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This Will Destroy You – Bahnhof Langendreer, Bochum, 06.08.2026

(pe) Es gibt Konzerte, bei denen insbesondere einzelne Songs für Begeisterung sorgen, und es gibt Konzerte, bei denen am Ende eher ein Gesamt-Gefühl hängen bleibt. This Will Destroy You gehören eindeutig zur zweiten Kategorie.

Nachdem ich This Will Destroy You (der langjährige Fan sagt auch gerne TWDY) beim diesjährigen Krach am Bach in Beelen zum ersten mal sehen durfte und der Name mir irgendeine zerstörerische Brachial-Musik-Erfahrung suggerierte, ich 60 Minuten lang eines Besseren belehrt wurde und komplett ergriffen dem Auftritt verfallen bin, stellte ich freudig fest, dass sie quasi „umme Ecke“ in Bochum noch einen Solo-Gig spielen sollten – um 20 Jahre „Band verpassen“ aufzuholen, denn so lange existieren TWDY schon, durfte ich mir dieses Erlebnis nicht entgehen lassen…

Am 6. August also waren die Texaner im Bahnhof Langendreer in Bochum zu Gast – und schon das angekündigte Programm machte den Abend zu etwas Besonderem: „Young Mountain“ aus dem Jahre 2006 und „Another Language“ von 2014 komplett. Zwei Veröffentlichungen, zwischen denen acht Jahre liegen und die ziemlich gut zeigen, wie sehr sich die Band im Laufe ihrer Geschichte verändert hat, ohne dabei jemals wirklich wie eine andere Band zu klingen.

Den Anfang machte Mascara aus Frankreich mit einer imposanten (und lauten!) Mischung aus Alternative und Hardcore. Da musste schon eine Extraportion Tempotaschentuch in die Ohrmuscheln, um für den Hauptact noch irgendwie hörfähig zu bleiben.
Und anschließend gehörte die Bühne ganz allein This Will Destroy You.

Schon bevor der erste Ton erklang, gab es ein kleines Detail, das erstaunlich gut zu dem passte, was in den nächsten Stunden folgen sollte. Emily Xander, die in der aktuellen Livebesetzung an Keyboards, Synths und Bass VI zu hören ist, zündete vor der Show Räucherstäbchen an den Boxen und an ihrem Keyboard an. Nach und nach zog der angenehme Duft durch den Raum. Ob das nun irgendeinem Ritual folgte oder einfach nur für die richtige Atmosphäre sorgen sollte, spielte eigentlich keine Rolle. Es passte jedenfalls perfekt zu einem Abend, bei dem es weniger um eine klassische Rockshow als vielmehr um Stimmung, Klang und Atmosphäre gehen sollte.

Die Geschichte der Band beginnt Mitte der 2000er in San Marcos, Texas: Chris King, Jeremy Galindo, Raymond Brown und Andrew Miller hatten bereits vorher miteinander Musik gemacht, bevor daraus This Will Destroy You entstand. Anfangs wurde sogar noch mit Gesang experimentiert, doch ziemlich schnell stellte sich heraus, dass die Musik ohne Stimme wesentlich besser funktionierte. Aus dieser Entscheidung entwickelte sich schließlich jener instrumentale Sound, mit dem die Band bis heute verbunden wird.

„Young Mountain“ war dabei eigentlich gar nicht als großer erster Wurf geplant. Die Aufnahmen entstanden ursprünglich als Demo, das bei Konzerten verkauft werden sollte. Doch die sechs Stücke entwickelten schnell ein Eigenleben, bekamen Aufmerksamkeit über Texas hinaus und wurden schließlich 2006 regulär veröffentlicht. Rückblickend ist bemerkenswert, wie viele der späteren Markenzeichen ihrer Musik hier bereits vorhanden waren: glasklare Gitarren, lange Spannungsbögen und natürlich die monumentalen Crescendi.

Danach ging die Entwicklung allerdings nicht einfach auf demselben Weg weiter. Auf dem selbstbetitelten Album von 2008 perfektionierte die Band zunächst diesen monumentalen, emotionalen Post-Rock, bevor „Tunnel Blanket“ 2011 einen deutlichen Bruch markierte. Der Sound wurde dunkler, sperriger und stärker von Drone, Noise, Shoegaze und Doom geprägt.

„Another Language“ von 2014 führt diese unterschiedlichen Seiten der Band wieder ein Stück weit zusammen. Die großen Melodien waren zurück, und gleichzeitig ist von der Dunkelheit und den Klangexperimenten der Jahre davor einiges hängen geblieben.

Und genau diese Entwicklung konnte man an diesem Abend gewissermaßen im Zeitraffer erleben.

Meine eigene Perspektive darauf war dieses Mal allerdings eine andere als sonst. Normalerweise gibt es für mich bei Konzerten eigentlich nur einen Platz: erste Reihe, ganz vorne, unbedingt sehen, wie die Musiker ihre Instrumente filigranst bearbeiten (Danke, Karin!). An diesem Abend hatte ich mich jedoch – ganz im Sinne meines eher soundorientierten Schwagers – bewusst dagegen entschieden. Denn wenn bei einer Band auf der Bühne selbst eher wenig passiert und die Protagonisten größtenteils statisch auf ihren Plätzen verweilen, warum dann nicht einmal den bestmöglichen Klang über die unmittelbare Nähe zur Bühne stellen?

Also positionierte ich mich ziemlich genau mittig im sogenannten „Sounddreieck“.

Und diese Entscheidung sollte ich keine Sekunde bereuen.

Denn bei This Will Destroy You geht es ohnehin nicht um große Gesten. Es gibt keinen Sänger, der das Publikum durch den Abend führt, keine Refrains zum Mitsingen und auch sonst kaum etwas, das von der Musik ablenkt. Die Musiker bleiben größtenteils an ihren Positionen. Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit zwangsläufig auf das, worum es hier geht: den Klang. Und der konnte sich von meinem Platz aus tatsächlich (eindrucks-)voll entfalten.

Gerade „Young Mountain“ funktionierte dafür auch zwanzig Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch erstaunlich gut. Zunächst fast vorsichtige Gitarrenfiguren schieben sich langsam übereinander, weitere Schichten kommen hinzu und irgendwann steht da diese gewaltige Wand aus Klang.

Die leisen Stellen sind dabei nicht einfach nur die Vorbereitung auf den nächsten Ausbruch, sondern ein wesentlicher Teil der Musik. An diesem Abend konnte man erleben, was passiert, wenn auch das Publikum das verstanden hat.

In den ruhigen Passagen war es im Bahnhof Langendreer teilweise derart still, dass man tatsächlich die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. Kein permanentes Gemurmel aus den hinteren Reihen, kein Bedürfnis, die leisen Momente mit Gesprächen zu überbrücken. Stattdessen diese bemerkenswerte Ruhe und Konzentration auf das, was von der Bühne kam.

Dadurch bekamen die Momente, in denen Schlagzeug und Gitarren schließlich mit voller Wucht einsetzten, noch einmal ein ganz anderes Gewicht. Man weiß bei dieser Musik häufig ziemlich genau, dass der Ausbruch kommen wird. Manchmal weiß man sogar, wann – und trotzdem erwischt er einen jedesmal eiskalt und brutal.

Visuell hielt sich der Abend angenehm zurück. Projektionen auf die Rückwand gab es überhaupt nicht. Stattdessen beschränkte sich die Inszenierung auf eine sehr stimmige und hervorragend auf die Musik abgestimmte Lichtshow.

Gerade bei den typischen Spannungsbögen funktionierte das hervorragend. Wenn aus einzelnen ruhigen Tönen langsam immer neue Schichten entstanden, entwickelte sich auch das Licht mit der Musik. Es unterstützte den Aufbau, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen, und verstärkte die Wirkung gerade in jenen Momenten, in denen sich die Stücke ihren Kulminationspunkten näherten.

Mehr brauchte es auch nicht.

Keine Videos, keine aufwendigen Animationen, kein visuelles Dauerfeuer. Fünf Musiker, sehr guter Sound und eine Lichtregie, die wusste, wann sie sich zurücknehmen und wann sie die Wirkung der Musik zusätzlich verstärken musste.

„Another Language“ fühlte sich dann im zweiten Teil des Konzerts deutlich dunkler an. Weniger offen, weniger unmittelbar, stellenweise fast bedrückend. Die Gitarren sind weiterhin da, stehen aber nicht mehr allein im Mittelpunkt. Flächen, Geräusche und elektronische Elemente schieben sich dazwischen, alles wirkt dichter und etwas unberechenbarer.

Gerade deshalb war es eine gute Entscheidung, diese beiden Alben an einem Abend gegenüberzustellen. „Young Mountain“ zeigt eine junge Band, die gerade entdeckt hat, wie sich aus wenigen Ideen riesige Klangwelten erschaffen lassen. „Another Language“ zeigt dieselbe Band acht Jahre später, nachdem diese Welt dunkler, komplexer und irgendwie unbequemer geworden ist.

Dazwischen liegen nicht nur acht Jahre, sondern diverse Besetzungswechsel, unzählige Konzerte und eine Band, die wenig Interesse daran hatte, ihr erfolgreiches Frühwerk einfach immer wieder neu aufzunehmen. Zu deutlich sind gerade auf den späteren Veröffentlichungen die Einflüsse aus Ambient, Shoegaze, Drone und Doom.

Was mir an This Will Destroy You live besonders gefällt, ist diese eigenartige Mischung aus Kontrolle und Kontrollverlust. Die Stücke sind präzise aufgebaut, ihre Spannungsbögen klar definiert – und trotzdem gibt es diese Momente, in denen der Klang einfach überhandnimmt: Gitarren verschwimmen miteinander, das Schlagzeug drückt, einzelne Melodien gehen beinahe im Lärm unter und tauchen Sekunden später wieder daraus hervor.

Natürlich kann man Post-Rock vorwerfen, dass viele seiner Mechanismen längst bekannt sind: leise anfangen, langsam aufbauen, irgendwann explodieren. This Will Destroy You erfinden daran 2026 nichts neu. Müssen sie aber auch nicht. Viel interessanter ist, dass sie dieses Prinzip in ihrer eigenen Geschichte immer wieder auseinandergenommen und verändert haben – vom vergleichsweise klaren und emotionalen „Young Mountain“ über die Dunkelheit von „Tunnel Blanket“ bis hin zu den dichter geschichteten Klangwelten von „Another Language“.

Dass ausgerechnet „Young Mountain“ und „Another Language“ an diesem Abend komplett gespielt wurden, machte das Konzert deshalb zu mehr als einer bloßen Reise in die Vergangenheit: hier konnte man eine komplette Entwicklungsreise verfolgen, denn im direkten Vergleich wurde deutlich hörbar, was in diesen acht Jahren mit der Band passiert war.

Nach dem letzten Stück von „Another Language“ schien der Abend zunächst vorbei zu sein. Die Band verließ die Bühne, aber das Publikum hatte offensichtlich andere Vorstellungen und goutierte den Auftritt mit nicht enden wollendem Applaus – bis die vier Herren plus eine Dame schließlich tatsächlich noch einmal auf die Bühne kamen.

Dann genügten drei Töne – mehr brauchte es nicht: kaum waren die ersten Töne von „The Mighty Rio Grande“ zu hören, wurde der Song erkannt – und vom Publikum frenetisch gefeiert. Das Stück vom selbstbetitelten Album von 2008 ist nicht nur einer der bekanntesten Songs der Band, sondern war an diesem Abend auch der nahezu perfekte Schlusspunkt. Es nimmt sich über seine mehr als elf Minuten alle Zeit der Welt, entwickelt sich aus wenigen Tönen heraus immer weiter und wächst schließlich zu einem dieser monumentalen Crescendi an, für die This Will Destroy You stehen.

Nach „Young Mountain“ und „Another Language“ wirkte es fast wie der fehlende Verbindungspunkt des Abends: ein Stück aus der Zeit zwischen den beiden Alben und gleichzeitig eines, in dem vieles zusammenkommt, was diese Band ausmacht – Geduld, Melancholie, Lautstärke und die Fähigkeit, aus einer zunächst einfachen Melodie etwas entstehen zu lassen, das irgendwann den gesamten Raum auszufüllen scheint.

Als „The Mighty Rio Grande“ schließlich sein letztes großes Crescendo erreichte, hätte es kaum einen besseren Abschluss für diesen Abend geben können.

Danach blieb nur noch dieser typische Zustand zurück, den wirklich gute, laute, intensive Konzerte erzeugen: Die Ohren haben endgültig genug bekommen, im Kopf rauscht es noch deutlich nach, und draußen wirkt die Welt für die ersten Minuten merkwürdig still und man selbst hat dieses eingangs erwähnte Gesamtgefühl der glückseligen Entrücktheit – und vielleicht ist das das schönste Kompliment, das man einer Band wie This Will Destroy You machen kann…
(peter)

Setlist:

Quiet
The World Is Our ___
I Believe in Your Victory
Grandfather Clock
Happiness: We’re All in It Together
There Are Some Remedies Worse Than the Disease
New Topia
Dustism
Serpent Mound
War Prayer
Mother Opiate
Invitation
Memory Loss

Encore:
The Mighty Rio Grande

Weiterführende Links:

https://rockblogbluesspot.com/2026/08/11/krach-am-bach-31-juli-01-august-2026-in-beelen-tag-2-samstag/
https://thiswilldestroyyoumusic.com/

Filed under: Konzertphotos, Live Reviews, Postrock, Prog, ,

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