(pe) Es gibt Bands, die nach zehn Jahren erst einmal innehalten, Bilanz ziehen, sich eine kleine kreative Auszeit gönnen und vielleicht drei Monate irgendwo in den Bergen darüber nachdenken, was die vergangenen Jahre mit ihnen gemacht haben, und es gibt KANAAN, bei denen man eher den Eindruck bekommt, dass Ask Vatn Strøm, Eskild Mørtl Myrvoll und Ingvald Vassbø für derartige Selbstbesinnung schlicht keine Zeit haben, weil sie seit einem Jahrzehnt offensichtlich damit beschäftigt sind, immer neue Musik zu produzieren, auf Tour zu gehen, in diversen Nebenprojekten aufzutauchen und irgendwo zwischen Jazz, Heavy Psych, Stoner, Fusion, Spacerock und kontrolliertem Wahnsinn schon wieder die nächste Tür zu entdecken, die man eintreten könnte.
Dass ihr nunmehr zehntes Album zum zehnjährigen Bestehen schlicht „Kanaan“ heißt, wirkt deshalb fast schon folgerichtig, denn kaum ein Titel könnte besser ausdrücken, dass es hier weniger um Rückschau als vielmehr um eine Art musikalisches Selbstporträt geht, in dem all das auftaucht, was diese Band über die Jahre ausgezeichnet hat: die enorme spielerische Freiheit, die Lust an ausufernden Entwicklungen, dieser oft wunderbar stoische Groove, die Jazz- und Improvisationswurzeln, die selbst unter dicken Fuzzschichten nie ganz verschwinden, und natürlich jene Riffs, die inzwischen teilweise ein Gewicht erreicht haben, mit dem sich kleinere Gebäude in Verbindung mit einer entsprechenden Soundanlage vermutlich locker auch ohne jeglichen Sprengstoff dem Erdboden gleichmachen ließen.
Dass im Begleittext zum Album von beinahe „Erdbeben-Territorium“ die Rede ist, wirkt dabei weniger wie großspuriges Eigenlob als wie eine ziemlich treffende Beschreibung dessen, was hier über weite Strecken passiert, denn Kanaan haben ihre ohnehin schon kräftige Mischung noch einmal an mehreren Stellen zugespitzt: Die melodischen Momente wirken klarer und eingängiger, die psychedelischen Passagen dafür umso wilder und ungezügelter, während die bewusst altmodisch wirkenden analogen Klangfarben dem Ganzen etwas angenehm Ungeschliffenes verleihen, das perfekt zu ihrer Musik passt.
Vier Stücke verteilen sich auf rund 44 Minuten, wobei der kurze Opener „P1800“ mit seinen 2:43 Minuten zunächst beinahe den Eindruck erweckt, Kanaan hätten plötzlich Gefallen an kompakten Songformaten gefunden, bevor „Silver Cloud Blues“ mit knapp sieben Minuten Laufzeit, das 13:41 Minuten lange „Ouroboros“ und schließlich der komplette B-Seiten-Füller „The Wonderer (Part I–V)“ mit über 21 Minuten sehr schnell klarstellen, dass diese Vermutung natürlich völliger Unsinn war.
„P1800“ funktioniert dabei wie das Starten eines fetten Motors, der unter der Haube so verdächtig knurrt, dass ein TÜV-Prüfer sich vermutlich noch vor der ersten Probefahrt vorsichtshalber von seiner Familie verabschieden würde, denn Bass und Schlagzeug schieben die Karre sofort mit jener unerschütterlichen Kraft nach vorne, die bei Kanaan jederzeit den Eindruck vermittelt, dass hier gleich etwas völlig aus der Spur geraten könnte …
Beim Titel sei mir die kleine, vollkommen spekulative Nebenbemerkung erlaubt, dass „P1800“ natürlich sofort an den Volvo P1800 denken lässt, jenes wunderschöne schwedische Sportcoupé aus den Sechzigern, und auch wenn es keinerlei Hinweis darauf gibt, dass Kanaan tatsächlich auf dieses Fahrzeug anspielen, passt das Bild einfach viel zu gut: skandinavisches Fabrikat, klassisches Design, ordentlich Zug auf der Hinterachse und vermutlich auch noch dann zuverlässig unterwegs, wenn andere längst qualmend am Straßenrand stehen. Das alles könnte im Opener tatsächlich musikalisch perfekt vertont worden sein.
Mehr als ungewohnt: Nach nur 2:43 Minuten ist Schluss, was zunächst beinahe unverschämt wirkt, sich aber sehr schnell relativiert, denn mit „Silver Cloud Blues“ beginnt jene typische Kanaan-Disziplin, bei der aus einem scheinbar simplen Groove nach und nach etwas viel Größeres entsteht, ohne dass man genau sagen könnte, an welcher Stelle der Punkt erreicht wurde, an dem aus gemütlichem Kopfnicken plötzlich ernsthafte körperliche Höchstleistung geworden ist.
Wer beim zweiten Titel „Silver Cloud Blues“ zunächst einen melancholischen Norweger vor Augen hat, der mit traurigem Blick über einen Fjord schaut und zwölf Takte lang sein schweres Schicksal beklagt, kann die Taschentücher mal direkt wieder wegpacken, denn „Silver Cloud Blues“ hat mit klassischem Blues ungefähr so viel gemeinsam wie ein Düsenjet mit einem gemütlichen Hollandrad:
Eskild und Ingvald bauen ein wunderbar stabiles rhythmisches Fundament, auf dem Asks Gitarre tatsächlich dem Titel folgend eine Blues-Melodie spielt, dabei aber zunehmend ihre Freiheiten genießt, mal knarzt, mal jault, mal nur kurz um die Ecke schaut und sich anschließend wieder in den gemeinsamen Fluss einordnet, wodurch dieses herrlich organische Gefühl entsteht, dass hier kein Song einfach mechanisch abgespult wird, sondern drei Musiker gemeinsam beobachten, wohin sich das Stück von selbst entwickeln möchte. Und nach einer kleinen Zäsur gegen Ende des Stücks brechen plötzlich alle Bluesstrukturen weg und wie ein befreiender Dammbruch ergießt sich aus dem Bluesschema ein alles wegreißender Strom musikalischen Wahnsinns.
Und ganz exakt hierin zeigt sich für mich eine der größten Stärken Kanaans, denn obwohl hier wie selbstverständlich auf allerhöchstem Weltklasse-Niveau gespielt wird, entsteht nie dieser unangenehme Eindruck, drei Virtuosen würden abwechselnd darum kämpfen, wer gerade am eindrucksvollsten demonstrieren darf, was er auf seinem Instrument kann, sondern alles ordnet sich dem gemeinsamen Sog unter, der sich langsam, aber unaufhaltsam verstärkt und am Ende eskaliert – immer gemeinsam, nie gegeneinander –, bis der altbekannte Wackeldackel auf der Hutablage des P1800, der anfangs noch friedlich im Takt genickt hat, irgendwann ernsthaft um seine Halswirbelsäule fürchten muss.
Mit „Ouroboros“ verlassen Kanaan schließlich endgültig das Gebiet dessen, was man noch als gewöhnlichen Song bezeichnen könnte, denn über 13:41 Minuten entwickelt sich hier ein Stück, das seinem Titel erstaunlich gerecht wird, indem es permanent um sich selbst zu kreisen scheint, Motive wiederholt, variiert, leicht verschiebt und immer wieder neu in Umlauf bringt, wobei diese Wiederholungen niemals Stillstand bedeuten, sondern vielmehr wie Spiralen funktionieren, die bei jeder Runde etwas tiefer ziehen.
Der Ouroboros, jene Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt und damit den ewigen Kreislauf symbolisiert, bildet dafür natürlich ein geradezu perfektes Bild, denn auch musikalisch scheint sich alles immer wieder an einen bekannten Punkt zurückzubewegen, nur dass dieser Punkt beim nächsten Durchgang bereits verändert wirkt, dichter, schwerer oder bedrohlicher geworden ist.
Wo andere Bands nach vier Wiederholungen desselben Motivs nervös würden und glaubten, dringend einen Tempowechsel, einen Refrain oder irgendeine andere Form von Abwechslung einbauen zu müssen, besitzen Kanaan das Selbstvertrauen, genau dort einfach weiterzumachen, weil sie wissen, dass die eigentliche Veränderung längst im Inneren stattgefunden hat, und so merkt man irgendwann fast überrascht, dass aus dem zunächst vergleichsweise offenen, beinahe geduldigen Kreisen längst ein massiver Mahlstrom geworden ist, in dem Eskilds Bass zunehmend körperliche Auswirkungen provoziert, Ingvald mit seiner faszinierenden Mischung aus Präzision und kontrolliertem Irrsinn antreibt und Ask über das Ganze immer weitere Gitarrenschichten legt.
Unfassbar stark ist dabei der enorme dynamische Aufbau, der eben nicht mit einem plötzlichen akustischen „Jumpscare“-Knall arbeitet, sondern sich über viele Minuten hinweg kontinuierlich steigert, sodass aus einem zunächst angenehm temperierten Trip fast unbemerkt irgendwann etwas derart Heißes und Schweres geworden ist, dass man sich ernsthaft fragen darf, wer eigentlich den Verstärker angezündet hat und warum niemand auf die Idee kommt, den Brand wieder zu löschen.
Nach der von Asks Gitarre einzigartig gefühlvoll gespielten, geradezu ohrwurmartigen Anfangsmelodie und dem folgenden einfühlsamen Einsetzen von Mellotron und Rhythmik bekommt „Ouroboros“ spätestens in der zweiten Hälfte eine Wucht, die mit dem zurückgenommenen Beginn kaum noch etwas gemein hat, und aus der gemütlich in sich selbst kreisenden Schlange ist unter ambossschwerem, schleppendem Geriffe längst ein ausgewachsener Drache geworden, der allerdings, kurz bevor man erwartet, dass er das gesamte Stück frontal gegen die nächste Felswand setzt, plötzlich wieder gezügelt wird und mit der Rückkehr zur reduzierten Gitarrenmelodie vom Anfang den besagten Kreis schließt, sodass nach 13 Minuten und 41 Sekunden tatsächlich dieses seltene Gefühl entstanden ist, Raum und Zeit seien einem komplett entglitten …
Und dann kommt „The Wonderer“!
Oder besser gesagt: Dann beginnt eine Reise, bei der irgendwann ohnehin vollkommen egal wird, ob man noch von einem Song, einer Suite, einer Jam, einem musikalischen Abenteuerurlaub oder einfach von 21 Minuten gepflegtem Kanaan-Wahnsinn sprechen möchte.
Fünf Teile umfasst dieses Stück, das die komplette zweite Plattenseite beansprucht, und genau dafür, möchte man fast sagen, wurde die Langspielplatte schließlich erfunden, denn wenn schon Vinyl, dann bitte auch mit einem einzigen Stück, das so lange dauert, dass man zwischendurch ohne Plattenumdrehen problemlos vergessen kann, wo man eigentlich gestartet ist, wo man wohl landen wird, oder ob man den Herd ausgeschaltet hat.
„The Wonderer“ funktioniert nicht über permanente Lautstärke oder den Versuch, 21 Minuten lang sämtliche verfügbaren Verstärkerreserven auszureizen, sondern gerade über seine wechselnden Aggregatzustände. Denn immer wieder öffnen Kanaan den Raum, lassen die Musik atmen, reduzieren, verlieren sich beinahe in freieren Passagen und finden anschließend doch wieder gemeinsam zurück in einen neuen Groove, wodurch man fast körperlich spürt, wie aufmerksam diese drei Musiker einander zuhören.
Das passt auch zu dem, was die Band über die Entstehung des Albums erzählt, denn die Aufnahmen im „Athletic Sound“-Studio in Halden scheinen laut Liner-Notes weit mehr gewesen zu sein als einfach ein paar gebuchte Studiotage, sondern eher eine Art komplette Abschottung vom Rest der Welt, bei der neben den drei Musikern nur noch Toningenieur Dag Erik Johansen und die Musik selbst eine Rolle spielten und sich das Studio dadurch beinahe in ein kleines schwarzes Loch verwandelte, in dem offenbar gespielt, gejammt, komponiert und gelebt wurde, bis draußen vermutlich niemand mehr wusste, welcher Wochentag eigentlich war – und genau dieses Versinken in der Musik hört man „The Wonderer“ an.

Selbst in Momenten, in denen die Musik beinahe auseinanderzufallen scheint, bleibt diese unsichtbare Verbindung zwischen Ask, Eskild und Ingvald bestehen, als würden wenige kleine Signale reichen, um jederzeit zu wissen, wohin die nächste Abbiegung führt.
Gerade hier treten auch die Jazz- und Improvisationswurzeln deutlicher hervor, die Kanaan nie vollständig abgelegt haben und die dafür sorgen, dass selbst die schwersten Passagen immer beweglich bleiben, weil unter all dem Fuzz, unter dem Druck und unter den teilweise monströsen Riffs drei Musiker agieren, die jederzeit bereit sind, aufeinander zu reagieren, statt lediglich festgelegte Parts herunterzuspielen.
Wenn „The Wonderer“ nach gut 21 Minuten schließlich endet, fühlt sich das deshalb weniger wie ein klassisches Finale als vielmehr wie die Rückkehr aus irgendeinem musikalischen Paralleluniversum an, wobei „Rückkehr“ vielleicht sogar zu elegant formuliert ist, denn eigentlich wird man eher aus dem Raumschiff geworfen, bekommt noch freundlich sein Gepäck hinterhergereicht und darf anschließend erst einmal wieder herausfinden, wo genau man sich befindet.
Vielleicht ist „Kanaan“ deshalb tatsächlich der einzig richtige Titel für dieses Album, denn nach zehn Jahren und zehn Alben haben Ask, Eskild und Ingvald längst keinen Grund mehr, ihren eigenen Sound irgendwie definieren oder begrenzen zu müssen, weshalb sich Jazzrock, Heavy Psych, Stoner, Fusion, Spacerock und Improvisation hier nicht wie einzelne Zutaten anfühlen, die bewusst miteinander vermischt wurden, sondern längst zu einer eigenen musikalischen Sprache geworden sind.
Auch klanglich passt dazu diese leicht raue, analoge Patina, die eben nicht auf klinische Perfektion setzt, sondern den Instrumenten Luft, Schmutz und Reibung lässt, wodurch gerade die schweren Passagen noch massiver wirken, während die ruhigeren und melodischeren Momente genügend Raum bekommen, um tatsächlich Kontraste zu schaffen.
Vor allem aber klingt dieses Album nach drei Musikern, die einander blind vertrauen und gerade deshalb so frei spielen können, weil niemand mehr beweisen muss, wie gut er ist, weshalb trotz aller Virtuosität nie der Eindruck einer Leistungsschau entsteht, sondern immer der einer echten Band, die nach zehn gemeinsamen Jahren noch immer hörbar Spaß daran hat herauszufinden, was passiert, wenn man einfach weiterspielt, die nächste musikalische Tür aufstößt und schaut, welchen neuen Irrsinn man dahinter noch entdecken kann …
(peter)
Kanaan sind:
Ask Vatn Strøm (guitars, percussion, oscillations)
Eskild Mørtl Myrvoll (bass, synth, mellotron, guitar)
Ingvald André Vassbø (drums, percussion)
Weiterführende Links:
https://kanaanband.bandcamp.com/music
https://www.facebook.com/kanaanband/?locale=de_DE
Filed under: Album Reviews, Fuzz, Hardrock, Heavy Rock, Jazzrock, Psychedelic, Kanaan





