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Horst Hansen Trio – Live in Japan

(tn) Die erste Verschiebung, die dieses Album liefert, besteht in der Diskrepanz zwischen Bandnamen und Coverphoto, das insgesamt fünf Bandmitglieder abbildet. Das Line-Up bestätigt die Vermutung: ein Trio mit fünf Bandmitgliedern. Das fängt ja gut an. Nichtsdestotrotz suggeriert das Albumcover eine merkwürdige Spannung – zwischen Musik und Band, zwischen Cover und Realität. Worauf warten wir noch – Nadel in die Einlaufrille.

Ja, es ist erschütternd. Es wurde auch nicht Live in Japan aufgenommen. Aber jede Band, die etwas auf sich hält, so die Band, hat ein Album das „Live in Japan“ betitelt ist. Das Quintett scheint mit dem verfremdenden Moment der Wirklichkeitsbrechung zu arbeiten. Und dann erkennt man an der Wand, auf dem Coverphoto, einen Hinweis auf Köln, und dann ist es ein Imbiss, in dem die Musiker sitzen und wer von ihnen ist jetzt Horst Hansen? Stutzig macht allein das renommierte Jazzhaus Label, auf dem das Album erschienen ist. Es gibt nur eine Möglichkeit, die Fragen zu beantworten!

Nadel in die Einlaufrille der A-Seite und es beginnt mit „Inselmythos“. Und nein, es ist kein Ambient-Jazz, der aus den Lautsprechern kommt. Ein bisschen Weißes Rauschen beschreibt es wohl am besten. Mit dem Rauschen kommt die Stimme eines vermeintlichen Radiomoderators, der sich als Mitarbeiter eines Inselradios zu erkennen gibt eloquent die beginnende Radioshow anmoderiert. Klangkonserven aus der Vergangenheit treffen auf ein fünfteiliges Trio. Bruchstücke dieser „Radioshow-Informationen“ tauchen verteilt über das ganze Album immer wieder aus dem Nichts auf, bereichern die musikalischen Ausführungen der Band, brechen immer wieder den musikalischen Vortrag. Das „Hansen Trio“ aus den Sechzigerjahren ist mit Tanzmusik am Start.

Aber die Teile des Albums, also wo es um Musik geht, können sich hören lassen. Lässiger Jazz mit ambitionierter Rhythmustruppe kommt aus den Lautsprechern. Die Bläser setzen großartig und druckvoll ein und ein von Funk getriebener Beat jagt den Hörer durch das Album. Hier bekommt man exzellenten Fusion-Jazz zu hören, systematisch angereichert mit Electronics, Folk, starken Beats, die manchmal fast wie Techno klingen und lässigen Psychedelic Rock. Dazu bestechend lange und sehr klare Melodielinien, wie man sie gerne zu langen Kamerafahrten durch beeindruckende Landschaften hören möchte. Schwerelosigkeit und Leichtigkeit stehen hier im Vordergrund. Die Verschmelzung der vermeintlich heterogenen Elemente kann man nach dem Hören des Album als rundum gelungen bezeichnen.

In diesen Spannungsverhältnissen bewegt sich „Live in Japan“: ein überraschend interessantes, sehr unterhaltsames und vor allem hörenswertes Album. Eine der großen Überraschungen des Jahres. (Thomas Neumann)

Kleiner Nachtrag: Die Auswahl der Tracks ist auf dem Silberling eine andere. Einfach auf Bandcamp mal in das Album hineinhören. Trotzdem ist Vinyl die bevorzugte Wahl.

Label: Jazzhaus Records
Format: LP
VÖ: 2020

Tracklist:
• A1 Inselmythos (Overture)
• A2 Fusskampf
• A3 Mr. Mendiola
• A4 Malroy
• B1 Urwerk
• B2 Emil Gulla
• B3 Karl For Justice
• B4 Tanzmusik (Prelude)
• B5 Orchesterfahrt (Finale)

Line Up:
• Sebastian „Heinz“ Ascher – Bass
• Till „Eberhardt“ Menzer – Schlagwerk
• Hans-Dieter Zimmermann – Tasteninstrumente
• Lukas „Manfred“ Weber – Saxophon
• Linus „Otto“ Klitzing – Trompete

Web
FB: https://www.facebook.com/horsthansentrio
Webseite: https://www.horsthansentrio.com/
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Hansen_Trio
Bandcamp: https://horsthansentrio.bandcamp.com/album/live-in-japan
Discogs: https://www.discogs.com/de/artist/1817432-Horst-Hansen-Trio

 

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