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Taste – What’s Going On – Live At The Isle Of Wight 1970

Taste Isle Of Wight 1970 1(hwa) Was habe ich mich auf diese Veröffentlichung gefreut! Zumal jene Taste-Performance in 1970 bislang nur auf Vinyl und CD dokumentiert wurde und der Film aus Rechtegründen jahrelang auf Eis lag. Jetzt liegt der Konzertfilm von Murray Lerner in restaurierter Fassung vor. Er zeigt Taste am 28. August 1970 in blendender Spiellaune, nachdem die Band zuvor mit „What’s Going On“ ein weltweit beachtetes Album vorgelegt hatte…

Das Kapitel “Concert Only“ dauert exakt 55 Minuten und 23 Sekunden. Das mag für spätere Gallagher-Konzerte nur ein Klacks sein – aber diesen „Klacks“ wusste die Band zu nutzen.

Nach dem dreitägigen Festival mit der Creme de la creme der internationalen Musikszene brachte es Jimi Hendrix auf den Punkt. Auf die Frage, wie es sich anfühle, als weltbester Gitarrist bezeichnet zu werden, sagte Hendrix sinngemäß, dass man – wenn schon – bittesehr Rory Gallagher fragen sollte.

Insgesamt vermittelt das Taste-Konzert pure Melancholie. Das liegt daran, dass sich Taste kurz danach auflösten. Aber auch daran, dass überwiegend rostrote Farben (einem Indian Summer nicht unähnlich) Lerners 16mm-Film kennzeichnen. Bilder wie aus einem Traum. Der sehr gute Ton macht das Ganze letztlich richtig rund.

Insofern ist der Film für alle Roryfans (Rosie, Volker und mich von RB.BS nicht zu vergessen!) nach vielen Jahren des Wartens auf die Veröffentlichung ein Must.

So weit – so gut.

Ein paar kritische Bemerkungen müssen trotzdem sein.

Die Promo für die Veröffentlichung spricht von „Full length performances“. Und wenn man sich den Film dann voller Spannung zu Gemüte führt, wird klar: „Full length“ bezieht sich keineswegs auf das gesamte vollständige Konzert, sondern „nur“ auf sieben Titel, die vollständige Titellänge gewährleisten. „I Feel So Good“ wird lediglich in einer 56 Sekunden-Version im Abspann des Kapitels „Concert Only“ präsentiert.

Auf der Polydor-CD „Live At The Isle Of Wight“ (841 601-2) ist „I Feel So Good“ mit neun Minuten und vier Sekunden vertreten. Dafür fehlt auf der CD „Gambling Blues“, welcher wiederum auf dieser Konzert-DVD aufgeführt ist (DVD-Titelfolge siehe Scan).

Taste Isle Of Wight 1970 2

 

 

 

 

 

 

Das ist für echte Roryfans erfreulich und ärgerlich zugleich. What’s going on? fragt man sich verwundert – nicht zuletzt deshalb, weil die DVD gleich zweimal hintereinander das Isle Of Wight Konzert offeriert.

Da ist zunächst die schon beschriebene Kurzversion, also „Concert Only“ und eine längere (= 77:32 min), die in ein Rory- und Tasteportrait eingebettet ist. Abgesehen von einigen wenigen Szenen wie dem Stage-Announcement (die in „Concert Only“ nicht vorkommen), wird der Konzertfilm von Aussagen flankiert, die wir schon hinlänglich durch „Ghost Blues – The Story Of Rory Gallagher“ kennen.

Dafür entschädigt uns gottseidank einer der beiden „Boni“. Ich meine selbstredend den Taste-Dreierset „If The Day Was Any Longer“, „It’s Happened Before, It’ll Happen Again“ und “Morning Sun“ aus dem Beat Club, Bremen, Germany. Diese drei Titel komplettieren die auf „Ghost Blues“ angehängten 16 Rory-Performances im Beat Club um genau die noch fehlenden drei Taste-Titel.

Wer es bislang noch nicht geschnallt hat: Rory verstand sich auch blended auf dem Saxofon. Einfach unglaublich, was der Mann so alles drauf hatte.

Mit dem Bonus (übersetzt: dem „zusätzlich Guten“) ist es hier teilweise so eine Sache. Während die drei Taste Beat Club Titel die Herzen der Roryfans höher schlagen lassen, wage ich das beim zweiten Bonus zu bezweifeln. Dabei handelt es um drei bislang unveröffentlichte Taste Promo Videos zu „I’ll Remember“, „What’s Going On“ und „Born On The Wrong Side Of Time“.

Ich unterstelle, dass Rory den Schrott, der damals in 1970 vom SDR (der später durch Zusammenschluss mit dem ehemaligen SWF zum SWR fusionierte) in Form von drei Kurzfilmchen zusammengeschustert wurde, für sein gewachsenes Selbstverständnis im Nachhinein als unterirdisch eingestuft hätte. Vornehmlich, weil sie wegen ihrer grotesk schlampigen Umsetzung an billige amerikanische B-Movies in ihrer schlimmsten Form erinnern. (In 1970 war Rory scheinbar noch nicht so weit. Die Verträge mit Polydor und seinem Manager waren hanebüchen naiv und gingen in hohem Maße zu Rorys Lasten. Rorys eigenes unternehmerisches Handeln ändete sich Zug um Zug mit Rorys eigenem Musikverlag und Plattenlabel).

Ging es also unternehmerisch und musikalisch bergauf, ging es unglücklicherweise schleichend mit Rorys Gesundheit bergab. Diesem Phänomen versuche ich ja schon seit Jahren in Form einer hoffentlich wirklich fairen Rory-Bio nachzuspüren. Das interessiert jedoch deutsche Verlage, geschweige denn Amazon und Konsorten, einen feuchten Kehricht. Tja, vielleicht hilft ja „Crowdfunding“. Mal gucken.

Zurück zu den Kurzfilmchen: Die sind drehbuchmäßig so schlecht, dass sie unbedingt zurück in den Giftschrank gehören.

Aber falls Rory heute geläutert und fröhlich, weil von irdischer Last befreit, ihrer ansichtig wird (Engel können das – und er wurde doch einer, oder?), wird er Gnade walten und es gut sein lassen.
Was meinst du, Dagmar? (Melde dich doch bitte mal wieder!)

Mein Fazit: Von den hanebüchenen Promovideos abgesehen, lohnt sich der Kauf für alle Gallagher-Aficionados in hohem Maße.

Denn mit dem Isle Of Wight Concert und den Beat Club-Auftritten schließen sich erfreulicher Weise weitere Lücken in der Taste- bzw. Gallagherdokumentation. Zumal die DVD durch ein toll aufgemachtes Booklet mit unzähligen antiquarisch-raren Fotos zusätzlich punktet.

(Heinz W. Arndt)

Taste „What’s Going On – Live At The Isle Of Wight Festival 1970“
Laufzeit circa 163 Minuten
Eagle Vision im Vertrieb von Edel/Universal
Als Blu-ray, DVD, CD und Doppel-Vinyl erhältlich

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