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14. Alterna Sounds Festival – Sputnikhalle Münster am 11.04.2026

(jul) Das 14. Alterna Sounds Festival in der Sputnikhalle Münster eröffnete unsere Festival Saison unter besten Bedingungen. Bei fast sommerlichen Temperaturen liefen wir seitens des RBBS gleich zu viert (Sybille, Peter, Jules, Volker) im Outdoor-Bereich am Hawerkamp auf – bei chilliger Atmosphäre, wie man sie von den Veranstaltungen der Krach am Bach-Crew gewohnt ist. Man trifft viele Bekannte, quatscht mit den Bands und genießt das Leben. Fast war es ein bisschen schade, dass die Outdoor-Stage nicht aktiviert wurde, aber das Line-up, das Klaus Hartmann wieder einmal hervorragend kuratiert hatte, versprach auch drinnen genug Hitze.

Wedge

(jul) Noch draußen plauderten wir entspannt mit Holger „The Holg“ Grosser und Kiryk Drewinski von Wedge. Kurz vor ihrem Auftritt verabschiedete sich Kiryk trocken mit den Worten „Mir ist kalt“ – nur um wenige Minuten später, ohne selbst zu verglühen, die Mainstage komplett zu grillen. Als Opener um 17:00 Uhr fackelten die Berliner ein Fuzz-Inferno ab, das die Halle sofort auf Betriebstemperatur brachte. Wedge sind live eine absolute Macht: Kiryk entlockte seiner Gitarre diese dreckigen, knarzigen Riffs, die sich wie flüssiges Blei durch den Raum wälzten, während Holger an den Drums einen unerbittlichen, treibenden Groove vorlegte. Was Wedge so stark macht, ist dieses Spannungsfeld aus Kontrolle und roher Kante: Alles sitzt, aber nichts wirkt glattgebügelt. Der Sound bleibt rau, kantig, lebendig. Man spürt jede Note, jeden Schlag. Es ist ein Cocktail aus High Energy Fuzz’n’Roll, der keine Gefangenen macht und direkt in die Beine geht. Neues Material gab es zwar nicht auf die Ohren, dafür aber eine wunderschöne marmorierte Neupressung ihres letzten Albums „Like No Tomorrow“ am Merch-Stand. Wedge bewiesen einmal mehr, warum sie ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der europäischen Underground-Szene sind.

Thomas Greenwood & The Talismans

(pe) Schon beim Betreten des Raumes mit der Second Stage lag dieser flirrende, staubige Vibe in der Luft – als hätte jemand die Hitze eines italienischen Sommertages direkt in den Raum gepumpt.

Was dann folgte, war eine wuchtige Klangreise irgendwo zwischen psychedelischem Sixties/Seventies-Delirium mit Surfbrett unter´m Arm, italienischer Gesangsfolklore und dreckig-staubigem Stoner-Groove. Thomas Greenwood & The Talismans aus Bergamo verstehen es nahezu perfekt, eben noch schleppend, schwer, fast bedrohlich zu klingen – nur um im nächsten Moment in luftige, schwebende Passagen aufzubrechen.
Was sie vom typischen Stoner-Genre deutlich unterscheidet, ist ihr Fokus auf Flow, Trip und Atmosphäre statt auf schwergewichtige Riffs und Grooves. Sie sind aber auch keine klassische Retro-Psych-Band, sondern haben ihren ganz ureigenen Stil entwickelt, den man vermutlich am ehesten als jam-getriebenes Psychedelic-Projekt mit Stoner-Kante benennen kann.

Um mich herum blickend sehe ich viele geschlossene Augenpaare, rhythmisches Kopfgenicke und zufriedene und zutiefst glückliche Gesichter. Nach dem letzten Song stehen die drei Italiener fast etwas ungläubig vor dem ihnen entgegenhallenden begeisterten Publikums-Echo – sie haben die Anwesenden definitiv mitgenommen auf ihrem Trip und sind schließlich die einzige Band an diesem Abend, der das Publikum trotz des straffen Zeitplans eine Zugabe abringen kann. Da kann man vor Begeisterung schon einmal im Eifer des Sound-Gefechtes seine Sonnenbrille verlieren, wie Sänger/Gitarrist Thomas Mascheroni (der übrigens ebenfalls bei Humulus singt und die Gitarre schwingt) geschehen – beim Plattenkauf am Merch sehe ich die Musiker hinterher lachend darüber diskutieren, ob man der komplett verbogenen Brille nicht einfach ein Preisetikett anpappen und sie als Merch-Unikat dieses denkwürdigen Auftritts verkaufen sollte … haben sie dann nicht getan – schade, ich hätte sie gekauft!

West-Coast-Vibe trifft europäische Jam-Kultur – und hat selten spannender geklungen als am heutigen Nachmittag in Münster. (Peter)

Aptera

(vol) Als nächste Band ergab sich für mich endlich die Gelegenheit Aptera live und in viele Farben getaucht zu erleben: Vier Frauen aus vier Ländern, Hauptbeheimatung in Berlin: Celia – Gesang, Bass, Michela – Gesang, Gitarre, Renata – Gitarre, Backgroundgesang und Sara – Drums und Backgroundgesang. Unser Blogkollege Tobias besprach im September 2025 ihre Veröffentlichungen „Aptera“ als EP und den Longplayer „You Can´t Bury What Still Burns“ (hier nachzulesen) und die machten mich sehr neugierig weil sie laut seiner Rezi verschiedene Einflüsse und Stile in ihrer Musik verarbeiten: Doom, Psychedelic, Punk, Sludge, Stoner, Thrash und klassischen Metal. Las sich sehr variabel und wurde von der Band in sieben Songs heute abend auch so und großartig umgesetzt und entpuppte sich als harter, heftiger, auch melancholischer Kontrast inmitten der anderen Bands die heute hier auftraten. Mir gefielen auch die wechselndem Gesangsparts: Michela und Celia verfügen über gute Stimmlagen. Renata und Michela kreisten mit ihren Saitenattacken durch den Hauptsaal des Sputnik eben wie Sputniks, Celia unterfütterte mit ihren Bassreisen den sehr kompakten Sound und Sara prügelte das Ganze gnadenlos noch vorne. Feine Band und ich wünsche ihnen viel Erfolg auf ihrem weiteren Weg!

Highest Primzahl On Mars – 20:15 Kleine Bühne Sputnikhalle

(Syb) Ein Raktenstart ist aus Sicht der Astronauten eine extrem intensive Erfahrung, die von hoher Anspannung, enormen auf den Körper wirkenden Kräften und einem schwinderlerregend rasanten Übergang von der Erde ins Weltall geprägt ist. Wenn man von „Highest Primzahl On Mars“ zum Trip ins All eingeladen wird, sollte man genau darauf gut vorbereitet sein, um das Erlebte später physisch wie psychisch verarbeiten zu können.
Als die vier Weltraumpiraten Frank, Uli, Gerd und Arun aus Frankfurt am Main die kleine Bühne entern, liegt greifbare Spannung in der Luft. Die Projektoren der Phosphorvisuals aus Nijmegen sind warmgelaufen, also werden die Triebwerke gestartet:
20:15 Aufregung, Konzentration, Wartung, finale Systemchecks.
20:20 Zündung mit dem ersten Track „Curved Nothing“ vom aktuellen Album.
20:25 Die Rakete hebt langsam vom Boden ab, Leibes-Vibration setzt ein, die Herzen wumpern, G-Kräfte wirken auf den Körper, Maximum Dynamic Pressure wird erreicht.
20:30 Boostertrennung und orbitaler Eintritt mit dem zweiten Jam „Dwarfs On A Hill“. Die gesamte Besatzung des Raumschiffs ist in Bewegung.
20:50 Schwereloser Tanz, die Reise führt mit dem dritten Song „Mind is coming“ direkt durch Meteoritenstürme hindurch. Die repetetiven Muster und Rhythmen, der schwer treibende Groove sind bis in die hinteren Gehirnwindungen gedrungen und geben die Sicht auf phosohorbunte, kosmische Staubwolken frei. Die unfassbar grossartigen Visuals verursachen Visionen, es herrscht totale Ekstase.
21:00 Wir nähern uns langsam wieder dem Boden der kleinen Sputnikhalle. HPOM treten daher sanft auf die Bremse und drosseln mit „Escape From Moronia“ das Tempo, jedoch verursachen die hohen G-Kräfte beim Bremsvorgang tiefe und schwere Grooves und das Atmen fällt zunehmend schwer.
21:15 Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre werden alle Astronauten mit „What“, dem Titelsong des aktuellen HPOM Albums, noch einmal auf einen knackigen, wilden Ritt geschickt und ordentlich durchgeschüttelt, bevor HPOM gegen 21:20 eine Bilderbuch-Landung auf der Erde hinlegen.
21:21 Ich kann jetzt glücklich sterben.

Daily Thompson

(jul) Mein persönlicher Höhepunkt des Abends gehörte jedoch der Dortmunder Desert-Grunge-Maschine. Als Daily Thompson mit dem Tourbus auf den Hof rollten, war das Hallo groß – überschwängliche Begrüßungen und Geknutsche zeigten, wie tief das Trio in dieser Szene verwurzelt ist. Um 21:40 Uhr übernahmen sie dann mit leichter Verspätung die Mainstage. Sie starteten direkt mit Nimbus rein, und der Drive war wie immer: bombige Energie, eine Dampfwalze aus Grunge und Stoner-Psyche, die alles niederwalzte. Mephi bearbeitete ihren Bass mit einer Hingabe, die man spüren konnte, während Danny seine Riffs wie Peitschenhiebe durch die Halle jagte und Torsten „Babblz“ das Fundament mit wuchtigen Schlägen zementierte. Es ist dieser dichte, drückende Sound, der einen komplett einhüllt und nicht mehr loslässt. Und das Faszinierende: Obwohl es bereits brandneues Material gibt, spielen sie alte Stücke mit demselben Funken als kämen sie gerade frisch aus dem Studio – alles wirkt, als würde es genau in diesem Moment entstehen. Keine Routine, kein Abspulen. Nur Energie. Doch mitten in dieser Wucht gab es einen Moment, der die Zeit für einen Augenblick stillstehen ließ. Die Band widmete den Song Chuparosa dem am 6. April völlig unerwartet verstorbenen Ralf Stötzel. Ralf war Gründungsmitglied des Rock Freaks e.V., die gute Seele des Freak Valley Festivals, der Mann, der sich über Jahre hinweg mit unglaublichem Engagement um die Preproduction, den Bandempfang und einfach um alle gekümmert hat. Ralf war ein großer Daily Thompson Fan der ersten Stunde und hätte sich ganz sicher mit der Band auf die große Headliner Tour im November zum Release von „GLUE“ gefreut. Ein bewegender Tribut an einen warmherzigen Menschen, der dieser Szene so viel gegeben hat und der jetzt vielleicht von irgendwo da oben noch einmal mitnickt. Und genau in solchen Momenten merkt man, warum man hier ist: Alles andere rückt für eine Weile in den Hintergrund, wird leiser, verliert an Gewicht. Diese Abende sind wie ein kurzes Nach-Hause-Kommen – getragen von Musik, von Nähe, von dem Gefühl, nicht allein zu sein.

14. Alterna Sounds Festival, Sputnikhalle, Münster, Germany

14. Alterna Sounds Festival, Sputnikhalle, Münster, Germany

14. Alterna Sounds Festival, Sputnikhalle, Münster, Germany

Maragda- 23:00 Kleine Sputnikhalle

(Syb) Maragda, den spanischen/katalanischen Begriff für den Smaragd, jenen tiefgrünen wunderschönen und seltenen Edelstein, hat dieses kongeniale Trio aus Barcelona als Bandnamen gewählt, um darunter die eigene Musikgeschichte zu erzählen. Erstmals 2023 bei Krach am Bach live erlebt und geliebt, begeistern sie mich auch heute in Münster schon beim ersten, noch eher verträumten Klang ihres ersten Songs „The Core As The Hole“ vom selbstbetitelten Debutalbum. Der Sound von Marçal (Bass, Vox, Synths), Guillem (Guitarre, Vox) und Xavi (Schlagzeug, Vox) lässt sich in keine Schublade stecken, zum Glück! Irgendwo unterwegs auf dem weiten Feld von progressivem Rock, Psychedelic und viel Fuzz, zeigen sie im Verlauf des Gigs ganz einfach, dass sie Künstler an ihren Instrumenten sind und dabei gar beschwörenden Dreigesang beherrschen. Das Set ist eine bunte Mischung aus verschiedenen Stilen und Geschwindigkeiten, mal tragend und mäandernd, dann schnell, superheavy mit frickeligen Soli. Die Leidenschaft hat Guillem dann zwar direkt ’ne Gitarrensaite gekostet, aber drauf gepfiffen, neu aufgezogen, kurz geschüttelt und dann wieder tief ins mitreissende Set eingestiegen. Fazit: Hammer!
Am Merch gabs bei einem netten, viel zu kurzen Plausch dann noch eine flott von Marçal handgeschriebene Setlist für mich (Daaaankeschön!), da ich zu langsam (oder zu paralysiert?) fürs Original auf der Bühne war. Das hatte sich übrigens Peter gekrallt, natürlich…

14. Alterna Sounds Festival, Sputnikhalle, Münster, Germany

14. Alterna Sounds Festival, Sputnikhalle, Münster, Germany

14. Alterna Sounds Festival, Sputnikhalle, Münster, Germany

Skyjoggers

(pe) Es gibt einfach keinen genialeren Schachzug, als einen Festivaltag mit den Skyjoggers aus Finnland zu beenden …

Bei einem kurzen Gespräch mit Gitarrist Aleksi am späten Nachmittag sagte ich augenzwinkernd zu ihm, heute würden wir aber endlich mal Vollgas von ihnen erwarten – und wir bekamen nicht nur Vollgas, sondern eine Dampfwalzen-Abriss-Maschine, die buchstäblich sämtliche Müdigkeit aus den alten strapazierten Knochen atomisierte!!!

Mit ihrem einmaligen Mix aus (fast) instrumentalem Psychedelic/Space/Stoner-Rock mit einer dicken Portion Krautrock-Vibes lockten sie auch den letzten mittlerweile vom siebenstündigen Musikmarathon fußlahm gewordenen Besucher des Alterna Sounds Festivals um Punkt Mitternacht vor die Bühne und setzten dem ohnehin schon phänomenal besetzten und perfekt durchorganisierten Festival endgültig die „One For The Books“-Krone aufs Haupt – und das, obwohl sie heute ein Double-Feature aufs Parkett legen mussten, waren sie doch schon für eine ausgefallene Band beim parallel veranstalteten SOL Sonic Ride-Festival in Köln am Nachmittag eingesprungen. Aber alle Anstrengung scheint dem Finnen im Allgemeinen nicht das Geringste auszumachen, denn die Lawine aus Fuzz, Crunch und sonstigen tiefstverzerrten Soundscapes, mit der das Power-Trio Aleksi Belle (Gitarre), Juan Rico (Bass, Effekte & Gesang) und Gabo Sabor (Schlagzeug) heute die Zuhörerschaft überrollte, war schlicht und einfach atemberaubend…

Sie verstehen es, das Publikum regelrecht hypnotisch in ihren Sound hineinzuziehen, dicht und unfassbar laut mit viel Druck durch Bass und Schlagzeug, während Aleksis virtuoses Gitarrenspiel dem Ganzen oft ein spezielles Layer aufsetzt, dass irgendwo zwischen Melodie und Soundexperiment die Songs über ihren Rhythmus hinaus transzendieren lässt.

Übergänge entstehen gefühlt spontan, fast wie bei einer Jam-Session, so dass die Musik weniger in klassischen Songstrukturen „erzählt“, sondern sich entwickelt: Themen tauchen auf, verschwinden wieder, Riffs werden lange wiederholt und variiert, und Stilwechsel in einer Spannbreite von Doom bis zu groovigem Rock geschehen fließend, oftmals eingeleitet durch effektverzerrte vokale Einwürfe von Bassist Juan Rico.

Und das gesamte Kunstwerk „geschieht“ in sämtliche Publikums-Frisuren durcheinanderwirbelnden Hochdruckwellen, die sich gewaschen haben und selbst den trotzigsten Ohrstöpsel-Gegner davon überzeugen, sich doch besser zumindest heimlich ein kleines Stückchen Tempotaschentuch in die Ohrmuscheln zu drücken.

Die Skyjoggers sind für mich die pure musikalische Faszination – und wer sie noch immer nicht kennt, dem sei dringend ihr nächster Gig auf heimischem Boden beim immer wunderbaren „Krach am Bach“-Festival in Beelen ans Herz gelegt (31.07 & 01.08 2026) – ich persönlich kann es kaum erwarten, die Jungs aus Tampere wieder auf der Bühne erleben zu dürfen und einmal mehr zutiefst zu verstehen, warum Tempotaschentücher solch ein Verkaufsschlager geworden sind! (peter)

14. Alterna Sounds Festival, Sputnikhalle, Münster, Germany

14. Alterna Sounds Festival, Sputnikhalle, Münster, Germany

Zum guten Schluß bedanken wir uns für das großartige Lineup, das Klaus Hartmann vom Krach am Bach Team zusammenstellte – es war für jeden Musikgeschmack was hörens- uns sehenswertes dabei wie auch wir vier wackeren Berichterstatter konstatieren können, und für die Gastfreundschaft der Mitarbeiter im Sputnik. Bei allen Bands und für Licht und Sound. Volker für die leckere „ohne Käse Pizza“. Und wir freuten uns über alle im Publikum die wir kannten oder neu kennenlernen durften….(jules, sybille, peter und volker) Und für die Photos von Daily Thompson, Maragda und Skyjoggers Dank an Thorvald.

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