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Freak Valley Festival 2026 – Im Vorfeld und der Donnerstag

(jul) DAS Freak Valley Festival. Ein Name, der in der Szene nach mehr klingt als nach einem bloßen Versprechen. Eine Garantie – auf Fuzz, auf Freude, auf Freundschaft, auf eine Auszeit vom Alltag, die sich in den Gehörgängen festsetzt und noch Tage und Wochen später irgendwo im Brustbein klebt. Und eins war deshalb auch in diesem Jahr sicher, als sich die Tore zum AWO-Gelände in Netphen-Deuz am Donnerstag, dem 4. Juni 2026, öffneten: DAS wird großartig!!! Oder nicht…?

(vo) Ich berichte zu Beginn, bevor meine lieben und geschätzten Mitbloggerinnen Jules, Sybille und Yvonne sowie meine Mitblogger Mike und Peter das Geschehen beim Freak Valley Festival 2026 in vorzügliche Worte und Bilder fassen. Nachdem ich Mittwochvormittag noch dem Werksverkauf der Firma Haribo in meiner Nachbarschaft Solingen einen Besuch abstattete, um diverse Artikel aus ihrem Sortiment für unseren Backstagebereich einzukaufen (auch Musiker brauchen mal was Süßes und Saures: sie geben uns ja auch u.a. Süßes und Saures) machte ich mich auf den Weg nach Siegen. Ich hatte dort im Vorfeld ein sogenanntes Monteurzimmer über booking.com gebucht und wurde für diesen erstmaligen und auch im Nachhinein letztmaligen Versuch gezüchtigt!

Sehr spartanisch eingerichtet, das knallweiße Interieur in Schleiflack gebatikt, ein Plastikstuhl zum lieber hinknien vor dem schmalen Brett, das sich Tisch nannte und ein Fenster zum Himmel, der durch diverse Wasserflecken auf dem Glas milchig strahlte. Und in der Nacht zum Donnerstag gab der Lattenrost meines Bettes auch noch in einer Kettenreaktion (es ging klack, klack, klack u.s.w.) dann im Ganzen etwas nach: ich lag mit dem unteren und mittleren Rücken auf der Erde! Die Nacht war um 01 Uhr 53 für mich zu Ende. Und das Feedback dazu: ich bin jetzt schon durch…

Am Morgen bekam ich ein neues Zimmer, das aber Herausforderungen u.a. an meine Handwerklichen Fähigkeiten stellte: z.B. beide Fenster und die dazugehörigen Rollos reparieren. Dazu das bei jeder Bewegung knarrende Bett: egal, unser Freak Valley Festival rief und ich folgte seinem Ruf…

(jul) Da haben meine hoch geschätzte Blog-Kollegin Ilse Kingkongsissi und ich es deutlich besser getroffen. Die Nacht vor der Anreise schön gechillt im heimischen Bettchen ausgeruht und dann gegen Mittag ab Dortmund entspannt auf die Reise ins Herz des Heavy Underground gemacht. Nach einem kurzen, strategischen Umbau im sehr schönen und gut gelegenen Hotel, gut für das angesagte Wetter ausgerüstet und mit dem Wissen, dass der Taxifahrer (vermutlich verwandt oder verschwägert mit den Hotelbesitzern, wie es sich für das Siegerland gehört) uns sicher zum Gelände chauffieren würde, war die Vorfreude greifbar.
Die Schlange am Check-in war erfreulich überschaubar. Ein gutes Zeichen, dachte ich, als die ersten Tropfen vom Himmel fielen. Kein Sturzbach, nur ein leichtes Tröpfeln, das die aufgewirbelten Staubpartikel der letzten trockenen Tage sanft zu Boden zwang. Doch die anfängliche Erleichterung wich schnell einer leisen Kritik: keine aufgeladenen Bändchen am Eingang. Wer sein Guthaben aufladen wollte, musste doch wieder den Weg zur berüchtigten „Garage“ antreten. Und dort? Wartezeiten von 45 Minuten und länger. Ein kleiner Wermutstropfen im sonst so reibungslosen Festivalgetriebe, der die Vorfreude auf das erste Bier ein wenig trübte. Aber hey, wir sind im Valley, und hier nimmt man die Dinge, wie sie kommen. Wir haben uns einen Spaß daraus gemacht und gewettet, dass wir alle 5 Meter mindestens ein bekanntes Gesicht begrüßen und umarmen können – und die Wette ging auf.
Der Donnerstag ist traditionell der Tag, an dem sich das Festival langsam entfaltet, die Glieder gestreckt und die Ohren kalibriert werden.

Den Anfang machten Sunnata um 16:00 Uhr. Die Polen aus Warschau, die ihren Stil selbst als „Shamanic Doom“ bezeichnen, legten einen Soundteppich über den wohlbereiteten Festivalgrund, der meditativ und doch von einer unterschwelligen Wucht getragen war.

Ihre hypnotischen, rituellen Klanglandschaften waren der perfekte Weckruf für die noch etwas schläfrige Menge. Ein Wechselspiel aus Laut und Leise, das die Geister weckte und die Seele auf die kommenden Tage einstimmte. Man spürte förmlich, wie sich die Energie im Valley sammelte, während die Band uns tiefer in ihre tranceartigen Passagen zog, sich dann aber im angekündigten Starkregen entlud. Einige flüchteten unter die Zelte, andere standen weiterhin unbeirrt in der Schlange vor der Garage und träumten noch vom ersten Bier. Andere versorgten ihre schlange stehenden Buddies mit dem ersten kühlen Blonden. Das ist wahre Freundschaft!

Direkt im Anschluss folgten Child aus Melbourne. Um 17:05 Uhr brachten sie mit ihrem Heavy Blues Rock und den fuzzigen Riffs eine ordentliche Portion 70er-Jahre-Vibe auf die Bühne. Ihre kraftvolle Liveshow war eine willkommene Dosis erdiger Energie, die das Publikum langsam, aber sicher in Bewegung brachte. Laut Wetterbericht sollte sich jetzt Sonne durch Wolken kämpfen, aber es regnete sich ein und die einzige Wärme kam von den analogen Klängen der Australier, die den Blues im Blut und den Fuzz im Herzen haben.

(Yv) Die Festival-Maschinerie läuft warm, dritte Band, erste fette Überraschung und zugleich “australische Tage – Teil 2” im Tal der Musik-Bekloppten: BROWN SPIRITS, in der Nähe von Melbourne beheimatet, schmeicheln gleich von Beginn an meinem Gehörgang, krautig-psychedelisch-elektronisches old-school-Gejaule aus der Tastenkiste, der Bass massiert die Bauchdecke, dahinter eine wahre heavy-duty-Schlagmaschinerie. Da lugt so ein wenig Spacemen 3 oder ähnliches, noch älteres Zeug heraus. Die LED-Lichtspiele zaubern passenderdings Omas orangebunte Großmotiv-Tapete in fließender Bewegung in den Hintergrund. Mein Schritt beschleunigt sich noch unter unvollendetem Pizza-Mampf zusehends Richtung Bühnenfront, neuer Song, dieses Mal röhrt Gitarrenecho statt der Tasten, baoaoaoa, Tanzbein, Hüftschwung und Schüttelkopf erwachen aus dem viel zu langen Winterschlaf und meinem Gesicht entströmt ein seliges Lächeln. Genau auch wegen solcher Aha-Momente lieben wir diese drei Tage im Jahr so sehr. Von Null Plan auf volle Begeisterung binnen weniger Minuten.

(jul) Und dann kam der erste richtige Bruch im Programm: Ratsalad. Ebenfalls aus West-Australien angereist, brachten sie um 19:25 Uhr eine völlig andere Energie ins Valley. Vergessen war der hypnotische Flow, jetzt war Punk angesagt! Das Quartett um Bassistin und Sängerin Jazz lieferte eine rotzige, energiegeladene Show ab, die keinen Stein auf dem anderen ließ. Schnelle Riffs, treibende Beats und eine Attitüde, die dem Valley sichtlich gut tat. Es war der perfekte Kontrast zu den eher meditativen Klängen zuvor und zeigte einmal mehr die musikalische Vielfalt, die dieses Festival auszeichnet. Ratsalad waren laut, sie waren schnell und sie hatten sichtlich Spaß daran, das Publikum ordentlich durchzuschütteln.

Um 20:40 Uhr betraten Stoned Jesus die Bühne. Die ukrainischen Stoner-Legenden sind ein fester Bestandteil der europäischen Szene und lieferten eine Mischung aus Doom, Psychedelic Rock und Prog, die das Publikum sofort ab “Here Come The Robots” in ihren Bann zog. Ihre große Festivalerfahrung war spürbar, jeder Ton saß, jede Dynamik passte. Man spürte die kollektive Vorfreude auf „I’m the Mountain“, das natürlich nicht fehlen durfte und die Menge zum Beben brachte. Es war einer dieser Momente, in denen das gesamte Valley mit einer Stimme sang – Gänsehaut pur.

22:00 Uhr: Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs – kurz Pigs x7 – aber Volker zählte bei seiner Ansage fleißig jedes Schweinderl mit den Fingern ab. Eine massive Dosis Stoner Metal mit Psych, Doom und Sludge Einflüssen aus Newcastle (UK), die die Reserven des inzwischen komplett durchnässten Publikums forderte. Ein Sound, der sich wie eine Dampfwalze durch die Menge schob und alles in seinem Weg plattmachte. Sänger Matt Baty wirbelte wie ein Derwisch über die Bühne, während die Band eine Wand aus Sound errichtete, die fast schon physisch spürbar war. Hier gab es keine Gefangenen, nur pure, unbändige Wucht.

Zum Stichwort “durchnässt“: Das Freak Valley wäre nicht das Freak Valley, wenn es nicht bestens vorbereitet wäre. Danke, Hackschnitzel! Der Rasen verwandelte sich nicht in eine Schlammschlacht, sondern blieb erstaunlich begehbar. Ein Segen für alle, die ihre Schuhe und ihre gute Laune bewahren wollten.

Handyphoto Volker

Handyphoto Jules

Und auch Backstage hatte das diesjährige Wetter nicht nur Nachteile. Das AAA-Zelt war ausnahmsweise keine Sauna. Eine Oase mit heißem Kaffee, angenehmer Temperatur und der Möglichkeit, sich zu trocknen. Ein kleiner Luxus, der für uns nach so viel roher Energie und Regen wie ein Geschenk des Himmels wirkte. Danke Rockfreaks! Gut gestärkt und aufgewärmt ging es rüber zur Second Stage.
Das wahre Highlight des Donnerstags, der Moment, der sich in die Gehörgänge und – in meinem Fall – in die Schneidezähne brannte, war der Auftritt von Zerre um 23:00 Uhr. Die Würzburger Thrash-Abrissbirne, die ich seit Scorched Souls [hier der Link zur Album Rezi] verehre, war der wohltuende Kontrast zum Mainstage-Programm.
Die Second Stage, in diesem Jahr deutlich gewachsen, aber zum Glück immer noch ohne Graben, wurde von den fünf Herren amtlich eingeweiht. Von Anfang bis Ende war es ein absoluter Abriss. Die ersten drei Lieder? Ich weiß nicht mehr genau, wo ich stand. Reihe 1, 2 und 3 – je nachdem, wo ich gerade hingeschubst wurde, nahm ich das Geschehen mit. Ein Moshpit, der sich gewaschen hatte, Stagediving, fliegendes Bier, fliegende Haare, fliegende Körper. Und dann passierte es: eine heftige Kopfnuss, die meine Schneidezähne auf eine harte Probe stellte. Ein kleiner Preis für so viel Adrenalin. Danach wechselte ich strategisch an den Bühnenrand, um das Geschehen mit der Kamera festzuhalten – immer noch mittendrin, aber mit etwas mehr Abstand zum direkten Frontalangriff.

Die Setlist, ein Manifest der Zerstörung: Pigs will be Pigs, Deception of the Weak, Mouth of Madness, Inferno of Ignorance, Rotting on a Golden Throne, No Alibi, Deadender, und mein Favorit Closer to Death. Jeder Song ein Schlag in die Magengrube, ein Aufruf zur totalen Eskalation. Und als Rausschmeißer? Ein Cover von Metallicas Whiplash – die perfekte Hommage an die Wurzeln des Thrash und ein letzter, alles zermalmender Akt. Zerre waren nicht nur laut, sie waren eine zutiefst erschütternde Naturgewalt. Ein emotionales und physisches Erlebnis, das sich tief ins Gedächtnis brannte und den Begriff „Highlight“ neu definierte.

Nach dem Zerre-Inferno auf der Second Stage war der Donnerstag auf der Mainstage noch nicht vorbei. Um 23:45 Uhr betraten Coltaine aus dem Schwarzwald die Bühne, um als Mainstage-Headliner den ersten Festivaltag abzurunden. Ihr Sound, eine Mischung aus Doom, Post Metal und Blackened Atmospheres, entführte das Publikum in düstere Klangwelten. Die Musik von Coltaine ist tiefgründig, atmosphärisch und wird getragen von der eindringlichen Stimme meiner Namensvetterin Jules (Julia Frasch). Ihr Gesang geht tief unter die Haut, schafft eine fast sakrale Stimmung und hätte unter anderen Umständen sicherlich auch mich in seinen Bann gezogen. Doch die Wahrheit ist: Nach dem brachialen Abriss von Zerre war meine Energie so aufgeladen, meine Sinne so überreizt, dass für die subtilen Nuancen von Coltaine an diesem Abend einfach kein Raum mehr war. Die gespannte Erwartung, die sich über Stunden aufgebaut hatte und bei Zerre in einer Explosion entladen wurde, ließ keinen Platz für die melancholische Schönheit der Schwarzwälder. Es war, als hätte ich eine unsichtbare Rüstung angelegt, die zwar vor weiteren Kopfnüssen schützte, aber auch die feineren musikalischen Schwingungen abblockte. Ein Jammer, denn Coltaine sind eine großartige Band, deren Musik ich sehr schätze. Aber manchmal ist der Kopf einfach zu voll, das Herz zu schnell und der Körper noch zu sehr im Adrenalin-Rausch, um sich auf neue, tiefgehende Eindrücke einzulassen.
Tagesfazit: Ein Donnerstag, der nach mehr schreit – und nach Schlaf
Der Donnerstag des Freak Valley Festivals 2026 war ein Tag voller Kontraste. Von den meditativen Klängen Sunnatas bis zur brachialen Gewalt Zerres. Von entspannter Anreise bis zur Kopfnuss im Moshpit. Von tröpfelndem Regen bis zum rettenden Kaffee im VIP-Zelt. Es war ein Tag, der zeigte, warum dieses Festival so besonders ist: die familiäre Atmosphäre, die kompromisslose Musik und die Fähigkeit, auch unter widrigen Umständen ein unvergessliches Erlebnis zu schaffen. Als wir in der Nacht ins Hotel zurück fuhren (danke nochmals, Volker, für’s Chauffieren), hallten die letzten Töne von Zerre noch in meinen Ohren und in den Schneidezähnen nach. Bis 2:30 Uhr lag ich wach, der Adrenalinspiegel weigerte sich, sich zu senken. Ein Gefühl der Erschöpfung, aber auch der tiefen Zufriedenheit. Der Donnerstag war ein sehr, sehr würdiger Festival Auftakt.

Photos mike

Filed under: Konzertphotos, Live Reviews,

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