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Keep It Low Issue # 4 – München Feierwerk, 21./ 22. Oktober 2016

_dsc6145(yv) Zum vierten Mal schon zog es die Freunde der Stromgitarre, des lauten Gewummers und bärtigen Flughaarschädels nach München, um im Feierwerk ein neuerlich feines Aufgebot an Künstlern zu feiern und zwei Tage lang unter ähnlich veranlagten Menschen Spaß zu haben.

So brach ich denn des Morgens Richtung München auf und im Zug hatte ich genug Zeit, mir den Festival-Zeitplan nochmal intensiv anzugucken, wohl wissend, dass eine Priorisierung verschiedener Shows wieder einmal sehr schwierig werden dürfte. Eine detaillierte Planung ist eh meist bei Betreten des Festivalgeländes schon obsolet, weil man doch immer wieder Leute trifft, sich verquatscht oder einem eine unerwartete Entdeckung/ Überraschung den restlichen Plan quasi vermasselt, das dann aber im positiven Sinne! Hier folgt also mein unvollständiger, subjektiver, parteiischer aber dafür umso leidenschaftlicherer Bericht:

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COJONES on stage

Der Freitag: Opener waren dieses Jahr die kroatischen COJONES – ja, spanischer Name unter der Gürtellinie. Auf die hatte ich mich echt gefreut und wurde kein bisschen enttäuscht. Sehr kraftvoll, spielfreudig, wild, rhythmisch mit teils balkanesken Einschlägen, dann wieder heftig geradeaus wie Wyndorf & Co. Sehr empfehlenswert, unbedingt im Auge behalten!

Die lokalen SWAN VALLEY HEIGHTS und MOTHER’S CAKE gingen konversationsbedingt leider ziemlich spurlos an mir vorbei, dafür war für SALEM’S POT wieder volle Konzentration angesagt. Normalerweise bin ich nicht der größte Freund von Masken, Verkleidungen etc. auf der Bühne, aber bei den Jungs passt das Ganze, auch wenn man da schon aufgrund des getragenen Minikleids plus ellenlanger, schlanker Beine zweimal hingucken muss und erst beim Anblick von Cowboystiefeln in geschätzt Größe 45 Bescheid weiß. Anfangs etwas theatralisch, dafür ganz eigen und mit klarem Alleinstellungsmerkmal, was diese Combo darbietet. „Launig“ mag auf den ersten Blick nicht unbedingt zu „doomig“ oder „düster“ passen, hier aber schon. Wer kann, sollte sich das auf jeden Fall angucken (z.B. beim kommenden Freak Valley Festival 2017…) Leider musste ich auch dieses Konzert verfrüht verlassen, denn ich hatte da noch einen Termin…

KARMA TO BURN – hach was für ein Fest, diesmal waren sie wieder zu dritt am Start und für mich persönlich wurde das Ganze so etwas wie „Brain to Burn live“. Mit ein paar leider ziemlich teuren Wodka-Cola im Kopp schüttelte ich selbigen quasi nonstop und genoss den Druck, die Stimmung beim größten Teil des Publikums (ja, völlig rotzbesoffene Dauer-Nervbolzen gibt’s leider auch überall), feierte die großartige Musik und tobte mich ausgiebig aus. Hoffentlich sehe ich die bald wieder – Suchtpotential!

An dieser Stelle mal ein ganz persönliches Plädoyer an alle Festivalmacher: Wenn auf jedem Fest irgendwo ein Masseur hocken würde, fände ich das total super! Bei Shows wie obig genannter kommt schon mal ein wenig die in die Jahre gekommene Anatomie durcheinander und am „Day After“ würden die Leute demjenigen nur so das Geld in den Rachen schmeißen. Hihihi.

Aus schon oben erwähnten Gründen verpasste ich ELECTRIC CITIZEN in Gänze, und aufgrund alters- und extremtanzbedingtem Mimimi genoss ich ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten und quasi-religiösen Präferenzen COLOUR HAZE mehr aus der Ferne als sonst immer mittendrin, konnte aber nichtsdestotrotz deutlich vernehmen, dass überraschenderdings richtig viel Improvisation geboten wurde, viele Titel mal in neuer Weise interpretiert, etwas ungewohnt, aber richtig gut.

Und dann war er auch schon vorbei, der erste Tag… Müde Knochen und grinsende Gesichter schleppten sich zur gewählten Schlafstatt und etwas später lullten einen die piepsenden Ohren in wohligen Schlummer.

Der Samstag: Ausgiebig gestärkt zog unser kleiner Tross am nächsten Tag wieder los, die Sonne zeigte sich jetzt auch einmal und sorgte für gute Laune überall, auch wenn das eine oder andere dunkel unterlegte Auge Bände vom vorigen Tag sprach. Los ging’s mit BLACK VOODOO TRAIN im Orange House, der kleinsten der drei Hallen. Ich habe nur mal kurz hineingeschaut, zu kurz um mir wirklich ein Bild zu machen, dann waren MOANING CITIES am Zug – neuerdings dank absolut passendem Tippfehler auch Moaning Cuties genannt. „Hippie-Musik“, die einzige Sitar des Festivals auf der Bühne, soweit ich das mitbekommen habe. Ein Haufen netter Leutchen, die eine tolle Show mit toller Musik machen. Schöner Einstieg in einen langen Festivaltag mit einer Portion Psychedelic Rock’n’Roll, wie sie es selbst nennen. Kann man gerne wieder einmal irgendwo aufspielen lassen, wenn’s nach mir geht.

SAMAVAYO braucht man eigentlich nicht mehr einführen, so langsam dürfte die Band der geneigten Gemeinde allenthalben bekannt sein, und das mit Recht. Jetzt kommt mal so richtig Schwung in die Knochen, die Energie lässt die Ohren wackeln und das Bier fließt mit voranschreitenden Mittagsstunden auch wieder in breiteren Strömen, um die bei diesem Auftritt aufkommende Tanzhitze zu überwinden. Der Schall drückte sich förmlich durch die Türen nach draußen und zieht das Publikum hinein. Klasse Band. Punkt.

Da man sich bekanntlich schlecht vierteilen kann, blieb der Auftritt von BRIGHT CURSE wie zu viele andere auch auf der Strecke.

Dafür gönnte ich mir jetzt ein gutes Stück FATSO JETSON, wütender Rock frisch aus Papas Garage könnte man fast sagen, qualitativ jedoch am oberen Rand, durchaus komplex und doch tanzbar,  Haare und Schweißtropfen fliegen auf und vor der Bühne und Mario Lallis Gesichtskirmes beim Gitarre spielen zeugt von der Power, die die Herren in ihre Musik stecken.

Dann doch nochmal schnell ‚rüber huschen in die andere Halle, denn ich wollte auf keinen Fall TONER LOW verpassen. Ei wie wummert das so herrlich, was scheppert das so schön, was dröhnt das so doll, unendliche Faszination ob der tiefen Frequenzen und der trance-artigen Bewegungen des Publikums im vorgegebenen Rhythmus, fast wie aus Dokumentationen fernöstlicher Mönche beim Gebet. Diese Band ist echt etwas Besonderes, wenn auch ohne Frage Geschmackssache. Wer sich gerne vom Infraschall davontragen lässt, ist hier genau richtig. Mir wäre keine andere Band bekannt, auf die die Beschreibung „Stonerdoom“ im Wortsinne so exakt passen würde.

Die Hör- und Seherlebnisse bei DEADSMOKE und THE ATOMIC BITCHWAX fielen meinerseits diversen logistischen Gründen und grundlegenden Bedürfnissen nach Flüssigkeit – vorzugsweise mit „Geschmack“ – zum Opfer, aber dann…

GREENLEAF, das ist ein Trupp Garanten für riesige Partys und Bombenstimmung. DAS war eine gewaltige, heiße, staubige Welle bester bierschwangerer Samstagabend-Unterhaltung, frenetische Feierlaune verbreitete sich dank mitreißender Show im hämmernden Galopp wie ein Virus, Resultat: ein großer Pulk voller begeisterter Gesichter und zuckender Körper in vollem Haus. Die Schweden + Ex Grandloom Basser Hans  (die wieder einmal gar nicht so klingen) bieten zu ihrem Tourabschluss nochmal ein richtig fettes Programm, Frontmann Arvid peitscht die Massen ein und lässt seine spröde Ausstrahlung spielen. Funktioniert 100%. Dieser Kracher dürfte für viele klar ein Zwischenhöhepunkt gewesen sein und die oft bemühte Bandbeschreibung „Nebenprojekt diverser Musiker blabla“ wirkt eigentlich einfach nur lachhaft.

DUEL und MONKEY3 überließ ich wieder den Massen geneigterer Ohren und konzentrierte mich lieber auf griechische Spezialitäten…(je)Was insbesondere in Sachen der Stoner Rocker aus Lausanne ein Fehler war – um mich hier mal kurz einzuklinken, denn ich bin in diesem Bericht nur „der Fotograf der am Samstag kam“ Auch wenn ich die HerrenMONKEY3  jetzt schon sehr oft live bewundern durfte – sie werden immer besser und sind inzwischen ein Garant der epischen und bombastischen Inszenierung. Auch wenn ich bisher mit den Gesangspassagen auf dem neuen Album meine Probleme hatte – auf der Bühne funktionieren die Songs ausnahmslos gut, der Funke springt über und die Schweizer wurden einmal mehr vom Münchner Publikum frenetisch gefeiert. (Jens)

Tiefhängender Bass, heftige Griffe in die Gitarrensaiten und Trommelgewitter, Heidewitzka, welch‘ Freud‘,  1000MODS are back in town! Wer bis jetzt (aus mir völlig unerfindlichen Gründen) noch nicht geschwitzt haben sollte, bitte sehr, nun ist wohl der richtige, passende Moment gekommen, damit anzufangen! Ein Quantum klassischer tieffrequenter Stoner, eine Prise psychedelischer Sprenkel und Schnörkel zur rechten Zeit, garniert mit einem Klacks Skate-Punk-Geschepper – tadaaaa – fertig ist die Rübe, geradeso wie Teile des Publikums, nach diesem erneut fulminanten Auftritt.

Die Meute verteilt sich drinnen auf die kommenden Programmpunkte, namentlich BLACK RAINBOWS und DOPETHRONE oder fällt über die restlichen Reserven der Stände und der Bar her, denn so langsam geht’s dem Ende zu… aber was für einem! Und wieder dieses Dilemma, wie um in aller Welt fasst man seinen persönlichen Festivalhöhepunkt in Worte, ohne inflationär mit abgedroschen klingenden Superlativen um sich zu schmeißen wie von Sinnen…?

Nick, Jack und Matt, kurz und prägnant: ELDER. Blanker Wahnsinn und Verzückung. Schon reichlich vor Beginn der Show den „Hügel“, sprich die zwei hohen Stufen an der Wand zu erklimmen und sich einen schubsfreien Panorama-Platz zu sichern war Gebot der Stunde. Was habe ich mich wieder darauf gefreut, und wie sehr diese Vorfreude doch berechtigt war. Mächtig Strom auf Gitarre und Bass, mächtig Energie im Schlagzeug-Uhrwerk, hochkomplexe Sounds, Melodien und Rhythmen weit jenseits des Standard-4/4-Taktes für Bewegungslegastheniker, man kann das ganze gut und gerne wiederholt proggig nennen, auch wenn das in manchem Ohr unverständlicherdings fast zum Schimpfwort mutiert. Mein Hirn verabschiedete sich mal wieder zeitweilig in Gefilde auf der anderen Seite des Seins, einfach nur Klang und Rhythmus und Licht, und wenn es dann irgendwann unweigerlich vorbei ist, will man immer nur noch mehr.

Ein wahrhaft krönender Abschluss für ein wieder einmal erlebnisreiches Wochenende inklusive vieler lieber Menschen, Hirnwindungspolitur, Ausgleichssport, Alltagsverdrängung und Gänsehautgarantie!

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Cheers!

Das Drumherum: Der übliche Merch wurde in diesem Jahr etwas erweitert, denn schon beim Gehen in Richtung Gelände kamen den Besuchern Gitarrenklänge entgegen, die eindeutig unter freiem Himmel produziert wurden. Und siehe da, unter einem Pavillon fand sich ein Stand mit Effektpedalen, die sogleich an Ort und Stelle von interessierten Musikern getestet und bei Gefallen erworben werden konnten. Das kulinarische Angebot hingegen war so eine Art „back to the roots“ – ein Stand mit tierischem vom Grill zu akzeptablen Preisen und daneben der altbekannte Klassiker mit veganen Speisen. Für ein Festival immer noch etwas dünn, aber im Zweifel baut man mit einem guten Frühstück/ Mittagessen vor und stürzt sich danach ins Konzertgetümmel.

 

Das Fazit: Mein ganz persönlicher Dank und zugleich mein ebenso persönlicher Appell an die Macher: Lieber Matte, liebes Team rund um SOUND OF LIBERATION und jede helfende Hand, erst einmal ein ganz großes, herzliches DANKESCHÖN! Für diese tollen Tage! Ihr stellt da jetzt schon regelmäßig ein klasse Line-Up und geniales Gesamterlebnis auf die Beine, ganz ehrlich! Nicht zuletzt wegen der sich dort aus allen möglichen Ecken zusammenfindenden musikalischen Randgruppen-Freunde und der Möglichkeit, sich auch einmal Combos mit bis dato etwas unbekannteren Namen anzusehen.

Einziges „Aber“: wenn gerade am Samstag eventuell ein oder zwei Bands weniger spielen würden, und man daher insgesamt mehr mitbekommen könnte, würden garantiert nicht weniger Leute erscheinen, oder das Ganze auch nur einen Deut weniger Spaß machen, eher im Gegenteil! Das doch sehr gestauchte Line-Up schreckt teilweise schon etwas ab. Es ist schwierig, Shows komplett und in voller Länge zu genießen, ohne auf andere Darbietungen nahezu komplett verzichten zu müssen. Etwas schade, wenn man doch auch gerade deshalb zu solchen Festivals kommt, um einmal eine Band zu sehen, die man sonst vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Aber sonst gibt’s nix zu meckern, im völligen Gegentum, wir alle freuen uns schon wie Bolle auf nächstes Jahr! Und das ohne Wenn und Aber! (Yvonne)

https://www.facebook.com/keepitlowfestival

Authentische Handy-Fotos Tag   1:      Yvonne
Psychedelische DSLR-Fotos Tag 2:       Jens

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