(js) „Die Toten Hosen“ (eigentlich vorher auch schon „ZK“) liefen Anfang der 80er bei mir nicht einfach auf dem Plattenteller, sie liefen in mein Leben. Als „Opel-Gang“ 1983 erschien, habe ich die Scheibe abgenudelt, bis die Rillen wahrlich um Gnade gefleht haben. Der Opel auf dem Cover, die Frechheit, der Lärm, die Geschwindigkeit, dieser Duft von Aufbruch und wohligem Biergeruch. Das war nicht bloß Musik, das war ein Lebensgefühl.
Wie wohl auch bei einigen anderen meiner Generation verlor sich irgendwann die Verbindung. Nicht plötzlich. Eher schleichend. Die Hosen wurden größer, erfolgreicher, stadiontauglicher. Aus Punk wurde zunehmend Deutschrock. Aus rotzigen Drei-Minuten-Songs wurden Hymnen für Zehntausende. Nicht alles war schlecht, vieles sogar handwerklich hervorragend.
Aber manches klang für mich auch austauschbar, zu glatt geschliffen und weit entfernt von jener anarchischen Energie, die mich einst gepackt hatte. Ich hörte weiter hin und wieder rein, aber die große Liebe war auf Stand-by.
Und nun liegt also mit „Trink aus! Wir müssen gehen“ das letzte Studioalbum dieser Band vor. Ein Album, das die Hosen selbst als ihr finales reguläres Studioalbum angekündigt haben. Fast 45 Jahre nach ihrer Gründung schließt sich damit tatsächlich ein Kreis. Das Cover greift sogar bewusst Motive des frühen Opel-Gang-Zeitalters auf.
Ein Album, dessen Titel bereits alles sagt. Trink aus. Wir müssen gehen. Kein Triumphzug. Keine Siegesrede. Was mich beim Hören am meisten überraschte, aber auch erfreute: Dieses Album versucht gar nicht erst, die Jugend zurückzuholen.
Es tut nicht so, als wären die fünf Männer noch Anfang zwanzig. Es gibt keine verzweifelte Verjüngungskur, keinen aufgesetzten Punkrock-Wettbewerb mit Bands, die ihre Enkel sein könnten. Stattdessen klingt die Platte wie das, was sie ist: das Werk von Menschen, die wissen, dass irgendwann die letzte Runde eingeläutet wird.
Und genau darin liegt ihre Stärke.
Viele Songs tragen eine Melancholie in sich, die mir näher ist als jede noch so perfekt reproduzierte Drei-Akkorde-Rebellion. Man hört einer Band zu, die nichts mehr beweisen muss. Die Bilanz zieht, ohne abzurechnen. Die zurückblickt, ohne sentimental zu erstarren. Die immer noch wütend sein kann, aber längst verstanden hat, dass nicht jede Schlacht gewonnen wird.
Die Songtexte sind erwachsen, selbstreflektiert und versöhnlich, ohne die alte Punk-Attitüde komplett abzulegen. Sie verarbeiten genau die Ambivalenz, die womöglich viele Fans meiner Generation spüren:
Die Liebe zur wilden Jugend, die Enttäuschung über „glattere“ Phasen und am Ende die tiefe Dankbarkeit, dass diese Band so lange durchgehalten hat. Es gibt keine Selbstüberschätzung, kein „wir waren die Größten“, sondern eher: Wir haben gelebt, gekämpft, Fehler gemacht, Spaß gehabt und jetzt ist es dann auch gut.
Einige Songthemen:
1. Der Abschied als Metapher (Titeltrack „Trink aus“)
Der Schluss-Song ist das emotionale Herzstück. Er verarbeitet die gesamte Bandbiografie wie einen langen, verschwommenen Rausch:
„Wir steigen aus, hier ist Endstation / Im Kopf nur Bilder, die sich ständig wiederhol’n / Wie es begann, Ratinger Hof / Große Fresse, doch sonst war nicht viel los.“ Es folgen Erinnerungen an frühe Kämpfe („Nazis so klein und wir so groß / Prügelei in Basel, West-Berlin und Offenburg“), den Welterfolg und die Höhen und Tiefen. Der Refrain „Trink aus, wir müssen geh’n / Es wird bald dunkel und es ist schon ziemlich spät“ ist keine dramatische Ansage, sondern ein ruhiger, fast väterlicher Klaps auf die Schulter.
Der Schwur „Bis zum bitteren Ende“ wird eingelöst, aber jetzt ist Schluss. Der Song schließt den Kreis zur „Opel-Gang“-Zeit und verabschiedet sich ohne Bitterkeit.
2. Kontinuität („Wir waren nie weg“)
Dieses Lied ist für mich ein trotziges Statement: Die Band war immer da, auch in Phasen, in denen viele Fans sie „aus den Augen verloren“ haben.
„Mach mal Platz da, fang nicht zu streiten an / Wir sind gekommen, um zu bleiben, irgendwann in den Achtzigern.“ Es wird die eigene Langlebigkeit gefeiert, ohne die Phasen des „austauschbaren Deutschrocks“ (ich nannte es so) zu leugnen. Die Hosen positionieren sich als Konstante im deutschen Rock. Mal lauter, mal leiser, aber nie wirklich verschwunden.
3. Resilienz und Lebensmut („Die Show muss weitergehen“)
Ein sehr menschlicher, fast therapeutischer Song. Er spricht von Erschöpfung („Manchmal fällt dir alles schwer / Bleibst liegen, denn dein Tank ist leer“), Alltagsfrust und dem Zwang, trotzdem weiterzumachen. Der Verweis auf Freddie Mercury unterstreicht: Das Leben (und die Show) geht weiter; auch wenn die eigene Zeit als Band endet. Es ist ermutigend, ohne naiv zu sein.
4. Nostalgie und Vergänglichkeit („Was früher einmal war“)
Hier wird wohl direkt die eigene Geschichte reflektiert: Die Feier ist vorbei, die Pioniere der ersten Stunde sind nicht mehr alle da. Der Song blickt zurück auf die Anfänge und erkennt an, dass die Zeit weitergezogen ist. Es ist eine der melancholischsten Nummern. Passend zu jemandem, der 1983 „Opel-Gang“ kaputt gehört hat.
Der Song „Düsseldorf“ verankert zudem die Band lokal und emotional in ihrer Heimat und erspart Herbert Grönemeyer natürlich nicht zwei liebevolle Breitseiten auf „Bochum“ im Text. Quasi die Retourkutschen für „Wer wohnt schon in Düsseldorf?“ „Schlechte Nachbarn“, wie auch andere Lieder, behalten glücklicherweise ihre so immens wichtige gesellschaftskritische Schärfe.
Titel wie „Nur nach vorn“, „Glück“ oder „Augen zu (Es regnet Blumen)“ bringen Hoffnung, Dankbarkeit und Leichtigkeit ins Spiel. Das Album ist eben kein reines Traueralbum, sondern ein ausgewogenes „Danke und Tschüss“.
„Hier sind die Hosen“ (mit Farin Urlaub) schließt ironisch Frieden mit alten „Rivalen“ und feiert den eigenen Ikonenstatus. Wie großartig ist überhaupt diese Idee, den Opener des Albums komplett von Farin Urlaub schreiben zu lassen (Musik & Text) und mit ihm einzuspielen?
Natürlich ist dieses finale Studioalbum der „Buxen“ keine zweite „Opel-Gang“. Wie sollte es auch? Wer heute auf die Rückkehr der pöbelnden Straßenköter von 1983 hofft, wird enttäuscht werden. Die Zeitmaschine wurde nicht erfunden.
Aber während ich die Platte hörte, wurde mir etwas klar: Vielleicht habe ich all die Jahre auf die falsche Rückkehr gewartet. Nicht die Rückkehr zum alten Punk ist das Thema dieses Albums. Sondern die Rückkehr zu einer Ehrlichkeit, die ich persönlich zwischendurch vermisst habe.
Die Hosen klingen hier nicht jung. Sie klingen wahrhaftig.
Und plötzlich sehe ich mich als Hörer irgendwie selbst wieder im eigenen Rückspiegel. Denke an die erste zerkratzte Vinylplatte. An Konzerte, von denen man dachte, sie würden ewig dauern. An Versionen meiner selbst, von denen einige längst verschwunden sind.
„Trink aus! Wir müssen gehen“ ist deshalb für mich kein Punkalbum und auch kein Deutschrockalbum. Es ist ein Album über Vergänglichkeit. Über die Erkenntnis, dass man irgendwann die Kneipe verlässt, obwohl man eigentlich noch bleiben möchte.
Und vielleicht ist genau das die schönste Pointe dieser Bandgeschichte: Ausgerechnet die „Buxen“, die einst wie eine ewige Jugendbewegung wirkten, verabschieden sich nicht mit Gebrüll, sondern mit Würde.
Als die Platte zu Ende war, hatte ich nicht das Gefühl, ein Meisterwerk gehört zu haben. Aber ich hatte das echte, wunderbare Gefühl, alte Freunde wiedergetroffen zu haben. Freunde, mit denen man sich jahrzehntelang nicht getroffen hat. Die älter geworden sind. So wie man selbst.
„Trink aus! Wir müssen gehen“ ist deshalb für mich weniger ein letztes Album als ein letzter gemeinsamer Kneipenabend. Die Stimmen sind heiser geworden, die Haare, wenn nicht ohnehin schon ausgefallen, grau, manche Plätze am Tisch bleiben inzwischen leer.
Aber für ein paar Stunden sitzt man noch einmal zusammen.
Man erinnert sich.
Man lacht.
Man schweigt.
Und irgendwann geht das Licht an.
Dann erhebt man sein Glas, nickt den alten Freunden zu und weiß: Es war eine verdammt lange Reise. Und sie war es verdammt nochmal wert.
Danke also, liebe Hosen, für all die Jahre zwischen Opel-Gang und „Trink aus! Wir müssen gehen“. Für die Songs, die mich als junger Mensch begleitet haben, und für die Lieder, die mir heute zeigen, dass auch das Älterwerden seinen eigenen Soundtrack haben kann.
Ihr wart nicht immer die Band, die ich gerade hören wollte, aber ihr wart über mehr als vier Jahrzehnte die Band, die immer irgendwie da war. Und das ist am Ende sogar viel wertvoller.
Wenn dieses Album tatsächlich euer letztes Kapitel ist, dann bleibt vor allem Dankbarkeit. Für die Erinnerungen. Für den Lärm. Für die Melodien. Für eure gesellschaftliche und politische Haltung. Und für das gute Gefühl, dass ein Stück meines eigenen Lebens immer auch mit eurer Musik verbunden sein wird…..(jensschmiehoff)
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