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Rüdiger Esch – Electri_City

EschElektronische Musik aus Düsseldorf

(hwa) In diesem Buch werden Erinnerungen und Gefühle aus revolutionären Düsseldorfer Zeiten wiederbelebt.
Die Erzählstruktur entpuppt sich dabei als nostalgisches Handlaufgeländer einer Ära, die sich analog nannte, aber dennoch von Düsseldorf aus mit ungewohnt elektronisch verfremdeten Tönen Zug um Zug die Rezeption von Computersounds weltweit revolutionierte …

Der inhaltliche Buchaufbau ist einem Kniff von Rüdiger Esch geschuldet, der als Teil der Szene (Die Krupps ab 1988, später Macrosoft) dazu stieß. Die von ihm als verbürgt deklarierten Interviewsequenzen der Düsseldorfer Lokalhelden und Protagonisten werden einfach „nur“ gegenüberstellt. Das war ein guter Tipp des Verlags.

Esch entwickelt dadurch einen unglaublich spannenden und neugierig machenden Flow, der einen magisch ins Geschehen hineinzieht.

Man wähnt sich als Leser/In stets mittendrin. Als wären alle Protagonisten just in time um einen riesigen Tisch zum Gedankenaustausch versammelt gewesen.

Aber: Sie waren es nicht!

Die zu unterschiedlichen Zeiten erfragten Statements wurden so geordnet, dass sie entweder Zustimmung oder Widerspruch zu den jeweiligen Themenüberschriften dokumentieren.

Ein genialer Coup: Die Sogwirkung, als säße man klammheimlich beim großen Palaver dabei und müsste einfach nur zuhören (bzw. mitlesen), kann süchtig machen.

Das Buch beginnt mit der Schilderung der Atmosphäre zu Beginn der 1970er Jahre.
Die Studentenrevolte hatte Barrieren eingerissen und die Düsseldorfer Kunstakademie mauserte sich zu einem wichtigen Katalysator. Künstler wie Joseph Beuys, Sigmar Polke, Günther Uecker, Heinz Mack oder Jörg Immendorf trafen sich zu spontanen Happenings im damaligen Szenelokal „Creamcheese“ in der Düsseldorfer Altstadt.

Der „Schlauch“ atmete eine Mischung aus Kunst und Attacke. Herrlich anarchisch!

Frei nach dem Beuysschen Motto: Wir geben der Kunst mit Ironie und Widerstand mal ’ne echte Chance. Wir erfinden uns stets neu und zeigen der Welt, was ’ne Harke ist.

Diese Aufbruchstimmung erfasste selbstredend auch die Musikszene der Stadt.

Düsseldorf wusste kaum noch wohin mit seiner Kraft und seinem künstlerischen Anspruch.
Die Stadt geriet zum Schmelztigel aus provokanten Grenzüberschreitungen und lässiger Avantgarde.

Und so kam es, wie es kommen musste: Trotz scheinbar provinziellem „Nirgendwo“ (zumindest aus New Yorker Sicht!) wurde die Düsseldorf-Szene plötzlich zum angesagten Hot Spot!

Denn das, was KRAFTWERK, NEU!, LA DÜSSELDORF, RIECHMANN, Harmonia, DAF, Die Krupps, Der Plan, Propaganda und Rheingold in die analoge Welt trugen, brach mit Konventionen und hat das heute gültige Musikverständnis nachhaltig geprägt.

David Bowie, Brian Eno, Lou Reed oder Iggy Pop waren fasziniert und bezeugten Respekt.

Depeche Mode, Human League, Heaven 17, Visage, Ultravox, OMD („Electricity“) profitierten von den Soundpionieren aus Düsseldorf, indem sie ebenfalls elektronisch produzierten und den anfangs unerhörten, neuen Klängen zum weltweiten Durchbruch verhalfen.
Bis sich das Ganze in Techno und unzählige Unterabteilungen aufspaltete und verselbständigte.

Davon handelt dieses Buch.

Und neben Triumphen selbstredend auch von Tragödien.

So leistet diese Rückschau mit Recht auch eine große Verbeugung vor Konrad („Conny“) Plank.
Es ist mit den Händen zu greifen, dass, wenn er mit seinem Genie und Engagement nicht gewesen wäre, die Geschichte des sogenannten „Krautrock“ neu geschrieben werden müsste.

Plank war insofern der „Übervater“, als er neben seinem technischen Verständnis auch das Gespür für revolutionär Neues grandios vermitteln konnte. Bis zu seinem Tod im Dezember 1987 war er Schutzpatron und Spiritus rector in Personalunion.

Der Zweite, dem hier zu Recht ein Denkmal gesetzt wird, ist Klaus Dinger (gestorben in 2008).

Dinger war Gründungsmitglied von Kraftwerk, machte danach NEU! („Hallogallo“, „Hero“) zusammen mit Michael Rother u.a. zum „next big thing“, um danach mit LA DÜSSELDORF und seinem Bruder Thomas Dinger (gestorben in 2002) Meilensteine der elektronischen Avantgarde („Düsseldorf“, „Silver Cloud“) zu etablieren.

Der Dritte ist Wolfgang Riechmann.
Der war schon zusammen mit Michael Rother in der Schülerband „Spirit Of Sounds“ aktiv gewesen.

Der Soundtüftler hatte gerade sein erstes eigenes Album „Riechmann“ (bei dem er alle Instrumente außer den Drums selbst einspielte) bei Sky Records abgeliefert, als er kurz danach im August 1978 im Alter von 31 Jahren aus heiterem Himmel in der Düsseldorfer Altstadt von zwei betrunkenen Jugendlichen überfallen und erstochen wurde.

Unbegreiflich, weil er zufällig zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war.
Das ist gar nicht wunderbar – im Gegensatz zu seiner LP, die er kurz zuvor „Wunderbar“ betitelt hatte. Die Veröffentlichung hat er leider nicht mehr erlebt.

Riechmanns Tracks strahlen bis heute und sind unabdingbarer Bestandteil der damaligen Düsseldorf-Szene.

Mein „Electri_City“-Fazit: Tolle Zeitreise!

Das Buch schließt vereinzelte Lücken und lässt einen nochmals eintauchen in eine Welt, die die Rezeption von elektronischen Klängen nachhaltig auf eine atemberaubend neue Ebene stellte.

Electri_City Cover Electri_City BackcoverNeben dem Buch ist auch eine bemerkenswerte CD erschienen, die den Düsseldorf-Sound und seine epochale Strahlkraft kongenial auf den Punkt bringt.

Selbstredend auch mit „Electri_City“ betitelt (Grönland Records, Titelfolge siehe Scan.)

Der Sampler enthält einen Track, der mir bislang noch nicht im kollektiven Gedächtnis als „Pflichterinnerung“ erschien.

Es handelt sich um „Säuren ätzen und zersetzen“, eine Single, die damals in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren gepresst wurde.

Nun ist jenes Elaborat von Teja Schmitz nicht unbedingt der Nabel der Welt.
Schätze aber, dass es damals extrem „chic“ war, sich als FRISÖR von Kraftwerk mit einer eigenen Single zu verewigen.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge gerade Ralf Hütter und Florian Schneider schmunzeln.
Da ist IMAGINATION gefragt.
Denn sie antworten ja nicht mehr.

Schade!

Schlage vor, das selbstverordnete „Schweigen“ bis ins Grab mitzunehmen.
Ist irgendwie auch ’ne Kunst!

(Heinz W. Arndt)

Electri_City

Mit einem Vorwort von Wolfgang Flür

Suhrkamp Verlag Berlin, 2014

465 Seiten, 14,99 €

ISBN: 978-3-518-46464-9

Die CD gibt’s bei Grönland Records (CDGRON 140)

Einsortiert unter:Album Reviews, Drucksachen, Rock, , , , , , , , , , , , , , ,

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