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Bluesrockfestival Tegelen am 02.09.2017

(ro + vo) Punktlandung in Tegelen. Exakt zu den ersten Takten von „The Dynamics“ betreten wir das Gelände des „Openluchttheater De Doolhof“, das in jedem Jahr Anfang September zu einem grundsympathischen und entspannten Festival einlädt.
Diesmal zeigen uns Chivy Kuhles und seine Band sogleich, wohin die Reise an diesem Tag geht. Sie sind nicht nur erstaunlich laut und mächtig, sondern haben auch einen satten Groove.
„Purple Haze“ lautet die mitreißende Begrüßung und somit ist klar, dass hier echte Kerle mit einer hörbaren Liebe zum puren, unverfälschten Bluesrock am Werk sind. Wieder einmal wird bestätigt, dass ihre Heimatstadt Limburg ein Nährboden für viel (musikalisches) Talent ist.
„Don`t Touch My Strings“ spielen sie, „Johnny B. Good“ und „Purple Rain“. Und übrigens: hurra, auch „Child In Time“, bei dessen wohlbekannten ersten Tönen einige der hinter mir sitzenden Herren sogleich mehr oder weniger tonsicher einstimmen.
Rockiger Blues in Cinemascope ist das, balladig, himmelhoch jauchzend, ebenso erfrischend wie massenkompatibel. Wobei massenkompatibel durchaus als Kompliment gemeint ist.
Oh ja, es macht ebenso viel Spaß, Chivy Kuhles und seinen Kumpels Yannik Urselmann, Julius Takacs und dem Drummer Stephen van Dolder zuzusehen und zuzuhören, wie es ihnen offenkundig Freude macht, auf dieser Bühne zu agieren.

Dieser Meinung sind auch die Hörer und Hörerinnen, die sich in kleinen Gruppen entspannt auf den breiten Treppenstufen vor der Bühne niedergelassen haben, dort, wo die noch angenehm warmen Sonnenstrahlen hinreichen.
Blaue Papptabletts mit gefüllten Bavaria-Bier Bechern machen immer wieder die Runde. Denn hin und wieder ein kühler Schluck kann ja nicht schaden.
Spürbar und ansteckend ist die Freude der Anwesenden, die in knappen Tops, mit tätowierten Waden und Treckingsandalen das Festivalgelände schmücken. Zum wiederholten Male stellen wir fest, dass dies eine wirklich außergewöhnlich schöne Location ist, in der man sich rundum wohlfühlen kann.
Besonders schön finde ich auch die „Architektur“, denn „De Doolhof“ erinnert an ein überdachtes Amphitheater, von dessen bequemen Schalensitzen man überall wunderbar freie Sicht auf die Bühne hat.

Dazu gibt es allenthalben eine familiäre, ungezwungene Atmosphäre, glücklich lächelnde Leute, die über das Gelände bummeln, Freunde treffen und Pommes mit Zwiebeln essen, oder mit einem Bier in der Hand mit Gleichgesinnten fachsimpeln …
Ja, was will man eigentlich mehr an einem lauen Septembertag?
Um passend gekleidet zu sein, begebe ich mich hinüber zum Merch und erwerbe ein kleidsames Festival-Shirt in schwarz-gelb, dazu einen Becher Bavaria und eine dicke belgische Waffel mit Karamelstückchen.

Ein Blick ins Programmheft zeigt, dass ich um 14:25 wieder vor der Bühne sein sollte, auf der „Michelle David And The Gospel Sessions“ schon Position eingenommen haben.
„Are we ready?“ fragt dann Michelle David ihre Kollegen, und „Are You ready?“ ruft sie in die Zuschauermenge, als sie voller Power und Elan auf die Bühne springt, bereit, gemeinschaftlich und gutgelaunt mit einem energetischen Mix aus Soul, Funk, Blues und Gospel den Konjunktiv nieder zu prügeln.
Whoww…schon von den ersten Tönen an machen die aus New York stammende Michelle und ihre großartige Band sozusagen alles dem Erdboden gleich. Und das alles überaus lässig, laut, präzise, virtuos. Wennschondennschon.
Im leuchtend roten Kleid, bedruckt mit weißen Margeriten, riesigen Creolen und voluminöser Angela-Davies Frisur rockt, hüpft und tanzt die famose Michelle auf gefährlichen High Heels durch die Songs und reißt mit ihrer powerful großartigen Stimme das Publikum völlig mit.
Ja, denn das, was die Band da vorne abliefert, ist ein amtliches Brett: die Songs sind kraftvolle Nummern, die Zwischenmoderation von Michelle David manchmal politisch, nie humorlos, immer raffiniert, die Musiker gehen punktgenau nach vorn, sind großartig im Zusammenspiel, und „De Doolhof“ rules – ja, tatsächlich.
Kein Wunder, dass das Debüt-Album von „Michelle David And The Gospel Sessions“ reihenweise Bestnoten bekam und nun ihr feiner Zweitling, nämlich „Volume2“ am Start ist.
Der Applaus sagt jedenfalls, dass das Publikum einer Zugabe nicht abgeneigt gewesen wäre, aber das gibt es hier in Tegelen aufgrund des straffen Zeitplanes grundsätzlich nicht.

(vo) Kurz von mir auch noch was zu diesem Gospel- und Soul Spektakel: Ich war zeitweise mittendrin, im Gottesdienst, wie im Blues Brothers Film, als Prayer James Brown das Volk einpeitschte und das Licht sah! Großartig!

(ro) Ab 15:50 Uhr erfreut uns dann der nächste Act, nämlich „Danny Vera“, der hier sozusagen ein „Heimspiel“ hat. Mit mittlerweile acht Alben im Gepäck ist er mit seinen Jungs aus dem nahen Middelburg angereist.
Dieses Quintett brilliert mit Songs zwischen Bluesrock, Country, Singer-Songwriter und Americana. Was ja sicher nicht die schlechtesten Koordinaten sind. Keine Frage.
Wunderbar retro und erfrischend ist das, dazu bestrickend eingängig und mitreißend. Erinnerungen an Johnny Cash, Roy Orbison, Elvis Presley und Chris Isaak werden wach.
Perfekt dazu passend steht eine alte Hammond auf der linken Seite der Bühne – wenn ich aus der Entfernung richtig gelesen habe, nennt sich diese XK30 oder XK 3c, ich habe keine Ahnung.
Jedenfalls übermittelt sie einen echten, satten Vintagetouch, „OldSchool“ sozusagen, im Aussehen und im Sound. Große Klasse.
Danny Vera, elegant gekleidet im feinen silbergrauen Anzug, mit weißem Hemd und perfekt gebundener Streifenkrawatte, weiß einfach, wie es geht.
Wunderbar.
Das Ergebnis ist ein kollektives Mitsingen z.B. bei „Folsom Prison“ von Johnny Cash, dazu gemeinsames Arme schwenken, Begeisterung und glückliche Gesichter allenthalben.
Die immer sichtbare, unbändige Lust der Band, genau hier zu sein, an diesem Ort, bringt die Besucher des Konzerts dazu, vorn an der Bühne zu hopsen, zu tanzen, zu lachen, Genever, Bier, Zigarillos oder ähnliche Rauchwaren zu teilen, sich zu umarmen.
Ja, das ist eine Musik, zu der sich wunderbar Bier verschütten lässt, wie einige gut gelaunte Herren direkt vor der Bühne eindrucksvoll beweisen.
Unverbraucht, ungestüm und hochmotiviert springen die Musiker von Country zu Blues, vom Rock hin zu Boogie. Diese Jungs kennen sich perfekt aus.
Sie versprühen eine Launigkeit und Ausgelassenheit, aber vor allem strahlen sie eine sympathische Unberechenbarkeit aus, die Freude bereitet….(Rosie…)

(vo) Jan Akkerman war schon zu Anfang meiner musikalischen Sozialisierung mit seiner damaligen Band Focus dabei, 1972 faszinierte nicht nur mich der Song „Sylvia“ und im Jahr danach dann der Livekracher „Live At The Rainbow“. Nach Focus widmete er sich zahlreichen anderen Projekten und macht nun heutzutage, in seinem siebten Lebensjahrzehnt, eine Konzerttour unter dem Motto „Jan Akkerman 70 + Special Guests“. Um 17 Uhr 15 startete er sein Programm mit seinen heutigen Special Guests, darunter zählten auch seine Tochter Laurie, die drei Songs ihre Stimme lieh, ansonsten war für den Gesang Bert Heerink (Vandenberg) zuständig. Ruben Hoeke spielte die zweite Gitarre, bekam aber ein paar solistische Freiräume, und außerdem Coen Molenaar an den Tasten. Die Songauswahl fand ich etwas gewöhnungsbedürftig, da ich die meisten seiner Sachen nach Focus gar nicht kenne und kannte. Und Focus Songs fanden in dieser Stunde nicht statt. Die Band war ´ne Wucht, das passte wunderbar, und ein allen Saiten gesalbter Jan war der unangefochtene Zeremonienmeister. Das zumeist Niederländische Bluesrockvolk lag oder stand ihm zu Füßen.

Nach diesem gelungenen Mittelteil des Bluesrock Festivals erschienen um 18 Uhr 40 fünf Herren im gesetzten Alter auf der Bühne und rockten, rockten, rockten und rollten. The Liberators, zwischen 1979 und 1992 sehr aktiv, dann aufgelöst, sind wieder aktiv, und wie! Die Jeans krempelten sich automatisch hoch, die Knie- und Hüftgelenke ölten sich ein, und dann ging die Post ab. Das war ´ne Granate was die Herren da ablieferten, ihre Mischung aus RockenRoll, Rockabilly und gepubtem Rock ala Dr. Feelgood aktivierte das Bauchabspeckgen. Bassist Sjang Coenen hörte sich zu Anfang viel zu leise aus den Monitorboxen, immer wieder schwang er die Arme von unten nach oben Richtung Soundmixman: mach ma´lauter, natürlich auf niederländisch. Dann passte das. Rock, Rock, Rock. Spaß, Spaß, Spaß, so möchte ich diesen Auftritt beschreiben und dem ist nix mehr hinzuzufügen!

Nine Below Zero. Wie oft habe ich diese Herren aus dem Süden Londons in meinem Leben live erlebt? Untertrieben: bestimmt 15 Auftritte, zumeist in Düsseldorf. Besonders in Erinnerung: ihr Abriß des „Weißen Bären“, einer Kneipe in der Bolkerstrasse in der Düsseldorfer Altstadt am 28.12.1992. Das war bis heute eines meiner beeindruckendsten Liveerlebnisse ever….Und heute? Die reißen immer noch mit, heftig mit.  Die beiden Bandgründer Dennis Greaves, Gesang und Gitarre und Mark Feltham, Harp und Gesang, dazu Mickey Burkey, der schon auf der 1980 erschienenen Liveoffenbarung „Live At The Marquee“ die Band nach vorne prügelte, Ben Willis am Bass und Chris Rand an den Tasten und Saxophon spielten ihren britischen Pubrock, Rhythm`n`Blues, Blues und Rock`n`Roll wie aus einem Guß in die Menge. Alte Kracher und Songs aus den 2000er Jahren hielten sich die Waage: Dennis, ein Entertainer vor dem Herrn, bedankte sich zwischendurch sehr herzlich beim Veranstalter, das er mit seinen Jungs zum ersten Mal beim Bluesrock Tegelen auftreten durfte. Er feuerte das teilweise schon sehr Bierselige Hörvolk an, griff berstend und filigran in die Saiten, Mark, einer der großartigsten Harmonikaspieler des Planeten, spielte lächelnd! und das Groovetrio? Formidabel. Ich genoß, mit etlichen seligen Spaßfalten, diesen markanten Auftritt, danke! Und selbst der Mond strahlte über dem Geschehen. 

(ro) Was dann ab 21:40 Uhr auf der Bühne geboten wird, werde ich auf jeden Fall in allerbester Erinnerung behalten.
„THE YARDBIRDS“ – eine meiner liebsten Lieblingsband aus meiner Jugendzeit, die mich schon damals mit ihrem progressiven, avantgardistischen Musikstil faszinierten, haben ihr Kommen angesagt.
Klar, die ehemaligen Mitglieder Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page erwarte ich natürlich nicht, aber „Heartful Of Soul“ möchte ich zu gerne hören und natürlich „Still I`m Sad“.
Und was soll ich sagen? Haben die Jungs etwa meine Wünsche gehört?

„Still I`m Sad“, diese dicht instrumentierte Nummer, die sämtliche Register zieht, erklingt ohne jegliches Vorgeplänkel gleich zu Beginn.
Für mich ein emotionales Meisterstück, ein Griff in die Vergangenheit, um in der Gegenwart eine Zukunft ersehnen zu können.
Ganz wunderbar ist es, das Gründungsmitglied Jim McCarty (drums) zu erleben, dessen gegen den Zeitgeist gebürsteter Charme dank allerlei Ecken und Kanten jene Herausforderung birgt, die immer noch fasziniert und Gänsehautmomente produziert.
Ein verdammt gelungener Auftritt!
Danach geht es weiter mit den so eigenständigen und vielfältigen Liedern mit ihren typischen kunterbunten Ekstasen, exotischen Sprengseln und gedankenverlorenen Träumereien, die meine Erinnerungen wecken und sämtliches Denken und Fühlen in Aufruhr versetzen.
Begeistert hat mich neben Myke Scavone (harpist / percussionist), Johnny A. ( guit) und Kenny Aaronson (bass), auch besonders John Idan, der seit 2015 wieder bei den Yardbirds als Gitarrist und als formidabler Sänger aktiv ist.
Ohne Umwege scheint er direkt aus den Sixties gekommen zu sein. Sein Hemd ist eine enge, geblümte Angelegenheit – ich meine mich an das Muster aus einem der Sommer 1967/1968 zu erinnern.
„Jetzt fehlt nur noch „For Your Love“, sagt mein Begleiter, der früher ähnliche Hemden getragen hat.
Und auch dieser Wunsch wird erfüllt.
Was für ein wunderbarer Abend!

John Idan

Johnny A

Kenny Aaronson

Wie ist das eigentlich? Sind die großen Sommerferien nicht seit mehr als einer Woche Geschichte?
Sie gingen am heutigen Tage einfach, so schien es mir, in die Verlängerung.
Die relaxte, friedliche, ausgelassene und gesellige Stimmung bei herrlichem Wetter erweckte jedenfalls den Eindruck.
Zum Schluß bleibt uns nur noch der Dank an: Büro Pinkpop für die Möglichkeit der Teilnahme mit Auge, Ohr und Volkers Canon, bei den Musikern für die großartige Unterhaltung und sowieso bei allen, die dabei waren.
Tot ziens…..
(..Rosie..)

©LG

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