(ju) „Beseelt“ und „beschwingt“ sind die beiden Adjektive, die mir in den Sinn kommen, wenn ich – wieder und wieder – „Some Kind Of Pure State“ von THE DHARMA CHAIN höre. „Hören“ wiederum wird dem Hörerlebnis nicht wirklich gerecht. „Eintauchen“, „mitschwingen“, „mich davon tragen lassen“ trifft die Empfindungen schon eher. Das Adjektiv, das mir jedoch als erstes ad hoc in den Sinn kam, war „fluffig“ – ein Wort, das ich normalerweise in einem völlig anderen Kontext verwende, nämlich in meinen Yogastunden. Die Gros der acht Lieder auf „Some Kind Of Pure State“ fühlt sich für mich nämlich schlicht und ergreifend fluffig an. Oder sollte ich vielleicht „fluffisierend“ als Wortneuschöpfung einführen? (Der deutsche Wortschatz reicht mir nie aus für ehrliche Rezensionen…) Denn ich wette, dass sich verfilzte Faszien allein beim fokussierten Lauschen ganz von alleine, auch ohne Yin Yoga oder Blackroll-Folter oder Triggerpunkt-Massagen lösen.
Dabei ist ein Wort aus dem Yoga-Jargon gar nicht mal so abwegig, stammt ein Teil des Bandnamens doch ebenfalls aus diesem Bereich: „Dharma“ ist u.a. ein Begriff aus der Yoga-Philosophie und bezeichnet den Grund, aus dem wir auf dieser Erde sind, gewissermaßen unsere Bestimmung. Und diese, oder zumindest eine davon, ist für viele von uns sicherlich die Musik, ob nun als Produzierende oder Konsumierende oder beides. Doch genug der yogisch-philosophischen Fachsimpelei.
In ihrer musikalischen Mischung aus Shoegaze-Atmosphäre, neo-psychedelischen Klängen, Post-Punk und dem Rock ’n’ Roll der 70er Jahre besticht das 2020 im Australischen Byron Bay gegründete Quartett auf seinem zweiten Studioalbum vor allem mit authentischer Leichtigkeit: einerseits durch den fließenden, kollaborativen Ansatz mit ständig wechselnden Rollenverteilungen unter den vier Mitglieder:innen, andererseits durch die Instrumentierung selbst.
So überzeugt bereits der Opener „Inside A New“ durch den dialogischen, leicht gehauchten Gesang von Benjamin Rompotis und Amanda McGrath, deren Hoch-Tief-Kontrast gewohnt perfekt harmonisiert, sowie durch das fröhlich-verspielte Schlagzeug, das trotz erkennbarer Ausbruchsfreude stets geerdet wirkt. Muss man so erstmal hinbekommen…! Auch die Gitarren- und Bassläufe zeugen von einer Band, die Freiräume gewährt und sich gerne von gängigen Songstrukturen löst, ohne dabei in anspruchsvoller Komplexität oder gar Zügellosigkeit auszuarten. „Borderline“ etwa kommt – wie der Opener, „Into The Night“ und weitere Lieder – ohne Gesang im Chorus aus und bietet stattdessen rohe, blechern wirkende instrumentale Ausbrüche, bevor sich in der zweiten Hälfte jegliche Songstrukturen in ätherischen und zugleich aggressiven Gitarrenklängen auflösen.
„Into The Night“, getragen von McGraths seidener Stimme, hat einen hohen Fluffigkeitsfaktor, der nur noch von „Love’s Confusion“ getoppt wird, einem Lied, das den Spirit von Trip-Hop-Legenden wie Massive Attack atmet.
Mein Anspieltipp Nummer eins ist „Minor Prayer“, das mit grandiosem Groove und gleichzeitig mit der Album-typischen, verhaltenen Dynamik zu fesseln weiß. Die Rhythmusfraktion erntet auch hier ganz viele Bonuspunkte.
Das zunächst balladesk anmutende „Cross Over“ ist mit dem wunderschönen Kontrast von McGraths und Rompotis‘ (Sprech-)Gesang schlicht und ergreifend Balsam für die Seele, während der letzte Track, „How Far“, mit verträumtem Klavier und zweistimmigen Gesang in den Strophen sowie einem herrlich grotesken Refrain vom breiten Spektrum dieser aufgeschlossenen und in jeglicher Hinsicht begnadeten Band zeugt.
Fazit: Ein höchst gelungenes Album, bei dem sich niemand unter- oder überfordert fühlt. Sondern einfach nur fluffig.
(judith)
Label: Spinda Records
VÖ: 05.06.2026
Länge: 40:01 Min.
THE DHAMRA CHAIN sind:
Amanda McGrath: Gesang, Gitarre, Synthesizer
Benjamin Rompotis: Gesang, Gitarre, Synthesizer
Giulia Piras: Bass
Aidan Stewart: Schlagzeug
Trackliste:
- Inside A New
- Into The Night
- Borderline
- Love’s Confusion
- RED RED RED RED RED
- Cross Over
- Minor Prayer
- How Far
Filed under: Album Reviews, Post Punk, Psychedelic, Rock, Shoegaze




