My Sleeping Karma und ihre Gäste: Rotor, Daily Thompson, Lucid Void, Abzug und Noisy Valet!
Jules (jul) und der kursive Volker (vo)
(jul) Los ging’s wie immer im Pott. Auf der Anreise nach Ascheberg hatte Petrus noch ein kurze Inkontinenz, pünktlich zur Sommerbühne auf dem Campus der TH Aschaffenburg war alles trocken und es wurde spätsommerlich schwülwarm. Bier kalt – geht doch.
Der Blog-Chef und ich hatten uns in fußläufiger Entfernung einquartiert und machten uns mit ein paar Bekannten auf den Weg zum Gelände. Wobei „auf den Weg machen“ bei Sound-of-Liberation-Veranstaltungen bekanntlich ein dehnbarer Begriff ist. Man kennt sich. Man bleibt stehen. Man umarmt sich. Man quatscht. Und irgendwann fällt einem wieder ein, dass hier nebenbei auch noch Bands spielen.
Das Gelände selbst: angenehm überschaubar, kein Gedränge, kein Festivalstress und genug Platz, um zwischen Bühne, Merch, Getränken und den üblichen Verdächtigen hin und her zu mäandern. Erst einmal Bratwurst. Dann Musik.

©Anders Oddsberg
Noisy Valet, Abzug und Lucid Void – junges Gemüse und alte Seelen
(jul) Den Auftakt übernahmen NOISY VALET, ein ziemlich frisches Projekt aus der Aschaffenburger Szene, das erst im Mai sein Live-Debüt gegeben hatte. „Dull Music“ nennen sie ihren psychedelischen Comedown-Rock selbst – stoische Rhythmen, schwere Klangflächen und immer wieder Gitarren, die dazwischen ordentlich Dreck aufwirbeln. Für eine so junge Band klang das erfreulich wenig nach öffentlicher Generalprobe. Die Setlist umfasste dabei „Fragile Disease, Sister Ray – die Velvet-Underground-Coverversion – Cell of Hurt, Sick Psychic Bicycle, Evil City und Burned Connection“. Ein kompakter, eigenwilliger Einstieg, der ziemlich gut zeigte, wohin die Reise bei Noisy Valet gehen soll. Das langsam eintrudelnde Publikum nahm die Newcomer entsprechend wohlwollend auf.

Danach ABZUG – und zumindest ein Gesicht hatten wir gerade erst gesehen: Der Drummer von NOISY VALET wechselte zur Gitarre. Das junge Trio aus dem Großraum Aschaffenburg wühlt mit hörbarer Begeisterung in einer musikalischen Vergangenheit, in der Neu!, Ash Ra Tempel und Virus die Koordinaten setzen: treibende Motorik, eigenwillige Basslinien, Kraut und Psych, dazu mehrstimmiger Gesang. Junges Projekt, alte musikalische DNA, ohne nach Krautrock-Museum zu klingen. Vor der Bühne wurde jedenfalls nicht nach Geburtsurkunden gefragt, sondern zugehört und mitgegangen.
Mit LUCID VOID standen anschließend alte Bekannte auf der Bühne – zumindest für regelmäßige RockBlogBluesSpot-Leser. Die Darmstädter haben längst ihren eigenen Platz zwischen Neo-Psych und Krautrock gefunden: instrumental, hypnotisch, mal schwebend, mal jazzig treibend und mit der wunderbaren Angewohnheit, einen Spannungsbogen so lange wachsen zu lassen, bis er einem irgendwann ziemlich mächtig vor die Füße fällt. Darüber haben wir schon oft genug geschrieben – und Aschaffenburg lieferte keinen Grund, unsere Meinung zu ändern. Lucid Void können das. Verdammt gut sogar.

Und dann wurde es für mich persönlich richtig interessant.
Daily Thompson: GLUE – geht ins Ohr, klebt im Kopf
(jul) DT sind für mich immer und überall der heimliche Headliner. Ich hatte im Dezember erlebt, wie begeistert die Ascheberger Crowd sie aufnimmt und war auf diesen Auftritt sehr gespannt. Wer darauf gewartet hatte, sich zwischen ein paar neuen Nummern irgendwann gemütlich in einem alten Lieblingssong einzurichten, konnte das vergessen.
„Siam. Workout. Here I Stand. Fake A Smile. Chains. Lovebugs. BTK. Heart Of Bones“. Einmal das neue Album Glue, bitte komplett.

Nur „I’m Free Tonight“ vom Album Chuparosa stand noch ganz unten auf der Setlist. Dazu kam es nicht mehr: Bei Umbau und Soundcheck war vorher reichlich Zeit versickert, hinten fehlte sie dann. Nach „Heart Of Bones“ war Schluss.
Ärgerlich – und unfreiwillig ziemlich konsequent. Am Ende blieb nur Glue. Und Glue ist eben nicht einfach das nächste Daily-Thompson-Album. Hier hat jemand die Möbel verrückt. Wer die Band über Jahre irgendwo zwischen Fuzz, Stoner und Heavy Psych abgespeichert hatte, bekommt plötzlich ordentlich Neunziger zwischen die Ohren. Mehr Grunge, mehr Alternative, mehr Melodie. Weniger Wüstenstaub, ein bisschen mehr Seattle-Regen. Dass nicht jeder diese Reise begeistert mitmacht, war vor der Bühne durchaus zu spüren. Ein Teil des Publikums feierte die neuen Songs, andere fremdelten sichtbar. Völlig legitim: Wer sich wegen eines bestimmten Sounds in eine Band verliebt, muss schließlich nicht jede spätere Entscheidung automatisch geil finden. Umgekehrt hat auch keine Band unterschrieben, denselben Sound bis zur Rente zu reproduzieren. Wer lesen mag, was DT selber dazu sagen, lese hier. Mephi war natürlich noch nie die Bassistin, die dekorativ neben Danny herumstand. Aber inzwischen stehen dort für mich zwei Frontleute. Spätestens bei „BTK“, bei dem Mephi erstmals den kompletten Leadgesang übernimmt, ist das nicht mehr zu übersehen. Sie nimmt sich diesen Raum mit einer Selbstverständlichkeit, die nichts mit „Bassistin darf auch mal singen“ zu tun hat.
Sie ist Frontfrau. Danny ist Frontmann. Punkt.
Und genau dadurch wirkt die ganze Band erwachsener – wobei „erwachsen“ bei Rockmusik verdächtig nach Reihenhaus, Bandscheibenkissen und vernünftiger Altersvorsorge klingt. Nennen wir es lieber: souveräner. DT müssen niemandem mehr beweisen, dass sie Druck können. Sie können es sich leisten, melodischer, sperriger und weniger erwartbar zu werden. Glue klingt für mich deshalb nicht nach einer Band, die ihre Identität verloren hat, sondern nach einer, die gerade ausprobiert, wie groß diese Identität eigentlich sein kann.
Ob jeder mitkommt? Offenbar nicht. Muss auch nicht. Und ausgerechnet der unfreiwillig gekürzte Auftritt brachte das perfekt auf den Punkt: kein Chuparosa, kein Blick zurück. Bähm!




Ich musste mich im Anschluss jedenfalls ein zweites Mal an diesem Festivaltag stärken und flankte mir eine Art Asia-Taco mit scharfer Soße und Salat rein. Sehr schmackhaft, wenngleich für 8 € etwas für den hohlen Zahn. Nun ja, vielleicht auch besser, sich nicht mit voller Wampe wieder in die Front Row zu begeben, denn jetzt kam es zu einer
Gnadenlosen Rotation
(vo) ROTOR sind ROTOR sind ROTOR: 27 Jahre ROTOR sind es nun auch schon und Enrico-Bass, Martin-Gitarre, Milan-Schlagzeug und Tim-Gitarre geben uns allen mal wieder die derbsten Kanten und versetzen unsere Nackenmuskeln in eine einstündige Dauerrotation. „Schabracke“ wird, nach einem kurzen Intro, mit brachialster Saitenkraft im Midtempo auf die Reise in die Nackengegenden der direkt völlig abrotierenden Rotormaniacs vor der Bühne geschickt, BÄM! „Costa Verde“, ein herrlich verspieltes Stück von der vierten Scheibe trieb mit dem „Scheusal“ von ihrer fünften Platte keinen Schabernack, sondern bretterte dermaßen auf den Campus……Ein neuer Song, noch mit einem Arbeitstitel, folgte (das wird was Großes) bevor wir alle mit einem „Druckverband“ umher „Mäander(ten)“. Der vertrackte „Kahlschlag“ läutete, noch in gemäßigter Gangart, das nächste Nackenmassaker ein: „Volllast“ ist, immer und überall, die vollste Lastprobe für die Gelenke der rotierenden Masse vor der Bühne und wenn dann dieses „Riff, ja dieses besondere Riff“, zum Ende hin wieder und wieder in Dauerschleife gespielt, dich zu einem Spielball macht bis zur völligen Erdrotation….und die Jungs dann noch, nach einigen Schlucken Bier dir, „Lastvoll“ mit diesem Riff den Himmel auf Erden bereiten!
Martin ließ mich vor dem Auftritt die Playliste abphotographieren, der Edding dampfte noch….
20 Jahre psychedelische Meisterwerke
Ich kenne MY SLEEPING KARMA live und in Farbe seit dem 21.10.2010, als sie zusammen mit SAMSARA BLUES EXPERIMENT das Vortex in Siegen völlig losgelöst psychedelisierten und mit ihrem Karma experimentierten. Was für ein Fest, feinerweise damals von mir photographisch festgehalten.
Ich habe sie seitdem annäherend weiß ich nicht genau aber bestimmt so und so viele Male live erlebt, sie spielten für meine Gäste und mich jeweils zum meinem 60sten und 70sten Geburtstag (für diese wunderbaren Gesten bedanke ich mich an dieser Stelle auch noch mal herzlichst) und sie schlossen sich immer tiefer, auch durch ihre durch und durch liebenswerte Weise, in mein Herz und meine Seele, eingeschlossen ihre jeweiligen Familien. Und bei dieser Band kann ich mit Fug und Recht für mich behaupten: music is the healer! Vor dem Intro wurde filmisch an ihren verstorbenen Schlagzeuger Steffen in würdevoller Weise erinnert, ich durfte sie danach ansagen und dann kamen Andre, Matte, Norman und Seppi auf die Bühne, umarmten sich und uns und dann fing die knapp 70-minütige Reise an. Sie legten, wie immer, einen psychedelischen, fliegenden Teppich aufs Parkett auf dem wir und sie so herrlich schweben konnten: 70 Minuten Inbrunst, alles geben, eintauchen, abtauchen, Spaß, Freude, völlig losgelöst: keep your good Karma! Danke an Rene für den unvergleichlichen Sound und an Patrick für wunderbares Licht. Danke Andre, Matte, Norman, Seppi und Steffen: euer Sound rettet nicht die Welt, macht sie aber besser!

Aftershow-Party at Hannebambel: Altersgerecht eskalieren
(jul) Um 22 Uhr stand für mich fest: das ist exakt meine altersgerechte Festival Dauer. 8 Stunden Musik danach noch genug Restleben in den Knochen für eine gepflegte Runde Aftershow. Und in der Pizza-Bude, die wir auf dem Hinweg zum Gelände links liegen gelassen hatten, glühte auch noch der Holzofen. Perfekt! Wenn nicht der Blog-Chef plötzlich geschwächelt hätte. Den Pizzageruch schon in der Nase marschierte ich vorweg und bestellte prophylaktisch eine Pizza halb-halb: eine Hälfte mit Käse, die andere ohne für den käseverachtenden Volker – was ich bis heute für einen charakterlichen Defekt halte und niemals nachvollziehen werde. Verspeist wurde das gute Stück wenig später irgendwo auf dem Weg zur Unterkunft auf einer Bank. Kohlenhydrate drin, Kräfte zurück, weiter. Denn wir waren noch mit dem Doktor und seinem lieben Vieh verabredet. Laut Matte lag das Hannebambel quasi nur einmal eben quer durch den Park. Also schlossen wir uns zu viert der Völkerwanderung an, die sich in Richtung Aftershow bewegte – begleitet vom zunehmend lautstarken Protest der bereits etwas fußlahmen älteren Herren, namentlich Blog-Chef und Doktor. Das liebe Vieh und ich dagegen: frohen Mutes. Aftershow! Bier! Nachtleben!
Bis wir das Hannebambel erreichten.
Der Laden war dermaßen voll, dass nicht einmal mehr ein vernünftiger Stehplatz drin war. Für Flüssiges hätten wir uns durstig in eine Schlange stellen müssen, deren Ende vermutlich irgendwo am nächsten Morgen lag. Damit kippte schließlich auch die Stimmung beim lieben Vieh. Also zog unser kleines Rudel weiter. Wie ein Pack streunender Wölfe auf der Suche nach einer offenen Tränke irrten wir durch Aschaffenburg und mussten feststellen: Samstagabend hin oder her, die Stadt machte sich nachtfertig. Hier wurden schon Stühle reingetragen, dort gefühlt die Bürgersteige hochgeklappt.
In einer letzten Kneipe, in der das liebe Vieh und ich beim Betreten den Altersdurchschnitt kurzerhand verdoppelten, gelang schließlich wenigstens die Notversorgung: sechs Pullen Bier (davon für mich zwei bleifreie).
Und so endete die große Aftershow-Party nicht im Hannebambel, sondern auf einer Parkbank im Stadtpark.


© Olivia (alias das geliebte Vieh)
Fazit: Von solchen Tagen lebt man eine Weile
(jul) Am Ende sind es ja selten nur die Bands, an die man sich erinnert. Es sind diese Tage, an denen irgendwie alles zusammenpasst: Musik, Menschen, Begegnungen, Blödsinn, völlig ungeplante Wendungen – und dieses dauernde Lachen, bei dem man irgendwann gar nicht mehr genau weiß, worüber eigentlich. Dieser Samstag war so einer. Von der ersten Band am Nachmittag bis zu unserer reichlich improvisierten Aftershow auf der Parkbank hat dieser Tag einfach Spaß gemacht. Ein bisschen schade ist nur, dass wir auf unserer Odyssee irgendwann den Anschluss an den Rest verloren haben. Die Bands haben wir nicht mehr getroffen – und vor allem bei Matte Vandeven konnten Volker und ich uns nicht mehr persönlich verabschieden. Das möchte ich an dieser Stelle unbedingt nachholen.
Denn wer den ganzen Tag erlebt hat, weiß, wie viel Herzblut in so einem Festival steckt. Und Matte hatte an diesem Samstag gleich mehrere Hüte auf: Sound of Liberation, Gastgeber und Veranstalter – und am Abend selbst mit My Sleeping Karma auf der Bühne. Dass Volker und ich dazu noch seine Gäste sein durften, war alles andere als selbstverständlich.
Also, Matte: Danke für die Einladung. Danke für diesen Tag. Und vor allem danke dafür, dass es solche Tage überhaupt gibt.
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