„Memento Mori“ und „Everything, Everywhere, All at Once“
(pe) Mit „Getaway“ hauen Mouth ihren mittlerweile vierten Longplayer (und ihr sechstes Vinyl) raus – und um es vorwegzunehmen: sie lassen es mal so richtig krachen!
Für dieses Album verantwortlich zeichnen Nick Mavridis (Drums), Gerald Kirsch (Bass – ihm ist das Album in loving memory gewidmet) und Christian Koller (Gitarre, Keyboards) mit Additional Recordings von Christian Koller (Vocals, Gitarre, Keys), Thomas Johnen (Bass, Gitarre) und Nick Mavridis (A bit of everything) – sie kommen aus Köln, klingen jedoch international und wie Zeitreisende aus 60ies oder 70ies Swamprock-Gefilden, und werden gerne in die Krautrock/Prog-Schublade gesteckt. Diese Genre-Einordnung ist sicherlich den komplexen Strukturen ihrer Songs geschuldet, durch die sich eine deutliche Neigung zu Prog- und Jazz-Rock mit vielen Improvisationsparts ausmachen lässt.
Waren Experimente mit Synthesizern und anderen Non-Standard-Rockband-Instrumenten Ende der 60er/Anfang der 70er noch bahnbrechend neu und erfuhren im selbstironisch für Deutsche Bands benannten Genre „Krautrock“ durch Bands wie Can, Birth Control, Tangerine Dream oder Bröselmaschine eine komplett neue Auslotung, nutzen Mouth deren Einsatz natürlich mittlerweile virtuos selbstverständlich und geben damit ihren Prog-Tendenzen einen feingeschliffenen psychedelischen Touch mit auf den Weg.
Nach „Rhizome“ von 2009, „Vortex“ von 2017 (https://rockblogbluesspot.com/2017/05/21/mouth-vortex-release-party-am-19-5-2017-koeln-tsunami/), „Floating“ und „Live´71“ von 2018 (https://rockblogbluesspot.com/2018/02/16/mouth-floating/) und „Past, Present, Future“ von 2019 (https://rockblogbluesspot.com/2019/06/18/mouth-past-present-future/) und verbunden mit einem Labelwechsel von Tonzonen zu This Charming Man schlagen Mouth mit „Getaway“ eine durchaus härtere Gangart ein und veröffentlich ein äußerst reifes und konzeptionell durchdachtes Album, das von Anfang bis Ende mitreißt. Gemastert und damit geadelt wurde das Album von Eroc.
Direkt der Opener „Getaway“ bietet in seinen fast 23 Minuten Spielzeit eine derart komplexe Vielfalt an Stilen, Ideen, Rhythmen, Stimmungen und Kreativität, dass es den Hörer förmlich aus dem Sofa haut. Hier steckt alles für´s Progrocker-Herz nur erdenklich Mögliche in einem einzigen Song und wirkt wie eine ultimative Crossover-Melange, die 50 Jahre Musikhistorie in 23 Minuten hineindestilliert. Derart versatil, dass ich sicher bin, auch im 100sten Durchlauf noch neue Dinge zu entdecken, die mir vorher nicht ansatzweise aufgefallen sind.
Hammond-Orgel, klassisches Klavier, Mellotron, Spinett, Sitar – das alles meinen meine glühenden Ohren irgendwo zu entdecken, und mag diese Multiinstrumentalisierung auch vermutlich der eingangs erwähnten virtuos eingesetzten Synth-/Soundboards-Landschaft entspringen, so nimmt jedes Instrument für sich mich mit auf einen eigenen kleinen Trip in diesem großen 23-Minuten-Universum. Alle nur erdenklichen mit einer klassischen Rockband antastbaren Genres von Prog-, Rock-, Space-, Garage-, Jazz-, Kraut- oder Artrock werden in diesem einen Song unglaublicherweise zu einer komplett stimmigen Masse verbunden. Die in Getaway verbauten Ideen hätten anderen Bands durchaus ausgereicht, um 2 bis 3 komplette Alben drumherum zu bauen – nicht so Mouth: sie geben uns quasi wie der diesjährige Hollywood-Oscar-Gewinner „Everything, Everywhere, All at Once“ – „Alles, Überall und Auf Einmal“, jedoch statt visuell in diesem Falle auf rein auditive Art und Weise. Und ich persönlich glaube, dass eben diese Konsequenz des gnadenlosen, fast verschwenderischen Umgangs mit kreativen Ideen Mouth zu einer der interessantesten Bands der Szene macht.
Nach dem Opener muss man unweigerlich eine Hörpause einlegen, um all das, was einem um und in die Ohren gehauen wurde, erst einmal zu verarbeiten … nicht unbedingt nur musikalisch übrigens, denn das Album beinhaltet ein Narrativ, dass sich über sämtliche Songs erstreckt: es behandelt die Thematik einer ausweglosen Flucht, die schlussendlich leider nicht in einem Happy End mündet …
Und so geht es dann nach dem „Getaway“ im zweiten Song weiter mit der Flucht „On the Boat“: ein fantastisches treibendes Riff, das dem gesamten Song unterlegt ist, gepaart mit Christians markanter, mitunter gewöhnungsbedürftiger, schneidender, fast „ätzender“ (in einem rein chemischen Sinne) Stimme untermalt die Hektik und Angst des Eskapisten hier mit einer unter die Haut gehenden Eindringlichkeit. Dieser Song zusammen mit dem folgenden Instrumentalstück „Asylum_Sea“, das mit wunderschönen Gitarren-Overlays arbeitet sind hier meine Anspieltipps, bevor man sich an den „Getaway-Brocken“ wagt.
„Purge & Hunt“ als viertes Stück führt musikalisch und wiederum das Narrativ mit schmerzender Eindringlichkeit verstärkend die Ausweglosigkeit und Verzweiflung der Protagonisten vor Augen (bzw. besser vor Ohren): fast schon brachiale Rhythmen und nihilistische Lyrics („No … there´s no place to hide now! / There´s no more place to stay / My getaway has come to end / No exit light or sign) wechseln in diesem zweigeteilten Stück in wiederum einen treibenden , die „Jagd“ verdeutlichenden Rhythmus, bis es schließlich heißt „Get him / Hold him / Chain him / Tight!“ und damit auch der letzte Funke Hoffnung auf ein erfolgreiches Entfliehen vernichtet wird.
„Once“ schließlich ist textlich eine Reflektion der Vergangenheit des gescheiterten Flüchtlings, das Einsetzen der Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“, als das Leben noch unbeschwert war. Es geht um schwindende Erinnerungen im Alter und die Unwiederbringlichkeit der Vergangenheit: „Once upon a time / when everything was fine / when all these things were just far away / so long ago when we were young it was good“.
Die finalen gesungenen Worte auf diesem Album lauten dann „ All of these lives / we used to live them / Now they´re gone and away!“ deuten nicht nur an, sondern machen unmissverständlich klar, dass es am Ende dieser Flucht kein Happy End gibt – Alles ist vergänglich, unweigerlich endlich …
Stakkatoartige Hammond-Orgel und ein herrliches auflösendes Gitarrensolo am Ende unterstreichen die erschütternde Erkenntnis des Protagonisten, und als Hörer ist man erschöpft ob dieser Tour de Force, die man fiebernd miterlebt hat, bei der man sämtliche Hoffnung geteilt hat und nun am Ende steht mit der berühmten Erkenntnis des Memento Mori. Diese erschütternde Erkenntnis spiegelt sich sicherlich auch im ausgewählten düsteren Artwork „Apokalyptischer Traum II“ des Kölner Malers und Kunstprofessors Hans Rolf Maria Koller von 1972 wieder.
Wie zur Versöhnung, zur Katharsis, zum Puls-Entschleunigen schenken uns Mouth mit „Drowning“, dem letzten Track des Albums, einen Moment der Ruhe nach dem Sturm. Weiche, wabernde Synthie-/Mellotron-/Piano-Klänge fühlen sich an, wie ein zuvor aufgewühltes Meer, das nun final zur Ruhe kommt. Und mit den letzten gischtsprühenden Wogen verschlingt das Meer der Zeit den Menschen – und wartet auf den nächsten Flüchtling …
„Getaway“ ist ein intensives, musikalisch und erzählerisch äußerst forderndes Album, das sich dem Hörer erst nach und nach erschließt. Neben der musikalischen Komplexität insbesondere des unglaublichen Einstiegs mit „Getaway“ gibt gerade das konzeptartige Narrativ dem Album eine beim ersten rein tonorientierten Hören nicht erahnbare Vielschichtigkeit: wer hier wovor flüchtet, ist bewusst offengelassen und der Interpretation des Hörers überlassen, und bei jedem neuen Hördurchgang entsteht eine ebenso neue Eigeninterpretation der Geschichte: von Flüchtlingsthematik mit überbesetzten und kenternden Booten auf offenem Meer über Kriegserlebnisse unschuldiger Betroffener in Krisengebieten, das einfache Ausgeliefertsein des Menschen gegenüber Politik, Konsum, Technologie, etcpp – bis hin zur Metapher für das Leben und den Versuch des Menschen, das Thema Tod und Sterblichkeit zu verdrängen.
Es ist ein Paradebeispiel für die hohe Kunst des Musizierens nicht nur um der Musik willen, sondern um mit der Musik gleichzeitig eine Geschichte zu transportieren, zu provozieren und zum Nachdenken über die existentiellen Themen des Menschseins anzuregen … vielleicht ist aber auch gerade der nihilistische Ansatz des unweigerlichen Scheiterns reine Provokation hinter der sich die durchaus positive Botschaft des Carpe Diem versteckt… wie auch immer – Fakt ist: es gibt viel zu entdecken auf „Getaway“, auf mehreren Ebenen, mit etwas Glück findet man eventuell sogar ein wenig mehr über sich selbst heraus – oder man genießt einfach ein irre gut gespieltes Stück Musik …(peter)
Tracklist:
1. Getaway
2. On The Boat
3. Asylum_Sea
4. Purge & Hunt
5. Once
6. Drowning
https://mouthprog.bandcamp.com/album/getaway
Filed under: Album Reviews, Art-Rock, Classic Rock, Garage Rock, Jazz, Krautrock, Prog, Space, Mouth - Getaway, This Charming Man Records





