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Karl Bartos – Der Klang der Maschine

(hwa) Er war Schlagzeuger und Co-Autor bei Kraftwerk zwischen 1975 und 1990. In jener Zeit entstanden so legendäre Alben wie „Radio-Aktivität“ (1975), „Trans Europa Express“ (1977), „Die Mensch-Maschine“ (1978), „Computerwelt“ (1981) oder „Tour de France“ (1986). In seiner 600-seitigen Autobiografie schildert Bartos sein Leben und gibt höchst spannende Einblicke in die Innenwelt von Kraftwerk und des legendären Kling Klang Studios an der Düsseldorfer Mintropstraße. Ich hab’s verschlungen …

Mein lieber Schwan! Karl Bartos ist nicht nur ein exzellenter Schreiber (als hätte er Journalistik nebenbei studiert), sondern auch ein geradezu unverschämt guter Biograf und Zeitzeuge in Personalunion. Bartos Erinnerungen an seine Kraftwerk-Zeiten vermitteln Unmittelbarkeit – als sei es erst gestern gewesen und wir mittendrin. Das mag seinem musikalisch geschultem Mathematikgedächtnis geschuldet sein. Er perfektionierte seine Vibraphon- und Schlagzeugtechnik am Robert Schumann Konservatorium und genoss eine herausragende klassische Ausbildung in Gehörbildung, Harmonielehre, Kontrapunkt und Formenlehre. Er reüssierte danach bei Dutzenden klassischer Aufführungen an der Deutschen Oper am Rhein und wird sogar zum Probespielen beim Berliner Philharmonischen Orchester (damals unter der Leitung von Herbert von Karajan) eingeladen. Bartos winkt ein Stipendium der Karajan-Stiftung – aber er schlägt es aus. Die Gründe dafür sind im Buch nachzulesen. Und dann führte ihn der Zufall zu KRAFTWERK.

Auf der Zeitreise dahin fährt er im Buch per Pkw seine Kindheit und Jugend ab, beginnend in Berchtesgaden bis hin nach Düsseldorf Bilk. Als er zum ersten Mal „A Hard Day’s Night“ der Beatles hört, beginnt für ihn eine neue Zeitrechnung. Beat und Rock bescheren ihm eine „völlig neue Sicht der Dinge“. Er legt sich „Help“ der Beatles zu und weiß im Grunde nur eins: DAS IST MEIN DING! Er landet schließlich bei den „Jokers“, die sich zu einer der beliebtesten Düsseldorfer Coverbands entwickeln.

Nebenbei ereignet sich aber noch eine Episode in Bartos Leben, die nicht unerwähnt bleiben soll. Er lernt in Düsseldorf Marius Müller-Westernhagen und Bodo Staiger von „Harakiri Whoom“ kennen. Marius, Bodo und Karl beschließen, einen Proberaum zu mieten. Auch der Name der geplanten Band ist schnell gefunden: „Sinus“. Wie wir heute wissen, fand die Band mittelfristig nicht zueinander und trennte sich.

Zu Kraftwerk stößt Bartos durch einen Tipp von Ernst Göbler, seinem Lehrer und Mentor an der Robert Schumann Hochschule. Göbler hatte erfahren, dass die Band noch einen Schlagzeuger für eine geplante US-Tournee suchen, um das kurz vor der Veröffentlichung stehende Autobahn-Album zu promoten. Bartos vereinbart einen Kennenlerntermin im Kling-Klang Studio am 4. Oktober 1974, 17.30 Uhr.

Noch heute pilgern Hunderte weltweiter Kraftwerkfans regelmäßig zur Mintropstraße 16, um ihre geheiligte Stätte im Rahmen einer Stadtführung zumindest von außen filmen oder fotografieren zu dürfen. Das Kling Klang Studio innen ist längst eliminiert. Bartos kann der Fantasie der Fans jedoch auf die Sprünge helfen. Zitat: „Durch ein hochgefahrenes Rolltor ging ich in den Innenhof und hinten rechts die kleine Treppe rauf, über der offenen Tür war ein Schild: Elektro Müller. Ich ging hinein. Ein Treppenhaus, eine Tür, ein winziger Vorraum, noch eine Holztür. Auch die war offen, und ich betrat einen ziemlich großen Raum: etwa 12 Meter mal 6 Meter und ungefähr 6 Meter hoch. Weiße Ziegelwände, die obligaten Eierkartons. Das einzige Fenster war aus Gründen der Schalldämmung mit einem Holzladen verschlossen. An der Decke hing eine Neonröhre, die den gewerblichen Raum in ein fahles Licht tauchte.

Ich erkannte eine altmodische Stehlampe, große Lautsprecherboxen, ein Kinderschlagzeug, eine Orgel. Zwei Jungs kamen auf mich zu und begrüßten mich förmlich, zurückhaltend, freundlich. Offensichtlich waren das Ralf Hütter und Florian Schneider (…) Nach ein wenig Small Talk führten mich die Jungs vor ein merkwürdiges Gerät: das Spielbrett des elektronischen Schlagzeugs, das Wolfgang Flür zum ersten Mal bei einem Auftritt am 10. Oktober in Aspekte gespielt hatte. Heute würde man es als ein Electronic-Percussion Multipad beschreiben. Oben auf diesem Spielbrett befanden sich einige runde Metallplatten, auf den zwei Metallstäbe lagen. Am Boden vor mir eine Art Lichtschalter, der – so wurde mir erklärt – einen Bass-Drum-Sound auslöst. Okay, das war leicht zu verstehen. Ohne mir das Gerät näher anzuschauen legte ich los und spielte ein Pattern, das mir gerade einfiel und wechselte nach ein paar Takten in ein anderes. Leider klapperten die Stricknadeln nicht nur laut auf den Metallplatten, sie hatten auch kein Eigengewicht. Ich spürte daher nicht exakt, wann sie landeten. Andererseits ist man als Schlagzeuger gewohnt, mit jedem Stick auf jeden Gegenstand der Welt einen Rhythmus zu klopfen.“ (Ende des Zitats)

Der Rest ist Geschichte. Bartos wird nach einer Probezeit (Die US und GB-Tour betreffend), als assoziiertes Bandmitglied willkommen geheißen und nimmt die freigewordene Stelle von Klaus Röder ein. Bartos entwickelt sich zu einem unverzichtbaren Mittler zwischen Sound, Technik und Songwrting. Und gehört fortan geschichtshistorisch zum sogenannten „Kraftwerk Classic Line-up“: Ralf Hütter, Florian Schneider-Esleben, Karl Bartos und Wolfgang Flür.

Was Bartos’ Buch so wertvoll macht, ist die Faktenfülle. Das Kling Klang Studio gibt sozusagen sein jahrzehntelang geheim gehaltenes Innenleben preis. Man spürt geradezu körperlich das Try & Error-Gerangel um die Etablierung des bestmöglichen Sounds. Es wird so geschildert, als sei man als stiller Beobachter dabei gewesen. In diesem bemerkenswert dynamischen Soundlabor in der Mintropstraße 16. Hütter und Schneider waren schlichtweg davon besessen, stets das neueste, stets das innnovativste elektronische Equipment mit an Bord zu haben. So entstanden Soundscapes, wie sie die Welt vorher noch nicht gehört hatte.

Insbesondere gilt heute „Trans Europa Express“ als unbestrittene Blaupause für Techno (insbesondere in Detroit) und die Anfänge des Hip Hop. Das führte dazu, dass zum einen Afrika Bambaataa für „Planet Rock“ 1982 den „Nummern“-Beat und die Melodie von „Trans Europa Express“ sampelte. Zum anderen, dass Moses Pelham 1997 für Sabrina Setlurs Song „Nur mir“ den Beat von „Metall auf Metall“ sampelte. (Ohne vorherige Genehmigung – wie es heißt) .Was die Rechtsprechung anbetrifft, steht es gerade „Spitz auf Knopf“. Der Europäische Gerichtshof wird demnächst darüber entscheiden.

Bartos analysiert die damalige Lage und das Binnenverhältnis bewundernswert analytisch. Zitat auf Seite 191: „Damals herrschte eine Art Aufbruchstimmung in der experimentellen Musikwelt.Völlig unabhängig voneinander arbeiteten einige Gruppierungen am Klang einer deutschen Musik. Wodurch sich Ralf und Florian unterschieden, war ihre Fähigkeit, sich zu organisieren. Seit der Zeit des Ralf und Florian-Albums verfuhren sie in den Angelegenheiten der Gruppe Kraftwerk verstärkt nach dem Prinzip >maximale Kontrolle und Autonomie<“. (Zitatende).

Das macht sich nicht zuletzt daran fest, dass sie über eigene Produktionsmittel im eigenen Studio verfügten, ihren eigenen Musikverlag plus Label (Kling Klang) gründeten und als selbständige Produzenten agierten. Ihr Toningenieur Peter Bollig ging ihnen im Kling Klang Studio als fester Freier zur Hand. Zudem ließen sie Roboterpuppen von sich anfertigen, die anstelle der realen Personen auf der Bühne agierten. Das war dem Grunde nach hochphilosophisch und der Zeit meilenweit voraus. Stichwort: Entpersonalisierung und Anonymität im Netz sowie in der Arbeitswelt.

Zurück zu Karl Bartos: Wie er im Buch kolportiert, konnten letztlich Hütter und Schneider gar nicht anders, als Bartos Co-Autorenrechte spätestens ab dem Mensch-Maschine-Album einzuräumen. Sein größter Coup war indes, bei „Computerliebe“ Entscheidendes beizutragen. Coldplay baute die Melodie 2005 in „Talk“ ein. Der Song ging durch die Decke und bringt bis heute eine warme Tantiemendusche.

Ansonsten verstanden sich Hütter und Schneider als Multiplikatoren von Mythos und Legende. Ihre geheimnisvolle Aura wuchs ins Unermessliche. Sie waren die unnahbaren Schweiger in eigener Sache. Bis auf – oh la la – Ralf Hütters Interview im Musikexpress August 2017. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Diesmal vermutlich aufgrund der Kanonisierung von Kraftwerk im Kunstzirkus. Spätestens, als sie im Museum of Modern Art (MoMA), New York, ihre 3-D-Präsentation an ausverkauften Abenden einem entzückten mit Brillen versorgten Publikum präsentierten, war die von Ralf Hütter angedachte Schwelle zur Heiligsprechung erreicht. Da spielen die neuen drei Sidemen auf der 3-D-Bühne eigentlich nur eine Statistenrolle. (Aber werden hoffentlich fair bezahlt!)

Fest steht: Nach dem Rückzug von Florian Schneider in 2007 hat Hütter Kraftwerk reaktiviert und durch die 3D-Präsentation zusätzlich in der Kunstwelt verankert. Wohin er vermutlich immer hin wollte. Er outet sich als Business-Cleverle, dem man kein X für ein U vormachen kann. Vermutlich sind Kraftwerk heute populärer denn je. Ihre 3-D-Konzerte sind im Nu ausverkauft – überall auf der Welt.

Einmal begegnete mir Hütter pedalmäßig entlang des Rheins. Der nackte Zufall! Meine Ansprache: „Hallo, Herr Hütter, ich grüße Sie, please stop“ wurde duch vermehrtes Treten in die Pedale beantwortet. Nach dem Motto: Huch – hat mich da jemand erkannt?

Ich möchte das Studium dieser Karl Bartos Autobiografie wie folgt zusammenfassen: Da schreibt jemand, der wirklich weiß, wovon er spricht. Sozusagen aus dem Auge des Hurricanes heraus.

Es war für mich ein sowohl haptisches wie auch sinnliches Vergnügen, mich in dieses Buch zu vertiefen. Und wie es mit Bartos nach dem Ausstieg bei Kraftwerk weiterging, erzählt er selbstredend auch.

Dank an Karl Bartos und Dank an den Lübbe Verlag.

Dieses Buch ist äußerst erhellend und öffnet eine Menge neuer Horizonte.

Unbedingte Kaufempfehlung!

(Heinz W. Arndt)

Karl Bartos „Der Klang der Maschine“

Verlag: Eichborn im Lübbe Verlag

Einband: Gebunden

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 9783847906179

Umfang: 602 Seiten

Gewicht: 761 g

Maße: 221 x 146 mm

Stärke: 44 mm

Buchhandelspreis: 26,00 Euro

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