Zeitgenössischer Blues-, Rock- und Balladen Sound aus Ratingen
(ro) Manchmal braucht es nur einen vertrauten Namen – und ein ganzer Klangraum öffnet sich. Joseph von Eichendorff ist so ein Name. Seine Verse tragen seit jeher dieses leise Flirren von Sehnsucht, von Ferne, vom Unterwegssein – und zugleich eine Tiefe, die weit über romantische Naturbilder hinausweist. Dass eine Band wie „Schwarzbrenner“ sich diesem Kosmos widmet, wirkt zunächst wie ein Wagnis. Und dann, beim Hören, als innere Notwendigkeit.
Mit ihrer siebzehnten Veröffentlichung „Das Eichendorff-Album“ greifen die Ratinger Musiker dieses literarische Erbe nicht ehrfürchtig aus der Distanz auf, sondern holen es ins Hier und Jetzt. Der Anlass – 200 Jahre „Aus dem Leben eines Taugenichts“ – ist dabei nur der Ausgangspunkt.
Was folgt, ist keine bloße Vertonung, sondern eine klangliche Auseinandersetzung mit Sprache, Zeit und innerer Bewegung.
Denn je tiefer man in Eichendorffs Welt eintaucht, desto deutlicher zeigt sich: Hinter der bekannten Reisesehnsucht, hinter Posthorn und Mühlrad, liegt eine zweite Ebene – eine leise Unruhe, eine religiöse Durchdringung, ein Wissen um Dunkelheit, Verlust und Vergänglichkeit. Genau dort setzen „Schwarzbrenner“ an. Sie nehmen diese Spannung auf und übersetzen sie in eine Musik, die nicht illustriert, sondern weiterdenkt.
Im Zentrum stehen Wolfgang Becker und Christoph Keisers, deren langjährige Zusammenarbeit eine spürbare innere Geschlossenheit trägt. Mit Marc Sokal und Theofilos Fotiadis erweitert sich das Gefüge zu einem Sound, der sich nicht festlegen lässt: Blues als Fundament, Rock als Impuls, Ballade als schwebender Ruhepol und Folk als erzählerischer Faden.
Gitarrenfiguren ziehen wie wandernde Schatten durch die Songs – mal ausgedünnt, mal verdichtet, oft leicht angezerrt, mit gezogenen Saiten und kontrolliertem Vibrato, das die Töne ins Schwanken bringt und ihnen diese eigentümliche Unruhe einschreibt.
Die Mundharmonika arbeitet sich mit rauem Ton und feinen Bends in die Zwischenräume, kippt die Notes an den Rändern, lässt sie kurz aufbrechen.
Darunter greift das Schlagwerk nicht ein, sondern trägt: mit trockenen Snare-Punkten, einem erdend wirkenden Kick und feinen Verschiebungen im Timing, die den Groove nicht fixieren, sondern in Bewegung halten.
Was dabei besonders trägt: Diese Musik verweigert sich jeder Form von musealer Erstarrung.
Eichendorff wird hier nicht bewahrt, sondern bewegt. Seine Sprache gerät unter Spannung, reibt sich an bluesgetränkten Phrasierungen, an rockigen Verdichtungen, an leisen, fast entrückten Momenten.
Es ist, als würde romantische Wanderlust auf eine Gegenwart treffen, die rauer geworden ist – und gerade darin ihre Wahrhaftigkeit findet.
Nein, diese Songs entfalten ihre Wirkung nicht im ersten Zugriff. Sie fordern Zeit, Aufmerksamkeit, ein wiederholtes Hineinhören. Doch genau daraus entsteht diese besondere Sogkraft: Schicht um Schicht öffnen sich neue Bedeutungsräume, Klang und Text beginnen ineinander zu arbeiten, und plötzlich entsteht etwas, das über das einzelne Stück hinausweist.
„Das Eichendorff-Album“ ist damit weniger eine Sammlung von Songs als ein Erfahrungsraum. Einer, der sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufspannt, zwischen Sprache und Klang, zwischen Außenwelt und innerer Bewegung.
Und während man sich darin verliert – oder vielleicht eher: darin wiederfindet –, stellt sich leise eine Frage, die sich nicht abschütteln lässt:
Was bedeutet Romantik heute noch – in einer Zeit, die kaum stillsteht?
Ist sie Rückzug, Gegenentwurf, vielleicht sogar Widerstand?
Oder liegt in ihr eine Form von Wahrheit, die wir längst zu kennen glauben – und doch immer wieder neu suchen müssen?
Dieses Album gibt darauf keine Antwort. Es lässt den Raum offen. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke.
…(..Rosie..)..
*
Songliste:
1) Golden noch die Locken wallen
2) Ich hab manch Lied geschrieben
3) Zwielicht
4) Das Leben draußen ist verrauscht
5) Vergangen ist der lichte Tag
6) Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen
7) Nächtlich dehnen sich die Stunden
8) Der Mond ist trostreich aufgegangen
9) Was mich so hoch beglückt
10) Ich kann wohl manchmal singen
11) Ich hab ein Ross mit Flügeln
12) Kennst du noch den Zaubersaal
13) Herbstnebel ziehn über den Weiher
Band:
Wolfgang Becker (Gesang, Gitarren, Keyboards, Bariton-Ukulele, Blues-Harp)
Christoph Keisers (Drums & Percussions)
Marc Sokal (Drums & Percussions 2, 6, 7, 13 )
Theofilos Fotiadis ( Bass)
Aufgenommen und produziert wurden die Songs wieder in der gewohnt inspirierenden Umgebung des Carousel Productions Studios von Marc Sokal.
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