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Kaufmann Frust, 20. Oktober 2018, Stuttgart, Merlin

(LW) Stuttgart ist noch nicht lange meine Heimat, aber heute erhalte ich das Privileg, eine echte Stuttgarter Band mal kennenzulernen. Meine Erste. Ich stehe in der überschaubaren Menge der Fans von Kaufmann Frust und weiß tatsächlich noch nicht wirklich was mich erwartet. Der Fotograf hat mich eben gefragt, ob ich nicht über das Konzert berichten will, und ich hab eben „ja“ gesagt. So bin ich eben hier.
Beginn 21:00 Uhr und 21:10 Uhr steht tatsächlich schon der Supportakt Hekla mit ihrem Theremin auf der Bühne. Es hat sich jetzt schon gelohnt zu kommen, denn zum ersten Mal sehe ich so ein Gerät oder besser gesagt: Instrument. Nicht, dass ich davor gewusst hätte, dass es sowas spaciges gibt, aber in jedem Fall passt es zu ihren isländischen, mystischen Stücken. Nach 30 Minuten müssen wir uns langsam von den Feen & Elfen lösen und Hekla beendet ihren Auftritt ganz romantisch mit einem isländischen Schlaflied, in dem wohl Kinder aufgefressen werden, wenn sie nicht schlafen wollen.. wie nett.

Vom Irdischen ins Extraterrestrische geht es jetzt mit Kaufmann Frust.
Die Gitarren fangen langsam an zu dröhnen und die Nebelmaschinen werden angeworfen. Es ist düster im Merlin; die Beleuchtung beschränkt sich auf blaues und rotes Licht. Mal auch bisschen grün. Es wirkt irgendwie etwas abgespacet, aber absolut passend.
Als Zuschauerin habe ich das Gefühl, auf ein kleines Universum (die Bühne) zu blicken. Die ersten drei Songs bin ich erstmal einfach drin. Dann erst folgt die kurze Begrüßung mit der noch knapperen Erläuterung, dass sie wohl bekannterweise keine Männer großer Worte seien und nun weitermachen würden. Gut.. muss ja auch nicht sein.. Diese Ankündigung finde ich dann ziemlich schnell auch in ihren Songs wieder.

Die Verse wirken etwas zerfetzt und zerrissen – die Aussagen kommen nicht so richtig an. Die Botschaft ist wohl zwischen den Zeilen zu hören. Sprich, ich hab das Gefühl, dass die Texte und Songs auf Erlebnissen aufbauen und sich daraus diese Erkenntnisse im Song gebildet haben. „Du“ wirst angesprochen, aber „Du“ bist nicht gemeint, sondern „Er oder Sie“. “Er oder sie“, der das miterlebt hat oder daran beteiligt ist, aber eben nicht „Du“. Das hat aber etwas, intendiert das Geheimnissvolle, das Unbekannte, die Unsicherheit. Zumindest hat es den Effekt, dass ich mich leicht verwirrt von den Texten abwende – und damit mehr versuche, den Instrumenten zu folgen. Die Instrumente stehen im Vordergrund und mehr und mehr bekomme ich den Eindruck, dass das bewusst so gehalten ist. Spielen ist ihr Ding. Das wird mir vor allem im fünften Song „Armee“ klar.
Fünfter Song und Halbzeit. Ich glaube, ich habe ihr Konzept jetzt verstanden. Die Jungs geben sich ihren Instrumenten hin und versinken z.T. in ihren Soloparts. Elan und Energie in gleicher Stärke vom Anfang bis zum Ende.
Schön ist vor allem die Umsetzung von „Aus Wachs“, was, wie auf ihrem neuen Album, auch beim Konzert als Intro dient. Klasse Entscheidung , so viel Moll am Anfang hat was. Auch Gast-Blasmusiker (Trompete & Saxophon) sind dabei, haben ihren größten Auftritt aber im knapp 10-minütigen Stück „Geschlossene Augen“.

Im ersten Moment kommt mir noch der Gedanke, dass mich die Stuttgarter an eine Mischung aus Casper und Monolink erinnern. Casper etwas softer und Monolink etwas hermetischer. Bei „Totenhund“ allerdings, drängt sich mir eher (aber nur anfangs!) das Bild von „Goldener Reiter“ auf. Als ich bei „Fiebertraum“ an die Toten Hosen denke, entscheide ich mich, es lieber mit dem Vergleichen zu lassen – macht die Ohren offener.
Auffällig und auffällig gut ist das durchgängig weiche Schlagzeugspiel. Dadurch, dass das der Schlagzeuger so sitzt, dass er sich mit seinen Bandkollegen für die Einsätze die Blickkontakte sichern kann, hat man als Zuschauer den perfekten Blick auf die Band, auf ihr Zusammenspiel und ihre Kommunikation. Wunderschöne Perspektive und selten so gesehen.

Perspektivwechsel nun aufs Publikum. Es wiegt mit. Leichte Anflüge des Tanzens sind zu erkennen, wobei es eher so scheint, als wolle man vor allem die Stimmung teilen und darin verschmelzen. Das kleine Universum auf der Bühne hat sich ausgedehnt und lädt diejenigen in ihre Sphäre ein, die mit den Songs in ihr Erinnerungsuniversum abtauchen.
Ich schaue mir die kleinen Universen an. Größtenteils blicke ich auf Pärchen, die alternativ – hipstermäßig einzuordnen sind. Klamotten, Partner, Getränk und Musik – alles passt.

Der letzte Song vereint nochmal alle(s) und scheint das Sahnehäubchen dieses Auftritts zu sein. Schön ist, dass tatsächlich jeder der vier Jungs singen kann und die Stimme den Songs unterschiedliche Charakter geben. Die Palette variiert von düster zu düster-bedrohlich und emotional-leer. “Deine Welt ist nur ein Konstrukt, dein Schmerz nur ein Produkt…“ lautet eine Zeile des Refrains des letzten Songs und irgendwie scheinen wir damit tatsächlich die Welt verlassen zu haben. Die Pärchen vor mir wiegen sich leicht benommen und fremdgesteuert, die Musiker sind in ihrer Welt und ich?.. Ja, ich hab mein Raumschiff leider verpasst, ich laufe nach drei Stunden hier stehend auf meinen Pumps durch den Westen Stuttgarts nach Hause. „Schmerzen nur ein Produkt“!. Das ist ganz ok. (leonie….Photos: ©thomasneumann)

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