzwut ab und bricht um in wildes Getümmel vor der Bühne: angestachelt von McKinnons aggressiven Hardcore-Vocals, bei denen er immer wieder gerne das Mikro direkt in die Gesichter der Frontrow hält, springen und rennen nun auch die ersten fünf Reihen vor der Bühne herum, werfen sich ins und aufs Publikum, crowdsurfen und zappeln in Ekstase. McKinnon selbst wirft sich beim letzten Song vor der Zugabe mit voller Wucht ins Publikum, wird kurz auf Händen durch die Menge getragen und dann schnell wieder für die nächsten Lyrics auf die Bühne zurück verfrachtet. Die Temperatur an diesem mit 10 Grad einigermaßen milden Novembertag ist in der Trompete mittlerweile auf einen heißen Sommertag angestiegen, und der Schweiß läuft selbst im Stehen in Strömen.
Bei all der versprühten Energie kann man es verstehen, dass leider nach knapp 50 Minuten Schluss ist (That´s Punk!) – das Publikum darf noch wählen zwischen „Kill The Time“ und „Focus“, entscheidet sich für letzteren Song, und noch ein letztes mal geht die Post ab: Drummer, Bassistin, Gitarrist und Keyborder holen alles an Aggression aus ihren Instrumenten und Körpern heraus, ein letztes mal springt McKinnon karatekidmäßig mit einem Kranich-Kick in ungeahnte Höhen, und dann ist der Gig vorbei bzw. vorbeigezogen – wie ein dynamitbeladener elefantöser D-Zug auf Speed.
In einigen kurzen Smalltalks mit Bassistin, Gitarrist und Sänger noch auf der Bühne beim Zusammenpacken der glühend heiß gespielten Instrumente kann man sich ob ihrer gelassenen Freundlichkeit und Bescheidenheit irgendwie gar nicht erklären, wo die Band diese Aggression zuvor hergeholt hat. Vermutlich waren sie aber auch einfach leergespielt …
Im Auto auf der Rückfahrt ertappe ich mich dabei, wie ich in Gedanken an das gerade Erlebte mit einem extrabreiten Grinsen in den Rückspiegel schaue – ein deutliches Zeichen dafür, dass dieser Abend grandios großartig war.
Ein herzliches Dankeschön geht an Joe Schmidt – auch für die Akkreditierung, aber vielmehr dafür, dass Du diese Band überhaupt auf meinen Radar gebracht hast!


Weblinks:
https://arewenothomefront.bandcamp.com/
https://die-trompete.de/
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