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Musikalische Früherziehung und noch viel mehr (… und lauter)

(js) Wer von uns Altvorderen kennt es nicht? Musikalische Sozialisierung Ende der 70er/Anfang der 80er. Und dies bestenfalls ohne Dazutun der Erziehungsberechtigten. Bei mir, aber dies nur am Rande, wäre es andernfalls auf Wencke Myhre herausgelaufen. Oder Lena Valaitis. Gut, beide optisch damals durchaus ansprechend, aber rein musikalisch – verzeih mir, Mama – eher so La La. Also hieß es, sich einen eigenen Namen als Musikliebhaber zu erarbeiten. Ohne fremde Hilfe. Nicht umsonst waren die frühen 80er ja auch die Zeit namhafter Einzelkämpfer wie Stallone, Lundgren, Norris und van Damme. Zeiten also, in denen Ca(r)sten noch ein Vorname war.

Ich kann mich tatsächlich nicht mehr exakt erinnern, wann und durch welchen Umstand genau es dazu führte, dass ich mich dem Hard Rock, aber vor Allem auch dem Heavy Metal widmete. Weiß aber wie heute, dass mich früh schon „Deep Purple“, „Queen“, „Kiss“ und „Thin Lizzy“ anfixten und ich im Zuge dessen den heiligen Gral der Radiounterhaltung kennen und schätzen lernen durfte. Die „HM Show“, die einmal wöchentlich abends von 22 bis 23 Uhr auf dem britischen Soldatensender „BFBS“ über den Äther ging. Zu einer Uhrzeit also, zu der ein knapp 14-jähriger Heranwachsender sich anderen Dingen widmen sollte. Dem Schlafe nämlich, um sich auf den kommenden Schultag vorzubereiten. So zumindest sah der Anspruch meiner Eltern aus.

Den Eltern also, die mir erst kurz zuvor eine „Schneider Team 300R“-Kompaktanlage zukommen ließen. Wer sich erinnert, der weiß, dass dieses „HiFi-Rack“ – zumindest gefühlt – Kokosnuss große Leuchtdioden sein Eigen nannte. Das war soweit auch ziemlich cool. Aber eben nicht zu der Zeit, als man wie aufgedreht darauf wartete, dass der legendäre Tony Jasper ans Mikrofon trat und die „HM Show“ eröffnete. So kam es dann, dass ich an diesen Dienstagabenden ein großes Duschhandtuch mit ins Kinderzimmer schmuggelte, um damit rechtzeitig all die leuchtenden Dioden ihrer eigentlichen Funktionen zu berauben. Nämlich für ordentlich Beleuchtung zu sorgen.

Ich habe diese Sendung gelebt, gefeiert. Und all das immerzu mit dem nervös bebenden Finger über der Aufnahmetaste. Und wir reden hier immerhin von mir als einen jungen – und obendrein zu kurz geratenen – Knirps, der der englischen Sprache noch nicht vollumfänglich mächtig war. Und somit hieß, ob der britischen Aussprache Jaspers, die Schweizer Band „Krokus“ bei mir bis auf weiteres „Crockets“. Was dazu führte, dass ich deren LP über einen recht langen Zeitraum in keinem Laden meiner heimatlichen Gefilde finden konnte. Es gab sie nämlich noch diese Plattenläden. Und wer genoss nicht die morgendliche Busfahrt hin zur Schule mit einer Plastiktüte von „Die Schallplatte“ in der Hand, in der sich die neuen Errungenschaften befanden, die ich dann zwei Freunden lieh, um im gleichen Atemzuge mir deren neue Langrillen überreichen zu lassen, um diese dann daheim für alle Ewigkeit auf Cassette zu bannen.

Man schrieb, um endlich einmal zur Sache zu kommen, das Jahr 1981, als einer meiner beiden Metal-Kumpel diesen einen musikalischen Brocken aus Vinyl namens „Motörhead – No Sleep ‚til Hammersmith“ auf meinen Plattenspieler legte, der beinahe majestätisch aus der „Schneider Team 300R“ Kompaktanlage herausragte. Und den Drehknopf der Lautstärkeregulierung kontinuierlich und nur allzu verständlich nach rechts bewegte. Vor mir entstand umgehend eine schier undurchdringliche Wand aus Gitarren-, Bass- und treibendem Schlagzeuggeböller. Phil „The Animal“ Taylor peitschte den Rhythmus und darüber schrie sich Lemmy die Stimmbänder wund. Dieses Gewummere, diese schnell gespielten Melodien (ja, Mama, es waren welche!), kannte ich bis dato nur aus dem Punk – von den Kennedys meinetwegen oder UK Subs. Aber eine Metal-Band mit einem solch undurchdringlichen Brett? Großartig! Oder geil, wie wir damals halbstark zu sagen pflegten.

Eine Woche später latschte ich aus „Scottys“ Plattenladen in meiner Heimatstadt Herten, hockte mich aufs Fahrrad, fuhr nach Hause und machte es mir mitsamt jener Langrille vor meiner Schneider-Anlage gemütlich. Und binnen Minuten war ich dieser Scheibe komplett verfallen. Dass „Ace Of Spades“ gleich zu Beginn kommt, ohne Ankündigung oder anderen Schnickschnack, ist eine klare Ansage. Nichts für Weicheier. Der Sound war, wie ich kurze Zeit später erfahren durfte, wie bei den Gigs. Breiig und beschissen, doch das ist vollkommen irrelevant. Das Tempo blieb über alle elf Stücke wahnwitzig, das Trio gönnt weder sich noch dem Publikum eine Sekunde Pause. Höhepunkte sind schwer zu finden, letztendlich ist die ganze Platte ein Höhepunkt. Ein Hochgesang des Rock’n’Roll in seiner verschwitzen, übel riechenden, schwarz lederigen Version.

Und mit jedem Durchlauf und mit zunehmend benebelterem Bewusstsein verhielten sich die Klänge genau anti-parallel zu meinen Gehirnwindungen und es kristallisierten sich die Songstrukturen zunehmend klarer heraus. Was für eine Scheibe. Brutaler als alles, lärmiger als ein Düsenjet und so kompromisslos und authentisch wie kein zweites Album in diesem Universum. Und heute? Über 30 Jahre später? Hat das Album keinen Deut seiner Intensität verloren. Ein Wahnsinn in Rillen gepresst. Unübertroffen. Ein Monument an Musik. Und die Ursuppe für alle harten Genres, die sich später entwickeln sollten. Ich bin davon überzeugt, dass es keine Scheibe gibt, die Bands aus allen Gangarten des Metal weitaus mehr beeinflusst hat, als diese. Welch eine Grenzerfahrung! In einem Kinderzimmer, im Jahre 1981.

Ich bin ja generell der – womöglich auch zu nostalgischen – Meinung, früher hatte Musik noch einen ganz anderen Stellenwert. Dieses besondere Gefühl, wenn man die LP aus der Hülle nahm. Vorsichtig, fast wie ein rohes Ei, und dann den Plattenspieler anwarf. Und kaum einer kann heute das Kribbeln nachvollziehen, das uns widerfuhr, als wir anfangs so unfassbar vorsichtig den Tonarm aufsetzten. Dann dieser Klang, dieses Gefühl, in dem Moment genau dort sein zu wollen und nicht woanders. All das geht heute irgendwie schon ein wenig unter. Und um dieses Gefühl exakt so aufkommen zu lassen, bedarf es wohl nicht einmal eines mit Tausenden Songs gefüllten Smartphones. Es aber nur auf diesen Umstand zu schieben, ist sicherlich zu einfach.

Und mein persönlicher Umgang mit Musik war damals wohl auch etwas fragiler, vielleicht sogar zärtlicher. Wertvoller? Womöglich auch. Aber ich will das Hier und Heute nun beileibe nicht schlecht schreiben. Man hat mittlerweile die Möglichkeit, sich nahezu jedes Album auf youtube komplett anzuhören und im Anschluss online zu erstehen. Die Auswahl ist riesig und sich musikalisch viel breiter aufzustellen, wird einem sehr einfach gemacht – wenn man denn überhaupt mag. Junge Bands bekommen (zB via bandcamp) plötzlich eine neue Bühne, die ich mir auch sehr gerne zu Nutze mache. Diese win/win-Situation ist mir stets eine große Genugtuung. Viele musikalische Perlen habe ich für mich persönlich dort schon entdeckt. Und die Bands auf solch direktem Vertriebswege zu unterstützen, ist mir obendrein Freude und Auftrag zugleich.

Was für uns Alteingesessene noch Nostalgie pur ist, wird für die jüngeren Generationen eher unter dem Motto „erschwerter Zugang zur Musik“ laufen. Aber egal, was heute den Stellenwert der steten Verfügbarkeit besitzt, waren für mich rückblickend eben diese Momente des Besonderen. Aus Gründen meiner als Schüler selbstredend rar gesäten Finanzen und daraus resultierend auch der geringen Fluktuation an neuen Scheiben. Insofern lässt sich auch nur schwerlich über gut oder schlecht diskutieren; will ich deshalb auch gar nicht. Weitaus wichtiger ist doch vor Allem das, was am Ende für uns alle übrig blieb. Und das sind für mich unzählige wunderschöne Erinnerungen an die Anfänge meiner musikalischen Sozialisierung.

Somit abschließend ein von Herzen kommendes „abbaeskes“ „Thank you for the music“ und ein „Rock on“ allerseits….(jensS)

Filed under: musikalische Sozialisierung,

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